Brugg

Rutenzug vor 100 Jahren: Die Uniform war nicht mehr zwingend

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Kadettenwesen kritisch hinterfragt – das hatte Folgen für den Brugger Rutenzug.

Im Unterschied zu den Jahren während des Ersten Weltkriegs mussten die Brugger Schülerinnen und Schüler vor 100 Jahren keine Angst davor haben, dass der Rutenzug nicht stattfinden könnte. Dafür war den Bruggern das Jugendfest zu wichtig. Anders sah es etwa in Baden aus, wo 1919 auf ein Jugendfest verzichtet wurde und stattdessen Klassenausflüge durchgeführt wurden.

Die Vorbereitungen des Jugendfests verliefen 1919 in geordneten Bahnen und hinterliessen wenig Spuren im Stadtarchiv. Vieles war eingespielt und wurde nicht aktenkundig. Im März erteilte der Stadtrat dem Brugger Baumeister Gustav Angst den Auftrag, gegen eine Entschädigung von 700 Franken den Tanzboden auf der Schützenmatt und die Bühne für die Morgenfeier in der Stadtkirche aufzubauen und anschliessend wieder abzubauen. Nachdem im Vorjahr die Platanen auf der Schützenmatt zu wenig Schatten gespendet hatten, beschloss der Stadtrat, 1919 auf das Schneiden der Bäume möglichst zu verzichten.

Die Bilder vom letztjährigen Rutenzug:

Jugendfesthöhepunkt: der Rutenzug durch die Brugger Altstadt

Jugendfesthöhepunkt: der Rutenzug 2018 durch die Brugger Altstadt im Video.

 

Für die Lieferung der 150 Gramm schweren Brötchen und der 130 Gramm schweren Jugendfestwürste wurden wiederum Offerten eingeholt. Die entsprechenden Verbände offerierten die Brötchen für 15 Rappen und die Würste für 1 Franken und 30 Rappen. Konkurrenzlos erhielten sie den Zuschlag und regelten die Aufteilung des Auftrags untereinander selber. Da sich niemand für die Jugendfestwirtschaft beworben hatte, ersuchte die Stadt den Wirt des Roten Hauses um Übernahme derselben. Auch die Stadtmusik war wie in den Jahren zuvor bereit, als Umzugs- und Tanzmusik zu wirken. Da viele ihrer Mitglieder aus den umliegenden Gemeinden kamen und am Rutenzug nicht frei hatten, verlangte die Stadtmusik 200 Franken statt 100 Franken wie im Vorjahr. Die Entschädigung diente vor allem dazu, den Lohnausfall der Mitglieder für diesen Tag zu kompensieren. Schliesslich war auch das Rettungskorps der Brugger Feuerwehr bereit, das Aufhängen der Kränze sicherzustellen und die Schülerinnen und Schüler am Heimzug zu begleiten.

Statt Kadetten ein Turnerzug

Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte in weiten Teilen der Bevölkerung der Glaube an den ewigen Frieden und vielerorts wurde der Sinn der Armee und des Kadettenwesens kritisch hinterfragt. Die Konferenz der aargauischen Kadettenkommission tagte im März 1919 in Brugg und beschloss ein neues Programm für den Kadettenunterricht an den Bezirksschulen. Der militärische Teil der Ausbildung wurde zugunsten des sportlichen Teils stark reduziert. Auf die militärischen Gradstrukturen wurde fortan für einige Jahre verzichtet und nur noch die Bezeichnung «Führer» und «Gruppenführer» verwendet. Da lange Zeit unklar war, ob, und wenn ja, in welcher Form das Kadettenwesen weitergeführt werden würde, beschloss die Schulpflege, dass es den Schülern 1919 freigestellt sei, eine Kadettenuniform anzuschaffen oder nicht. Für den Rutenzug legte die Schulbehörde fest, dass die Kadetten der oberen drei Klassen, wie bisher mit Gewehr und Fahne, aber ohne Offiziere und Säbel am Umzug teilnehmen sollten. Die Neueintretenden – damals begann das neue Schuljahr nach den Frühlingsferien – sollten sich diesen in Zivil und ohne Gewehr anschliessen. Diese unbewaffneten und nicht uniformierten Kadetten bildeten in den nächsten Jahren den sogenannten Turnerzug. Diesem Zug wurden auch diejenigen Schüler zugewiesen, die keine Uniform anschaffen wollten oder konnten.

