Windisch
Römer-Comic verbindet Geschichtsunterricht und Lesespass

Vindonissa – ist das nicht eine staubtrockene Sache? Nein, darf man Schulkindern versichern und ihnen das neueste SJW-Heft «Elva und die Römer» in die Hand drücken: ein Comic.

Elisabeth Feller
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Szenen aus dem jüngsten SJW-Comic «Elva und die Römer». HO

Szenen aus dem jüngsten SJW-Comic «Elva und die Römer». HO

Auf Seite 4 des blau-weiss-schwarzen Hefts gehts zur Sache. Bevor Appius begreifen kann, wer im Dunkeln vor ihm steht, sieht er ein Messer aufblitzen. «Eho! Cultellus meus!» Der Aufschrei zeigt keine Wirkung beim Gegenüber. Jetzt wird Appius böse: «Dic, delirasne?!» (Sag mal, spinnst du?!) Ein Faustschlag und die Angreiferin geht zu Boden. Wo zum Teufel befinden wir uns? Im Wilden Westen, wo mit Fäusten «gesprochen» wird? Nein. Das kann gar nicht sein, weil Appius kein englischer, sondern ein lateinischer Name ist.

Appius ist Römer. Und seine Angreiferin mit dem Zottelhaar? «Ich bin Elva, die Tochter von Divichto. Mein Vater ist von den Römern hingerichtet worden.» Das trifft Appius wie ein Schlag. Vor ihm steht die Tochter eines der bekanntesten helvetischen Stammesfürsten! «Oh! Das tut mir leid», sagt der Bub – und von da an sind er und Elva unzertrennlich. Nicht im Wilden Westen, sondern in Vindonissa. Dort lebt Appius mit seiner Familie im Vicus vor dem römischen Legionslager. Er nimmt seine neue Freundin nach Hause und gesteht ihr: «Ich bin halb Kelte, halb Römer. Meine Mutter ist aus Rom. Meine Eltern wollen, dass wir uns anpassen, an die Römer.» Nicht verwunderlich, dass immer wieder lateinische (auf Deutsch übersetzte) Worte in den Comic eingestreut sind.

Was die beiden ungleichen Kinder erleben; wie Appius eine Sabotage Elvas aufs Römerlager vereitelt – das erzählt Bruno Blume und illustriert Adrian Tobler im Comic «Elva und die Römer». Das Schweizerische Jugendschriftenwerk (SJW) betritt mit dem am Freitag aufgelegten, sicher bald Kultstatus erlangenden Heft Neuland – zumindest im historischen Bereich. Weshalb ein Comic? «Der Vorschlag kam von Thomas Pauli-Gabi, dem Kulturchef des Kantons Aargau», erläutert Margrit Schmid, SJW-Verlagsleiterin. «Das SJW ist in den meisten Schulen der Schweiz präsent, erreicht so viele Kinder und Jugendliche – und zwar auch solche, die nicht in Buchhandlungen und Bibliotheken anzutreffen sind.»

Als Verlagsleiterin ist Margrit Schmid sehr interessiert an Publikationen über die Schweizer Geschichte oder an Schweizer Geschichten. «Solche Themen», sagt sie, «prägten über viele Jahre den SJW-Verlag. Allerdings vertrat man in den 60er-Jahren noch immer dasselbe Bild der Schweiz wie in der Kriegszeit: ein konservatives, die alte Ordnung bewahrendes und nach aussen abgrenzendes. In den späten 70er-Jahren verschwanden diese Titel aus dem Sortiment; neue Sachhefte zur Schweizer Geschichte wurden aber nicht aufgelegt.»

Das ist jetzt anders: Nun wird den Jugendlichen «Schweizer Geschichte mit Geschichten» präsentiert. Als Thomas Pauli-Gabi einen Comic vorschlug, war die Verlagsleiterin vorerst skeptisch. Ob sich dieses Medium dafür eignen würde? «Im Comic ist die Sprache verkürzt, zudem bleibt vieles plakativ», erläutert Schmid. Aber, fügt sie lächelnd hinzu, Pauli-Gabi habe sie überzeugt: «Das muss nicht so sein.» Die berührende Geschichte von Bruno Blume habe ihr dann gezeigt, dass der Aargauer Kulturchef recht habe, betont Schmid. Dem stimmt auch Regierungsrat Alex Hürzeler an der Vernissage zu: «Bisher gab es keine kindergerechte Publikation zum Legionslager Vindonissa, obwohl das Interesse für dieses Thema gross ist. Seit Eröffnung des Legionärspfads erleben Tausende Kinder hautnah römische Geschichte und Archäologie. Mit dem ‹Elva›-Comic bekommt dieses Zielpublikum ein dem Alter entsprechendes Lesemedium in die Hand, mit dem sich die Jungen in die Welt der Römer vertiefen können.»

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