Montagsporträt
Sänger Dino Lüthy: «Ich bin keiner, der dauernd flüstert»

Der Brugger Dino Lüthy ist Sänger und Mathematiker: Im Zimmermannhaus gibt er einen Liederabend.

Elisabeth Feller
Drucken
Teilen
Im Elternhaus hat er nicht unbedingt Klassik, sondern Rockmusik gehört: Heute ist Dino Lüthy ein lyrischer Tenor. EF.

Im Elternhaus hat er nicht unbedingt Klassik, sondern Rockmusik gehört: Heute ist Dino Lüthy ein lyrischer Tenor. EF.

«Dies Bildnis ist bezaubernd schön», singt Tamino in Mozarts Oper «Die Zauberflöte». Der junge Mann ist wie vom Blitz getroffen, als er in Paminas Antlitz blickt, obgleich dieses nur auf einem Bild zu sehen ist. Das Publikum applaudiert dem jungen Tenor begeistert. Dieser ist neu im Ensemble. Ein Raunen geht durch das Parkett und die Ränge: «Aus dem wird noch etwas.» Der potenzielle Anwärter auf die berühmte Mozartrolle sitzt entspannt beim Kaffee und lächelt über das, was er sich vorstellen kann, indessen noch Wunschtraum ist.

Aber Dino Lüthy, 28, wird mit Sicherheit auf einer Opernbühne stehen. Vielmehr: Erneut. Im Sommer dieses Jahres hat er schon Bühnenluft geschnuppert. Als Ferrando in Mozarts «Così fan tutte» gastierte er im Teatro Poliziano im italienischen Montepulciano – «ein wunderbares Erlebnis.» Wiewohl Dino Lüthy bald den Master in Operngesang an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf macht, will er diesbezüglich nichts überstürzen. Seine berufliche Laufbahn plant er sorgsam und weitsichtig.

«Singe viel Lied»

Doch der Reihe nach. Wollte Dino Lüthy schon als Kind Sänger werden? Nein, winkt er ab, obwohl er – Sohn des Brugger Pianisten Jürg Lüthy – aus einem Elternhaus stammt, «in dem viel musiziert wurde. Aber ich habe nicht unbedingt Klassik gehört, sondern eher Rockmusik.» Später, in der Kantonsschule Wettingen, hat er das Singen zwar entdeckt, aber dieses zum Beruf machen? «Ich wollte Mathematik studieren, weil ich mir sicher war: Das kann ich.» Im zweiten oder dritten Studienjahr war klar: «Ich studiere Gesang» – weil er schon Gesangsstunden bei Paolo Vignoli genossen hatte.

Die Mathematik wurde jedoch nicht vernachlässigt: Dino Lüthy besitzt den Bachelor und den Master in Mathe – verfügt somit über einen reich bepackten Rucksack für alle Fälle, der ihm erlaubte, mit 24 ein Gesangsstudium aufzunehmen: zunächst bei Gerd Türk an der Schola Cantorum Basiliensis; im letzten Jahr dann bei Ludwig Grabmeier an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. In der Rheinstadt lebt er mittlerweile, doch für Stippvisiten in Brugg reicht es allemal. «Es ist für einen Sänger schwer, den richtigen Lehrer zu finden», sagt Dino Lüthy. Umso glücklicher ist er, in Grabmeier «eine Art Leitperson» gefunden zu haben, die ihm den Rat gab: «Singe viel Lied und nicht nur Opernarien.» Weshalb? «Weil im Liedgesang noch keine extreme Höhe gefragt ist. Man kann dabei unglaublich viel lernen», sagt der junge, eloquente Tenor und bringt das so auf den Punkt: «Man muss eine Opernarie wie ein Lied singen und ein Lied wie eine Opernarie.» Das klingt vielversprechend. Vor allem im Hinblick auf sein erstes Konzert im Zimmermannhaus Brugg am 1. November.

Liedliebhaber haben jetzt schon feuchte Augen, vergegenwärtigen sie sich das Programm: Robert Schumanns Liederkreis op. 24 und 39; sodann Alban Bergs Klaviersonate op. 1 und Richard Strauss’ Schlichte Weisen. Ein wunderbares, anspruchsvolles Programm. Dino Lüthy nickt und strahlt. Es ist massgeschneidert für den lyrischen Tenor mit baritonaler Färbung, der grosse Legato-Bögen singen kann – so, wie sie das Lied eben erfordert. Angst vor dem Auftritt in Brugg hat Dino Lüthy nicht, wohl aber Respekt und natürlich auch Lampenfieber, «doch das gehört einfach dazu». Steht er erst einmal auf der Bühne, legt sich dieses schnell. Das wird in Brugg nicht anders sein, zumal ihm die Pianistin Sharon Prushansky zur Seite steht. «Sie kann einfach alles; sie spielt auf allen Tasteninstrumenten, egal, ob es sich um ein Hammerklavier oder einen Flügel handelt.»

Lieder will Dino Lüthy auch weiterhin singen: «Opernpartien von Puccini oder Verdi wären für mich derzeit nicht so gut; wohl aber solche von Mozart, Donizetti oder Rossini.» Bedauert er das? Aber nein. Dino Lüthy hat «schon so viele Tenöre erlebt, die nach wenigen Jahren ihre Stimme ruiniert haben». Weil sie zu früh Rollen gesungen haben, die für ihre Stimme nicht geeignet waren? Oder weil sie verheizt wurden? «Ja. Aber man muss unbedingt Geduld haben, schliesslich singt man 20 bis 30 Jahre.» Lächelnd zitiert Lüthy den grossen Sänger Luciano Pavarotti: «Eine Tenorstimme ist wie ein wildes Pferd, das man kontrollieren muss.»

Die Stimme verändert sich

Daran orientiert sich der 28-Jährige. Er will seine Stimme «richtig» ausbilden lassen. «Denn da liegt etwas in der Tiefe, das man Schicht um Schicht freilegen kann. Für mich spannend ist auch, wie sich die Stimme im Laufe der Zeit verändert und wie neue Klangfarben hinzukommen.» Anders als manche seiner Kollegen ist Dino Lüthy nicht ängstlich um seine Stimme besorgt. «Ich bin keiner, der dauernd mit dem Schal herumläuft oder flüstert.» Flüstern ist 2015 nicht angesagt. Das nächste Jahr steht ganz im Zeichen des Vorsingens: Dino Lüthy will auf sich aufmerksam machen. Also geht er auf Tournee, um sich bei Agenturen und Opernhäusern vorzustellen. Was wäre ihm am liebsten? «Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder geht man an ein kleineres Haus, wo man bald grössere Rollen singen kann oder an ein grösseres, wo man kleinere Partien singt – etwa im Rahmen eines Opernstudios.» Beides habe Vor- und Nachteile. Entscheidend ist für Dino Lüthy aber stets das, was ihm Lebensmotto ist: «Mir geht es gut, wenn es meiner Stimme gut geht.»

Zimmermannhaus Brugg Liedrecital mit Dino Lüthy, Tenor, und Sharon Prushansky, Klavier. 1. November, 19.30 Uhr.