Wen würden Sie beauftragen, um einen rätselhaften Text zu entziffern? Wenn Sie ein Leser sind, wohl Dan Browns Kultfigur Robert Langdon, den Gelehrten, der sich mit Symbolen und dergleichen bestens auskennt. Wenn Sie es nicht so mit der schönen Literatur halten, wenden Sie sich wohl eher an Maschinen oder deren Agenten wie Google Translator.

Bisher ist es noch keinem gelungen, das rätselhafte «Voynich-Manuskript» zu entschlüsseln. Auch Professor Carlo Nicola, emeritierter Informatik-Professor der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), versprach das in seinem Vortrag anlässlich des Podiums Interface der FHNW nicht. Der Da-Vinci-Code ist allerdings gegenüber dem Voynich-Text fast schon Klartext. Dan Brown dürfte wohl einen weiteren 600-Seiten-Wälzer brauchen, um seinen Robert Langdon das Rätsel lösen zu lassen. Auch Maschinen resp. deren Programmierer haben sich schon zur Genüge damit abgemüht.

Drei Hypothesen könne man prüfen, sagte Professor Nicola: (1) Ist das Buch eine Fälschung? (2) Ist es ein sinnloser Text, ein Hoax oder ein Scherz? oder (3) Handelt es sich wirklich um eine Art Enzyklopädie, die verschlüsselt oder gar in einer synthetischen Sprache abgefasst ist?

Dass es eine Art Lexikon sein könnte, darauf weisen die Bilder hin, mit denen das Buch reichlich versehen ist. Sie deuten auch eine thematische Gliederung an. Sehr viele Bilder zeigen Pflanzen, viele Bilder nackte Frauen und einige sehen aus wie astronomische oder astrologische Symbolbilder. Mit der C-14-Methode wurde das Buch ins 15. Jahrhundert datiert (1411 bis 1430). Überraschend für die Zeit der Abfassung ist dann, dass praktisch keine christlichen Symbole vorhanden sind. Ausnahme: Eine nackte Frau mit Kreuz (!). Der Text ist von zwei Schreibern akkurat und meist gut lesbar von links nach rechts geschrieben, die Bilder allerdings stammen von einer bestenfalls dilettierenden Amateur-Hand.

Geschrieben ist das 246-Seiten-Werk auf feinstem Pergament – keine billige Sache, aber auch nicht ganz ungewöhnlich. Verwendet wurde die damals übliche Eisen-Gall-Tinte. Eine spätere Fälschung müsste schon sehr raffiniert hergestellt worden sein. Der Verdacht ist nicht unbegründet, denn der Antiquar Wilfried Voynich, der das Buch 1912 von Jesuiten erworben haben will, spielte eine nicht ganz durchsichtige Rolle in den vorrevolutionären Kreisen in Polen und Russland.

Kryptografen und Entzifferer taten sich schwer. Statistische Analysen zeigen Charakteristiken, die denen von natürlichen Sprachen gleichen, allerdings passen sie oft fast zu gut. Die damals bekannten Verschlüsselungsmethoden wurden nicht verwendet, dergleichen würde eine Maschine heute schnell knacken. Nicola vermutet allenfalls eine künstliche Sprache, die Kunstwörter für Begriffe verwendet. Ohne das entsprechende Code-Buch wäre der Text dann nicht lesbar. Ein Scherz (Hoax) oder gar die Produktion eines Autisten oder Schizophrenen bleiben wahrscheinlich.

Nächster Interface-Anlass: Montag, 3. Dezember, 17.15 Uhr: Patrik Wülser, bis 2017 SRF-Afrika-Korrespondent: Rätsel Afrika.