Brugg-Windisch
Sagt uns der Intelligenz-Quotient, wie wir ins Bildungssystem passen?

Die Intelligenz-Forscherin Elsbeth Stern von der ETH Zürich referierte an der FHNW anlässlich des Podiums «Interface».

Christoph Bopp
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«Wenn man annimmt, dass Intelligenz normalverteilt ist, verträgt sich das eigentlich nicht mit Bildungssystemen mit Schubladen.»

«Wenn man annimmt, dass Intelligenz normalverteilt ist, verträgt sich das eigentlich nicht mit Bildungssystemen mit Schubladen.»

«Zählen und Messen: die Macht der Zahlen» – so der Titel der diesjährigen Vortragsreihe. Das abschliessende Referat drehte sich um eine Zahl, der man «Schicksalskraft» schwerlich absprechen kann. Der Intelligenz-Quotient (IQ) sei «ein ziemlich genauer Indikator für zukünftigen (Berufs-)Erfolg», sagte die Psychologin Elsbeth Stern, die an der ETH Zürich den Lehrstuhl für Lehr- und Lernforschung besetzt. Ein hoher oder tiefer IQ ist Schicksal pur.

«Zeit», sagte Albert Einstein zum Philosophen Henri Bergson, «ist das, was der Zeiger meiner Uhr anzeigt». Der Philosoph war geschockt. «Und sonst weiss ich nicht, was die Philosophen meinen, wenn sie ‹Zeit› sagen», gab der Physiker kalt lächelnd einen drauf.

Die Episode lässt sich problemlos auf «Intelligenz» uminszenieren. «Intelligenz ist, was Intelligenz-Tests messen», Elsbeth Stern sagte das sinngemäss auch. Allerdings verpasste sie es nicht anzuführen, dass es natürlich auch eine Definition von Intelligenz gibt, welche die kognitiven und anderen geistigen Fähigkeiten umfasst.

Computern billigt man schnell «Künstliche Intelligenz» zu, oft ohne genau anzugeben, was denn ihr Gegenpart, die menschliche Intelligenz, eigentlich sei. «Eine sehr allgemeine geistige Fähigkeit», fasste Elsbeth Stern zusammen, die nicht nur Rechnen, Erinnern, Analysieren, Evaluieren, Erfassen und dergleichen umfasst, sondern auch Planen und vernünftiges Vorausschauen.

Einstein hat die Zeit dem philosophischen Räsonnieren weggenommen, im Zeitalter der Phänomenologie eine schmerzliche Sache, um sie für seine Kritik am Konzept der Gleichzeitigkeit dienstbar zu machen.

Die Psychologen haben uns den intuitiven Begriff der Intelligenz weggenommen, um ihn zu einem Quotienten und damit «operationalisierbar» zu machen. Intelligenz ist – und das per definitionem – innerhalb der Gesellschaft normalverteilt. Man lässt eine Stichprobe von Leuten Tests absolvieren, gibt dem Mittelwert der erzielten Leistungen den Wert 100, den Rest erledigt die Standardabweichung.

Eltern sorgen sich dauernd, ob der Nachwuchs auch intelligent genug sei. Denn man weiss, dass Intelligenz – ob gemessen oder nicht – stark von der genetischen Ausstattung abhängt. Früher diskutierte man heiss um «Nature» oder «Nurture» oder um die populäre Formulierung, «ob Intelligenz angeboren sei».

«Nature via Nurture» heisst heute die Devise, es geht darum, das Potenzial möglichst effektiv zu realisieren. Eigentlich sei es «eine Lotterie bei der Befruchtung», sagte Stern, danach braucht es gute Ernährung, emotionale Geborgenheit, Sprachförderung und Umgang mit Symbolsystemen. Davon abgesehen sei «die Intelligenzentwicklung erstaunlich robust».

Je länger Kinder allerdings vernachlässigt werden, desto stärker leidet ihre Intelligenzentwicklung. Das sah man am traurigen Beispiel der vernachlässigten Waisenkinder aus Rumänien.

Als Korrektiv und Massstab, um die Qualität von Unterricht zu messen, sei der IQ sinnvoll, sagte Elsbeth Stern. Motivation der Schüler kann Lehrer beeinflussen, Intelligenz nicht. Nicht sehr zielführend ist der IQ für die Selektion in mehrstufigen Bildungssystemen.

Schulleistungen und IQ hängen nicht zwingend zusammen, da spielen viele andere Faktoren hinein. «Wenn man annimmt, dass Intelligenz normal verteilt ist, verträgt sich das eigentlich nicht mit Schubladensystemen.»

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