Windisch

Sarg in Adlerform und Sessel aus Pneus

Claudia Lüscher und Reto Andri vor einem Werk von Cristiano Mangovo aus Angola.

Claudia Lüscher und Reto Andri vor einem Werk von Cristiano Mangovo aus Angola.

Wo einst Seife produziert wurde, gibt es heute Kunst zu besichtigen. Regelmässig wollen Claudia Lüscher und Reto Andri in Windisch zeitgenössische Kunst und eine Auswahl an Designermöbel aus den 50er- bis 70er-Jahren zeigen.

Im Eingang der Galerie «52Lager» von Reto Andri und Claudia Lüscher wird der Besucher von einer Art Thronsessel empfangen. Weil die erste öffentliche Ausstellung des Paares hauptsächlich afrikanische Kunst zeigt, könnte man sich darauf gut einen Stammeshäuptling vorstellen. Doch das massive Gebilde besteht genauso wie die Masken mit den lachenden Mündern an den Wänden aus lauter Waffenmaterial. Belustigung weicht Betroffenheit.

Gonçalo Mabunda, der während des blutigen Bürgerkriegs in Mosambik aufwuchs, hat die Patronenhülsen, Gewehr- und Granatenteile alle selber gefunden und daraus Objekte von bizarrer Schönheit kreiert. Dank Andri und Lüscher kann er sein Schaffen jetzt zusammen mit neun anderen Künstlern aus Afrika und Indonesien erstmals in der Schweiz zeigen. «Wir besuchten einige davon in ihren Heimatländern», erzählen die Zwei und zeigen sich begeistert, «es gab ungeheuer viel kreatives Potenzial zu entdecken. Die afrikanische Kunst wird total unterschätzt. Das wollen wir ändern.»

Aussteller sind Autodidakten

Praktisch sämtliche Aussteller sind Autodidakten. Sie schöpfen nur aus sich selber. Grosse Namen aus der westlichen Kunstszene sind ihnen fremd. Bereits in Europa und den USA bekannt ist der Ghanaer Paa Joe. Mit seinen Fantasiesärgen hat er international Furore gemacht. Egal ob fliegender Adler, Mercedes oder Ananas: den Wünschen, wie man zur letzten Ruhe gebettet werden möchte, sind keine Grenzen gesetzt. Joe ist in Andris Schauräumlichkeiten mit zwei Miniaturen seiner kuriosen Särge vertreten.

Nachhaltige Wirkung haben die Acrylmalereien von William T. Njepe aus Kamerun. Der leere Blick des Buben, der an einem Motorrad herumhantiert, lässt einem nicht mehr los. Sein linkes Bein ist an die Karosserie gekettet und symbolisiert die unausweichliche Armutssituation, in der er sich befindet. In seiner Hosentasche steckt ein Papierschiffchen, im Kopf wird seine Gedankenwelt visualisiert. Dort schwirren Cartoon- und Märchenfiguren herum; sie zeigen, dass er sich wie jedes andere Kind nach einer unbeschwerten Jugend sehnt.

Die quirligen Strassenszenen in leuchtenden Farben von Cristiano Mangovo stimmen den Galeriebesucher wieder froh. Markant am Stil des Angolaners ist, dass er Menschengesichter gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven darstellt. Damit erinnert er stark an Picasso, von dem er in seinem Land aber noch kaum gehört hat.

Auch grosse Namen vertreten

Andri und Lüscher haben die ehemaligen Fabrikhallen der Seifenfabrik W. Speck an der unteren Klosterzelgstrasse 8 in Windisch Ende 2017 gemietet und möchte darin künftig regelmässig zeitgenössische Kunst und eine Auswahl an Designermöbel aus den 50er- bis 70er-Jahren zeigen. Zu den Kunstschaffenden pflegt das Paar einen engen und freundschaftlichen Kontakt. «Uns ist es wichtig, dass die aufgebauten Beziehungen Kontinuität haben», meint Andri. Der selbstständige 40-jährige Bauleiter will nicht nur wenig oder gänzlich unbekannte Kreative fördern, er sammelt auch leidenschaftlich Wohnobjekte aus dem 20. Jahrhundert. «Vor Jahren tauschte ich ein Bild gegen einen der typischen geschwungenen S-Chairs von Alvar Aalto ein», erzählt der gebürtige Brugger, «damit fing alles an.» Unter den rund 50 Teilen, die er sich mittlerweile erworben hat, befindet sich ein Sessel und Sofa aus der ersten Produktionsserie von Poul Kjaerholm. Auch andere grosse Namen wie Mario Botta und Max Bill sind in seiner Kollektion vertreten. Wichtig sei aber nicht der Bekanntheitsgrad des Designers, sondern dass ein Stück formal ansprechend sei.

Dank dem Pneu-Hocker des Senegalesen Amadou Ba finden Kunst aus Afrika und westliches Möbeldesign in der aktuellen Ausstellung in Windisch schlussendlich einen gemeinsamen Nenner. Alle Teile sind auf der Website www.52lager.ch ersichtlich. Dort gibt es auch Informationen zu den Künstler und Designer. Individuelle Besuche können per Mail an info@52lager.ch vereinbart werden.

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