Montagsporträt
«Ruhn, abtreten!»: Er hat in drei Armeen Dienst geleistet

In seinem Buch «Ruhn, abtreten! – Erinnerungen an 1121 Diensttage in der Schweizer Armee» schildert Richard Schmid ein interessantes Stück Zeitgeschichte. Militärlatein sei darin nicht enthalten, sagt der Windischer

Louis Probst
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30 Jahre Erfahrung und drei Jahre Arbeit stecken im Militärbuch von Richard Schmid.

30 Jahre Erfahrung und drei Jahre Arbeit stecken im Militärbuch von Richard Schmid.

Alex Spichale

«Diese Guetzli hat meine Frau nach einem Rezept meiner Mutter gebacken», sagt Richard Schmid, lächelt, zeigt auf die Schale auf dem Tisch und erklärt: «Das Rezept steht übrigens in meinem Buch.»

Bei diesem Buch handelt es sich aber nicht etwa um ein Kochbuch. Unter dem Titel «Ruhn, abtreten!» hat Richard Schmid, der Ende 2008 im Grad des Majors aus der Dienstpflicht entlassen worden war, Erinnerungen an seine 1121 Diensttage in der Schweizer Armee festgehalten.

«Ich habe während dreier Jahre an diesem Buch geschrieben», sagt er. «Ich erzähle aber kein Militärlatein. Sämtliche Episoden habe ich bei ehemaligen Dienstkollegen verifiziert.» Eigentlich habe er das Buch ja für Dienstkollegen schreiben wollen, stellt er fest. Die Lektorin, Elisabeth Oehrli, habe aber gemeint: «Wieso schicken Sie das Manuskript nicht einem Verlag? Die Geschichten sind spannend und authentisch.» Er hätte aber nie gedacht, dass er einen Verlag finden und dass das Buch so gut ankommen würde, sagt Richard Schmid. Immerhin ist bereits beinahe die Hälfte der Auflage von 1600 Exemplaren verkauft.

Sein Ziel? Leutnant werden!

«Das Militär hatte bei uns zu Hause grosse Bedeutung», erklärt Richard Schmid. «Mein Vater war Kommandant einer Trainkolonne, und auch seine Brüder waren Offiziere. Ich hatte Vorbilder. Und ich hatte schon als Kind ein Ziel vor Augen: Leutnant werden.»

In Oberbussnang im Kanton Thurgau ist Richard Schmid auf einem Landwirtschaftsbetrieb aufgewachsen. Seine Eltern führten dazu ein Restaurant. Er selber hat dann später die Ausbildung zum Landwirt und anschliessend die Handelsschule absolviert. Heute arbeitet er bei Swissgenetics in Mülligen und wohnt in Windisch.

In seinem Buch berichtet Richard Schmid von seiner militärischen Laufbahn. Diese Laufbahn führte ihn vom Mitrailleurrekruten zum Zugführer, später – auf Umwegen – zum Kommandanten der inzwischen aufgelösten Thurgauer Füsilier-Kompanie II/73, zum Major und Pferdestellungsoffizier eines Mobilmachungsplatzes und schliesslich in den Stab des Infanteriebataillons 61. In dieser Einheit leistete er im Rahmen des Assistenzauftrages, den das Bataillon an der Fussball-Europameisterschaft Euro 08 zu erfüllen hatte, seinen 22. und letzten Wiederholungskurs.

In seinem Buch berichtet Richard Schmid in einer schnörkellosen Sprache von Erlebnissen, wie sie – wenn auch unter anderen Vorzeichen und aus anderer Perspektive – ähnlich viele ehemalige Angehörige der Armee erfahren haben. Gleichzeitig zeigt er aber auch den grossen Wandel auf, den die Armee in den gut dreissig Jahren seiner Dienstzeit erfahren hat. Eigentlich, so könnte man sagen, hat Richard Schmid ja in drei Armeen Dienst geleistet: In der Armee 61 der Zeit des Kalten Krieges, in der Armee 95 und in der Armee XXI.

Dienstzeit positiv erlebt

«Ich habe gelernt, in schwierigen Situationen durchzuhalten», zieht Richard Schmid das Fazit aus seiner militärischen Karriere. «Ich habe zudem in jungen Jahren gelernt, Leute zu führen. Man braucht aber nicht Offizier zu sein, um eine Firma erfolgreich führen zu können.» Er habe auch im Militär stets versucht, die Leute menschlich zu führen. Das sei seine grösste Motivation gewesen. Er arbeite gerne im Team. «Das konnte ich im Militär. Und das kann ich auch in meinem Beruf. Ich hatte viele gute Vorgesetzte. Das hat viel dazu beigetragen, dass ich meine Dienstzeit als positiv erlebt habe.»

Umfeld hat sich verändert

Richard Schmid stellt aber auch fest: «Das Umfeld hat sich verändert. Die Armee hat nicht mehr den gleichen Stellenwert. Vieles war früher einfacher. Leute zu führen ist heute eine grössere Herausforderung als früher.»

Sein militärischer und sein beruflicher Werdegang würden viele Parallelen aufweisen, stellt Richard Schmid fest. Nachdem sein Bruder den elterlichen Hof übernommen hatte, bekam Richard Schmid einen Job bei Swissgenetics. Dort hat er, in Bütschwil, als Logistikmitarbeiter begonnen. Seit 1983 arbeitet er in Mülligen, nun schon bald 20 Jahre als Regionalleiter. «Zu meinen Stärken gehört, dass ich gut auf Leute zugehen kann. Das muss ich in meinem Beruf können», sagt Richard Schmid. Die Besamungsregion Mülligen von Swissgenetics, die von Basel bis nach Chiasso reicht, weise immerhin 12 500 Kunden auf und sie beschäftige gut 60 Besamungstechniker. «Zudem arbeiten wir mit rund 40 Besamungstierärzten zusammen.»

Auf die Frage, ob es – in einer Zeit, in der die Armee längst nicht mehr sakrosankt ist – Mut gebraucht habe, ein Buch über seine Militärdienstzeit zu schreiben, entgegnet Richard Schmid, ohne zu zögern: «Nein. Ich bin überzeugt, dass die Armee wichtig ist. Ich habe viel Zeit und Herzblut in das Buch investiert. Ich würde es aber wieder schreiben. Ich habe viele positive Rückmeldungen erhalten – auch von Leuten, von denen ich das nicht erwartet hätte.» Er habe nicht gedacht, dass das Buch so gut ankommen würde. «Ich spüre, dass ich etwas beschrieben habe, das bei vielen Leuten Erinnerungen wachruft. Das Buch hat bewirkt, dass alte Freundschaften aus der Militärdienstzeit wieder aufgefrischt worden sind. Das ist ein schöner Nebeneffekt.»

Die Guetzli – die «Zwiebäckli» – sind übrigens ausgezeichnet. Verständlich, dass sich Richard Schmids Dienstkollegen in den Wiederholungskursen immer wieder unauffällig danach erkundigt hatten, ob das Päckli von zu Hause schon eingetroffen sei.

«Ruhn, Abtreten!», ISBN 978-3-85882-691-6, Appenzeller Verlag, 9101 Herisau.

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