Armut

Rund ein Drittel der armutsbetroffenen Personen ist über 65 Jahre alt – das sind die Gründe

Ältere Personen sind nicht automatisch reich (Symbolbild).

Ältere Personen sind nicht automatisch reich (Symbolbild).

AHV und Ergänzungsleistungen reichen, um über die Runden zu kommen. Trotzdem kann längst nicht jeder Pensionär seine Bedürfnisse decken.

«80% der Leute kommen zu uns, weil es im Portemonnaie wehtut», sagt Xaver Wittmer, Fachverantwortlicher der Sozialberatung von Pro Senectute Aargau. Von Altersarmut wird gesprochen, wenn ältere Menschen ihre Bedürfnisse mit eigenen Mitteln nicht mehr decken können.

«Einen Mercedes zu besitzen ist natürlich kein gesellschaftlich anerkanntes Bedürfnis. Aber wenn sich jemand den Zug ins Berner Oberland nicht leisten kann, um die Enkel zu besuchen, ist das eins.» Laut den Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) von 2017 ist rund ein Drittel der armutsbetroffenen Personen über 65 Jahre alt.

Scheidung, Krankheit oder fehlende Vorsorge führen zu Problemen

Pro Senectute Aargau betrachtet jeden Fall für sich. Geldknappheit äussert sich vielfältig. «Zum Beispiel, wenn sich jemand Hilfsmittel wie eine Brille nicht mehr leisten kann. Oder der Hund, auf den die Person psychisch und körperlich angewiesen ist, bricht sich das Bein und benötigt eine Operation. Auch das kann schnell problematisch werden», sagt Wittmer.

Ebenso vielseitig sind die Ursachen für Armut. Arbeitslosigkeit; eine eigene Firma, die nicht mehr gut läuft; gesundheitliche oder familiäre Probleme. Auch eine Scheidung kann finanzielle Schwierigkeiten mit sich bringen. Dieser Fall betrifft vor allem Frauen, die sich vor dem revidierten Scheidungsrecht getrennt haben. Zudem verfügen viele, die jetzt im Pensionsalter sind, über keine berufliche Vorsorge (BVG).

Wenn das eine zum anderen führt, befindet man sich schnell in einer Abwärtsspirale. «Das Versicherungs- und Sozialwesen ist selektiv ausgelegt. Es besteht die Gefahr, dass jemand genau in die Zwischenräume fällt.» Pro Senectute bietet mit der Beratungsstelle in Brugg, die für den Bezirk zuständig ist, ein breites Angebot an Bildungskursen, sportlichen Aktivitäten, Unterstützung bei Haushalt, Steuern oder Sozialberatungen. «Wenn jemand etwas braucht, kann er mit unserer Sozialberatung einen Termin vereinbaren. Ausschlusskriterien gibt es nicht», sagt der Fachverantwortliche Wittmer.

Ihre Angelegenheiten wollen Senioren selbst regeln

Pro Senectute hilft auch bei der Frage, wie Prioritäten anders gesetzt werden können, damit die Finanzen ausreichen. Aber viele 80- bis 90-Jährige haben den Anspruch, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Zudem verstehen sich Betroffene oft nicht als arm. «Hier gibt es langsam einen Kulturwandel. Ein 65-Jähriger kommt anders daher, ist vielleicht fordernder», sagt Wittmer.

Niemand nehme Armut auf die leichte Schulter, hält der Fachverantwortliche fest. «Armut zuzugeben ist für viele wie ein Coming-out. Die Menschen denken, sie genügen nicht oder sind schlecht.» Scham spielt mit hinein. «Dass man im Alter weniger Einkommen hat, trifft alle. Aber gut situierte Personen können zum Beispiel besser planen.»

Ein Problem sind oft Mietkosten. Bei den Ergänzungsleistungen werden für eine Einzelperson maximal 1100 Franken für die Wohnungsmiete angerechnet. Je nach Ort sei es jedoch schwierig, eine Wohnung in diesem Rahmen zu finden, so Wittmer. Auf dem Land sehe die Situation zum Beispiel anders aus als im städtischen Gebiet. Wo allerdings höhere Mietkosten anfallen, muss die Differenz vom Mund abgespart werden.

Nicht das Alter ist teuer, sondern nur die beiden letzten Lebensjahre

Nicht das Alter sei teuer, sondern die Pflege, betont Wittmer. «Die letzten beiden Lebensjahre sind kostspielig und aufwendig.» Es stimme auch nicht, dass alte Personen reich sind. Zwar sammeln sich grosse Vermögen häufig bei älteren Menschen, aber die Statistik ruft dadurch ein verfälschtes Bild hervor. Der Graben zwischen reichen Rentnern und Seniorenhaushalten, die kaum über Mindestreserven verfügen, wird immer grösser.

Im grossen Ganzen reiche die AHV in Kombination mit Ergänzungsleistung zum Leben. «Man kommt über die Runden. Aber jemanden einzuladen, zu reisen oder auswärts zu essen ist nicht möglich», sagt Wittmer. Er spricht zudem von einer Verschärfung: Das politische Klima wirke sich aus, die Schrauben werden angezogen. 2009 veröffentlichte Pro Senectute die Studie «Leben mit wenig Spielraum» über Altersarmut in der Schweiz. «Die Forderungen sind auch zehn Jahre später noch brandaktuell», sagt Wittmer.

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