Hausen

Rugby als Lebensschule: Zwei Trainer aus dem Pazifik coachen die «Hausen Baboons»

Das Team der «Hausen Baboons» profitiert von der Erfahrung der Trainer von den Pazifik-Inseln Samoa und Fidschi. Für sie ist Rugby mehr als eine Sportart.

Im pazifischen Raum ist Rugby keine Sportart, sondern ein Lebensgefühl. Spätestens seit 1995, als Rugby professionalisiert wurde. Heute sind die Teams aus dem Pazifik bekannt für ihr attraktives Rugby, für ihre talentierten Spieler und – natürlich – für ihre Kriegstänze vor den Spielen. Sei es der Haka der All Blacks, der neuseeländischen Nationalmannschaft, der Siva Tau der Samoaner oder der Cibi der Fidschianer.

Dieses pazifische Lebensgefühl hat auch in Hausen Einzug gehalten. Denn: Der 2014 gegründete Rugby-Club Hausen Baboons wird heute von Latai Toa aus Samoa und Saukarasa Ravisinga aus Fidschi trainiert. Der Sohn von Latai Toa, Jeremy, hatte im Jahr 2014 gemeinsam mit seinem besten Freund Joël Brühlmann den Klub gegründet. Daraufhin wurde Joël zum Präsidenten gewählt. Latai Toa wurde von den jungen Spielern angefragt, das Team zu Beginn zu unterstützen und zu beraten. Nach acht Monaten wurde er offiziell zum Trainer bestimmt. Der 56-Jährige spielte in Samoa, Fidschi, Neuseeland und in der Schweiz Rugby. In Samoa trainierte er in den 1980er-Jahren ein Schulteam, in den frühen 90ern noch ein Klub-Team.

Der Samoaner kam erstmals 1991 in die Schweiz. Er folgte seiner Liebe aus der Schweiz von der Pazifik-Insel nach Hausen. Im Jahr 1996 kam dann Sohn Jeremy auf die Welt. Logisch, dass dieser schon als kleiner Junge nicht etwa einem Fussball hinterherrannte, sondern gleich das Rugby-Ei in die Hände gelegt bekam. Der heute 19-Jährige ist zu einer imposanten Erscheinung herangewachsen. Mit der Grösse von 183 cm und einem Gewicht von gut 100 kg bringt er die besten Voraussetzungen für die körperbetonte Sportart mit. Er spielt regelmässig für die U20-Nationalmannschaft der Schweiz, holte mit diesem Team 2015 gar den Europameistertitel, und steht vor dem Wechsel in das Senior Nationalteam, also die A-Nati. Und er versucht, in Frankreich, wo Rugby hohes Ansehen geniesst, als Profi-Spieler Fuss zu fassen. Ein Tag vor dem Gespräch mit dieser Zeitung ist er von Lyon zurückgekehrt, wo er Probetrainings absolviert hat. Gut möglich also, dass Jeremy Toa bald nicht mehr als Captain für die Baboons aufläuft.

Die Hausen Baboons beim Rugby-Training

Die Hausen Baboons beim Rugby-Training

Rugby als Erziehung

Auf dem Rasenplatz hinter der Turnhalle in Hausen trainieren die Baboons zweimal pro Woche. Hier treffen wir die Pazifik-Fraktion vor dem Training. Mitte März wird es abends immer noch empfindlich kalt. Atemwolken bilden sich und steigen in die vom Flutlicht erhellte Nacht. Latai Toa, Saukarasa Ravisinga und Jeremy Toa sitzen warm eingepackt auf den sogenannten Tackle-Bags. Sie werden nicht müde, über ihre Rugby-Erfahrungen, sei es als Spieler oder als Coach, zu sprechen. «Rugby hilft den Jungs auch neben dem Feld, in ihrem Leben», ist Latai Toa überzeugt. «Hier lernen sie Disziplin.» Und Saukarasa Ravisinga ergänzt: «Rugby ersetzt auf Fiji manchmal Vater und Mutter. Es lehrt die Kinder, wie sie sich zu verhalten haben. Rugby lehrt einen Respekt und Fairness.»

