Brugg
Rutenzug vor 100 Jahren – als Brugg noch kleine Brötchen buk

Am Donnerstag findet der Rutenzug statt – vor 100 Jahren lockten die Kadetten Scharen von Schaulustigen an.

Titus J. Meier (Brugger Historiker)
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Dieses Bild zeigt den Nachmittagsumzug durch die Brugger Altstadt im Jahr 1914. Die älteren Schüler bekamen damals grössere Brote als die jüngeren.

Dieses Bild zeigt den Nachmittagsumzug durch die Brugger Altstadt im Jahr 1914. Die älteren Schüler bekamen damals grössere Brote als die jüngeren.

Zur Verfügung gestellt

Nachdem das Rettungskorps am Mittwochnachmittag die Kränze über die Strassen gespannt hatte, führte die Stadtmusik und eine Tambouren-Gruppe bei bewölktem, aber trockenem Wetter um neun Uhr abends einen Zapfenstreich durch, der auf den kommenden Festtag hinwies. Am Donnerstagmorgen erfolgte die Tagwache, dem Wunsch der Schulpflege entsprechend, um sechs Uhr – eine Stunde später als 1913.

Schon früh stellten sich die Menschen in festlicher Kleidung am Strassenrand auf, um den Festzug nicht zu versäumen. Angeführt durch die Kadetten setzte sich dieser um neun Uhr in Bewegung und litt unter der Ungunst des Wetters. Unter feierlichem Glockengeläute und dem Spiel der Stadtmusik führte der Umzug in die Stadtkirche zur Morgenfeier.

Nach einem einleitenden Orgelstück sangen alle Anwesenden gemeinsam einen Choral. Anschliessend bestimmten die Darbietungen der Schüler und Vereine den weiteren Verlauf, ehe Theodor Eckinger seine Ansprache hielt. Er wandte sich mit seinen Worten direkt an die Schülerschaft und ermahnte sie, in ihrem Tun stets masszuhalten und weder auf die eine noch auf die andere Seite in ein Extrem zu verfallen.

Als Kenner der Antike unterliess er es nicht, seine Ausführungen durch entsprechende Beispiele aus der Geschichte zu untermalen. Mit Blick auf die bevorstehenden Ferien ermunterte er seine jungen Zuhörer abschliessend, in den kommenden Wochen ein richtiges Mass zu finden zwischen Arbeit und Ferienfreuden. Nach seiner Rede folgten noch drei Musik- und Gesangsdarbietungen. Kurz vor elf Uhr kam die Feier zu einem Ende und die Schüler trafen sich anschliessend zur Gabenverteilung im Klassenzimmer. Neben dem Jugendfestbatzen erhielten die älteren Schüler ein 500 Gramm schweres Brot, während die jüngeren ein kleines Brötchen erhielten.

Einstündiges Gefecht

Um Viertel vor zwei setzte sich der Festzug vom Eisi in den Schachen in Bewegung. Am Strassenrand standen die Menschen aus der Stadt und den umliegenden Dörfern Spalier und liessen sich trotz einsetzendem Regen die Festfreude nicht verderben. Im Geissenschachen lieferten sich die Kadetten und die Freischaren ein einstündiges Gefecht.

Obwohl von Anfang feststand, dass die Kadetten als Sieger aus der Schlacht hervorgehen werden, liessen es sich die aus Freiwilligen gebildeten Freischaren nicht nehmen, mit viel Aufwand für ein abwechslungsreiches Spektakel zu sorgen: Ballontruppen, Sanität und gar eine Gruppe Amazonen lockerten die Gefechts-Darbietung auf. Anschliessend zogen Freund und Feind gemeinsam zur Schützenmatt, wo eine Jugendfestwurst und Getränke zur Stärkung auf sie warteten.

Auf dem Festplatz herrschte derweil ein munteres Treiben. Die Kinder vergnügten sich bei Spiel und Tanz. Auch wenn das Wetter alles andere als sommerlich war, dürfte doch der eine oder andere mit seinem Jugendfestbatzen beim Stand von Heinrich Wüthrich eine Glace erstanden haben. Um halb fünf Uhr erfreuten die Reigen der Mädchen die Festbesucher und anschliessend gaben sich die Schüler dem Tanzvergnügen hin. Etwas später als vorgesehen, um zehn Uhr, erhellte ein prächtiges Feuerwerk den Himmel über der Stadt. Danach bewegte sich der Lampionzug durch die erleuchtete Altstadt zum Roten Haus. Vom Balkon aus hielt Theodor Eckinger eine kurze Abdankungsrede und stellte dem Wetter eine Note «4 bis 5» aus, bevor er den Brugger Rutenzug noch einmal hochleben liess. Zum Abschluss intonierte die Stadtmusik die Nationalhymne und alle stimmten ein.

