Windisch/Mihailesti
Rumänien-Hilfswerk: Den Kindern fehlt es am Allernötigsten

Für sein Rumänien-Hilfswerk plant Stefan Wagner einen zweiten Transport. Er will Materialsammeln für die Kinder.

Michael Hunziker
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Viele Gebäude - wie diese Wohnüberbauung in Bukarest - sind in einem desolaten Zustand.

Viele Gebäude - wie diese Wohnüberbauung in Bukarest - sind in einem desolaten Zustand.

zvg / Stefan Wagner

Emotional total aufgewühlt sei er gewesen, blickt Stefan Wagner aus Windisch zurück. Bei seinem letzten, einwöchigen Aufenthalt in Rumänien habe er Termine in einem Kinderheim sowie in einem staatlichen Kinderspital mit krebskranken Kindern wahrnehmen dürfen. Diese Besuche seien eindrücklich gewesen. Angetroffen habe er zwar sehr engagierte Mitarbeiterinnen. Der Zustand von Gebäuden und Mobiliar aber sei oft desolat, die allernötigsten Einrichtungen fehlen. «Bei uns wäre das unvorstellbar.» Fotoaufnahmen, fügt er an, seien nicht erlaubt gewesen. «Offenbar soll im Ausland niemand sehen, wie schlecht es teilweise steht.»

Stefan Wagner und Marius Arsene im Sommer 2014.

Stefan Wagner und Marius Arsene im Sommer 2014.

zvg / Stefan Wagner

Vor über zweieinhalb Jahren gründete Wagner einen Fonds, um den früheren Spitzensportler Marius Arsene aus Rumänien zu unterstützen. Aus der spontanen Idee ist mittlerweile ein veritables Hilfswerk entstanden. Er könne es selber kaum glauben, was sich getan habe, was erreicht werden konnte, sagt der 56-Jährige. Hilfsgüter kamen zusammen, ein erster erfolgreicher Transport nach Mihailesti wurde im Sommer 2014 durchgeführt. Auch gründete das Hilfswerk Vereine in der Schweiz und – nach zähen Verhandlungen – in Rumänien. Der Vorteil: «Als eine staatlich anerkannte Nonprofit-Organisation können wir unsere Hilfeleistungen breiter abstützen und ausweiten.»

Jetzt gibts Weinachtsgeschenke

In einer nächsten Phase sollen schwerpunktmässig Kinder im Alter von 6 bis 16 Jahren unterstützt werden. Es gebe immer wieder Mädchen und Buben, die auf der Strasse und schliesslich im Heim landen, erklärt Wagner. Der Staat finanziere zwar die Infrastruktur und zahle die Löhne der Mitarbeiter. Es fehle aber an Schuhen, Kleidern oder Möbeln.

Beim letzten Besuch konnten Fussbälle und Schokolade verteilt werden. «Es war unglaublich, wie die Kinder reagierten. Sie waren so dankbar, ihre Freude war riesengross.» Marius Arsene wird jetzt Weihnachtsgeschenke besorgen: Duschmittel, Shampoo, Deo oder Parfüm für die grösseren, Spielsachen für die kleineren. Für das Spital wurden bereits Elektroöfen angeschafft, damit die Zimmer etwas geheizt werden können.

Im nächsten Jahr ist ein weiterer Hilfstransport geplant. «Für diesen werden wir dann gezielt Material für die Kinder sammeln», sagt Wagner. Die Details sowie der genau Zeitpunkt allerdings seien noch offen. Ebenfalls sollen 2016 endlich die Papiere und Bewilligungen vorliegen, damit der Bau eines Materialhauses beginnen kann. Leider gehe es nicht ohne Bestechung, sagt Wagner.

Viele bürokratische Hürden

Immer wieder würden die Helfer vor Schwierigkeiten gestellt. Es gebe unzählige Vorschriften, Bestimmungen und Formulare. «Als Schweizer ist vieles fast nicht zu verstehen, geschweige denn zu begreifen oder in Worte zu fassen», stellt Wagner fest. Es müssten Stunden aufgewendet werden, um Papiere zu beschaffen, um Auskünfte oder Termine bei den zuständigen Ämtern und Behörden zu erhalten. Das einzige Positive sei, fügt der Windischer an, dass er sich bei der langen Warterei jeweils gut erholen könne, weil einfach nichts zu tun sei. Überdies habe bei ihm ein Umdenken stattgefunden, die Relationen hätten sich verschoben. Über Kleinigkeiten rege er sich heute nicht mehr so schnell auf.

Er habe mittlerweile begriffen, wie das System in Rumänien funktioniere, fährt Wagner fort. «Zu beobachten, wie respektlos der Staat mit den Menschen umgeht, macht mir schon zu schaffen.» Es bewege sich kaum etwas in diesem eigentlich wunderschönen Land. Statt Aufbruch sei bei der Bevölkerung vielmehr Resignation zu spüren.

Jeder Franken hilft

Ende dieses Jahres und im Frühling 2016 wird Wagner erneut nach Rumänien reisen, um weitere Gespräche zu führen und Vorbereitungen zu treffen. Vor Ort koordiniert Marius Arsene als Angestellter des Vereins die Hilfe. «Er setzt sich wahnsinnig ein, rennt den ganzen Tag herum», sagt Wagner. «Für ein Hilfswerk ist es zwingend, einen Partner vor Ort zu haben, auf den man sich voll und ganz verlassen kann. Die Menschen setzen grosse Hoffnungen auf uns und wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.» Auch wenn es nur ein Tropfen auf den heissen Stein sei: «Marius Arsene verfügt über einen grossen Bekanntenkreis. Er schaut ganz genau hin und kann sicherstellen, dass die Hilfe tatsächlich dort ankommt, wo sie dringend gebraucht wird. Jeder gespendete Franken wird direkt in Rumänien eingesetzt», betont Wagner. Auch er selber verfüge durch seine bald 30-jährige Tätigkeit als Gemeindeschreiber in Windisch über ein riesiges Beziehungsnetz und sei für viele – als weiterer Pluspunkt – eine Vertrauensperson. «So entstehen neue Kontakte und es gehen neue Kanäle auf.»

Kurz: Das Projekt habe sich erfreulich entwickelt, das Echo sei positiv. «Es hat sich herumgesprochen, viele wollen helfen.» Weil die Hilfeleistungen in Rumänien ausgeweitet werden sollen, weil die Leistungen finanziert sein wollen, sei er dankbar, wenn er weiterhin mit grosszügiger Unterstützung rechnen darf, fasst Wagner zusammen. Ihm selber habe in den letzten Monaten oft die Zeit gefehlt. Jetzt habe er nach 21 Jahren sein Amt als Präsident der Reformierten Kirchgemeinde abgegeben und dadurch mehr Freiraum, sich um die organisatorischen Belange zu kümmern. Auch der Gemeinderat stehe seinem Engagement glücklicherweise wohlwollend gegenüber.

Kontakt Verein Fonds Marius Arsene
Rumänien, c/o Stefan Wagner, Dorf-
strasse 23, 5210 Windisch, E-Mail:
fondsmariusrumaenien@bluewin.ch;
Postkonto: Fonds Marius Arsene,
5210 Windisch; PC-Konto 60-288107-0, IBAN CH86 0900 0000 6128 8107 0.

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