Diese Einstellung wollen die beiden Trainer ihren Spielern weitergeben. Die meisten kennt Latai Toa schon von klein auf. «Good boys», sagt er immer wieder. «Gute Jungs.» Doch es gibt auch Unterschiede zwischen den polynesischen und Schweizer Spielern. «Die jungen Polynesier machen immer alles gemeinsam. Sie gehen als Team gemeinsam durch dick und dünn», meint Latai Toa. «Die Schweizer hingegen leben ihre Unabhängigkeit und Individualität viel stärker aus. Das hat zur Folge, dass sie nicht ins Training kommen, wenn es ihnen gerade nicht passt.» Und: «Während Polynesier einfach das tun, was ihnen der Leader sagt, ist den Schweizern ihre eigene Meinung und Analyse wichtig.» Latai Toa lässt sein fröhliches, kehliges Lachen klingen. «Die Schweizer denken zu viel und stellen viele Fragen. Aber wenn du zu viele Fragen stellst, then you miss ist (dann vermasselst du es).» Darum habe er als Coach einige Regeln als Richtlinien für das Training erstellt. «Entwicklung, Disziplin, Respekt gegenüber den andern und Fairness sind uns enorm wichtig und machen diese Sporart aus», sagt Latai Toa. Seit es diese Regeln gibt, laufen die Trainings rund und sind angenehm.

Siva Tau der Hausen Baboons

Siva Tau der Hausen Baboons

Traditioneller Kriegstanz vor Rugby-Spielen – aufgeführt von den Hausen Baboons.

Die Mission verbindet sie

Auch an diesem Abend folgen die Spieler den Anweisungen ihrer Trainer. Angespornt werden sie von Jeremy von der Seitenlinie. Er trainiert nicht mit, weil er erst gerade von Frankreich zurückgekehrt ist. Dass Spieler zwischendurch auch coachen, ist nichts Ungewöhnliches. «Es ist Teil unseres Plans, den Spielern die Fähigkeit beizubringen, zu coachen», erklärt Latai Toa.

«Unser Team profitiert enorm von der Erfahrung der zwei Trainer», ist Jeremy Toa überzeugt. Saukarasa Ravisinga beispielsweise spielte einst für die neukaledonische Nationalmannschaft an den Pazifik-Meisterschaften. Er war Trainer auf Fidschi und in Neuseeland. Die Sevens-Nationalmannschaft von Fidschi begleitete Saukarasa Ravisinga als Spieler nach Frankreich an ein Turnier. Mittlerweile ist er als Pfarrer tätig, was ihn mit Latai Toa verbindet, der als Missionar in der ganzen Welt unterwegs ist.

Ein Glücksfall für das Team

Gefunden haben sie sich aber über das Rugby. Saukarasa Ravisinga kommt seit vier Jahren regelmässig in die Schweiz. Letzten Oktober erkundigte er sich erstmals nach einem Rugby-Team in der Region – und wurde in den «Hausen Baboons» fündig. Ein Glücksfall für das junge Team.

Ein Ziel eint sie alle: Sie wollen Rugby in der Schweiz bekannter machen. Die Baboons möchten in ein, zwei Jahren in der 15er-Liga mitspielen. Bisher reichte es von der Mitgliederzahl her nur für die Swiss Super Sevens Liga, also das 7er-Rugby. Die Trainer sind zuversichtlich, dass das klappt. Beweisen, wie stark sie sind, können die «Hausen Baboons» am 2. April. Dann nämlich starten sie wieder in den Meisterschaftsbetrieb. Und natürlich bringen auch sie vor ihren Spielen etwas Pazifik-Spirit ins Schweizer Rugby: mit einem traditionellen Siva Tau in einer Version der «Hausen Baboons».

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