Im Brugger Tagblatt erschienen im Vorfeld Leserbriefe, die einerseits dazu aufriefen, bei den Jugendfesttänzen dafür zu sorgen, dass vor den Sitzplätzen kein stehendes Publikum geduldet würde, um zu verhindern, dass nur einige wenige den Tanzdarbietungen folgen könnten. Andererseits beschwerte sich ein Einsender darüber, dass während der Morgenfeier in der Stadtkirche Kleinkinder die Feier mit ihrem Geschrei trüben würden, weshalb er die Mütter bat, entweder zu Hause zu bleiben oder dann den Nachwuchs Verwandten oder Bekannten anzuvertrauen.

Kein Jugendfestbatzen

Die Büscheliwoche begann vor 100 Jahren mit dem Sturmlauf der Kadetten. Bei Tagesanbruch jagten sie trommelwirbelnd die Hauptstrasse hoch, weckten die Bewohnerinnen und Bewohner des Städtchens und führten die erste Ladung Moos mit sich, das später von den Kindern auf dem Schulhausplatz «gebüschelt» und von Frauen zu Girlanden gekränzt wurde. Der Himmel war grau verhangen und erst am Zapfenstreich besserte sich die Wetteraussicht.

Auf den Glockenschlag setzte sich am Donnerstagmorgen, 10. Juli 1919, beim Rathaus der Umzug um Viertel vor neun in Bewegung. Vorbei an den spalierstehenden Erwachsenen führte der Festzug in die Stadtkirche, wo die Morgenfeier stattfand. Stadtmusik, Männerchor, Gemischter Chor und Orchester führten neben den Schülerinnen und Schülern ein abwechslungsreiches Konzertprogramm vor. Wie während des gesamten Ersten Weltkriegs mussten die Kinder und Jugendlichen auch 1919 auf den Jugendfestbatzen verzichten.

Mit dem Sturmlauf durch die Brugger Altstadt ist die Jugendfest-Woche 2019 am Montag lanciert worden:

Stürmisch: Die Jugend nimmt die Stadt Brugg in Beschlag

  

Am Nachmittag war der Himmel wolkenverhangen und der Umzug setzte sich deshalb früher als angesetzt von der Schulthess-Allee zur Schützenmatt in Bewegung, um nicht verregnet zu werden. Nach einigen wenigen Tropfen besserte sich das Wetter jedoch rasch. Im Geissenschachen massen sich die Kadetten klassenweise in Spiel und Turnübungen, während die übrigen Schülerinnen und Schüler auf den beiden Tanzböden ausgiebig tanzten. Um drei Uhr begann die Verpflegung der Schulkinder mit Tee, Wurst und Brot. Anschliessend folgten um halb fünf die Reigen der Mädchen. Am Abend tanzten die Schüler weiter, doch bereits um halb zehn mussten sie sich zum Heimzug besammeln. Ohne Feuerwerk führte der Zug durch das Lichtermeer der Hauptstrasse zur «Abdankung» aufs Eisi. Vom Balkon des Roten Hauses aus wandte sich der Präsident der Jugendfestkommission, Pfarrer Jahn, an die Kinder und Jugendlichen. Er erinnerte noch einmal an die schönsten Momente des Tages und ermahnte sie, dafür zu sorgen, dass der Weltfrieden erhalten bleibe. Zum Abschluss stimmten alle ein «Vaterlandslied» an, wie der Berichterstatter des Brugger Tagblatts notierte.

*Titus J. Meier ist Historiker und lebt in Brugg.

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