Der Rutenzug 1914 – vor 100 Jahren: Festredner war Vindonissa-Erforscher Theodor Eckinger. Vor hundert Jahren kürte die Schulpflege Dr. Theodor Eckinger (1864–1936) zum Festredner an der Morgenfeier vom 9. Juli 1914. Eckinger kam vor knapp 150 Jahren, am 7. Juli 1864, im züricherischen Benken zur Welt, wo sein Vater als Sekundarlehrer wirkte. Nach dem Besuch der Primar- und Sekundarschule in seinem Dorf trat er 1879 ins Gymnasium in Schaffhausen ein. Schon früh entdeckte er seine Liebe zu den alten Sprachen und zur Geschichte, weshalb er 1884 an der Universität Zürich das Studium der klassischen Philologie belegte. Fünf Jahre später schloss er seine Ausbildung mit dem Diplom für das höhere Lehramt ab und wirkte einige Zeit als Privatlehrer in Frankreich. Daneben konnte er seine Studien fortsetzen und 1892 promovieren. Anschliessend erhielt er eine feste Anstellung an der Bezirksschule Brugg für alte Sprachen und Französisch. 1900 wechselte er ans Gymnasium nach La-Chaux-de-Fonds, wo ihm eine Stelle als Latein- und Griechischlehrer angeboten worden war. So sehr er die Arbeit am Gymnasium liebte, so sehr fehlte ihm jedoch die Möglichkeit zur wissenschaftlichen Betätigung, weshalb er 1907 auf Anfrage der Schulpflege nach Brugg zurückkehrte. An der Promenade liess er sich eine Villa erbauen und unterrichtete bis 1927 an der Bezirksschule. Nach seiner Pensionierung ernannte ihn die Ortsbürgergemeinde zum Ehrenbürger. In seiner Freizeit widmete er sich ganz der Erforschung Vindonissas. Eckinger gehörte zu den Gründern der Gesellschaft Pro Vindonissa und führte von 1927 bis zu seinem Tod deren Geschicke. Zuvor wirkte er lange Jahre als Konservator der Sammlung römischer Fundgegenstände. Eckinger war überdies ein begabter Sänger und leitete während acht Jahren den Männerchor Frohsinn. (TM)

Der Rutenzug 1914 – vor 100 Jahren: Festredner war Vindonissa-Erforscher Theodor Eckinger. Vor hundert Jahren kürte die Schulpflege Dr. Theodor Eckinger (1864–1936) zum Festredner an der Morgenfeier vom 9. Juli 1914. Eckinger kam vor knapp 150 Jahren, am 7. Juli 1864, im züricherischen Benken zur Welt, wo sein Vater als Sekundarlehrer wirkte. Nach dem Besuch der Primar- und Sekundarschule in seinem Dorf trat er 1879 ins Gymnasium in Schaffhausen ein. Schon früh entdeckte er seine Liebe zu den alten Sprachen und zur Geschichte, weshalb er 1884 an der Universität Zürich das Studium der klassischen Philologie belegte. Fünf Jahre später schloss er seine Ausbildung mit dem Diplom für das höhere Lehramt ab und wirkte einige Zeit als Privatlehrer in Frankreich. Daneben konnte er seine Studien fortsetzen und 1892 promovieren. Anschliessend erhielt er eine feste Anstellung an der Bezirksschule Brugg für alte Sprachen und Französisch. 1900 wechselte er ans Gymnasium nach La-Chaux-de-Fonds, wo ihm eine Stelle als Latein- und Griechischlehrer angeboten worden war. So sehr er die Arbeit am Gymnasium liebte, so sehr fehlte ihm jedoch die Möglichkeit zur wissenschaftlichen Betätigung, weshalb er 1907 auf Anfrage der Schulpflege nach Brugg zurückkehrte. An der Promenade liess er sich eine Villa erbauen und unterrichtete bis 1927 an der Bezirksschule. Nach seiner Pensionierung ernannte ihn die Ortsbürgergemeinde zum Ehrenbürger. In seiner Freizeit widmete er sich ganz der Erforschung Vindonissas. Eckinger gehörte zu den Gründern der Gesellschaft Pro Vindonissa und führte von 1927 bis zu seinem Tod deren Geschicke. Zuvor wirkte er lange Jahre als Konservator der Sammlung römischer Fundgegenstände. Eckinger war überdies ein begabter Sänger und leitete während acht Jahren den Männerchor Frohsinn. (TM)

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