Action
Reporter wagt sich ins Kanu: Wellenreiten mitten in der Stadt

Der Kanuklub Brugg wird 50 Jahre alt – zum Jubiläum fuhr az-Reporter Daniel Vizentini mit auf der Aare. Ein Selbstversuch der nasser Art.

Daniel Vizentini (Text und Foto)
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«Der Wasserstand ist hoch heute – das gibt Action!», sagt Leiter Patrick Uebersax, unter Kollegen auch «Stuti» genannt. Der 36-Jährige führt mich auf einem Zweierkanu durch die Aare, vom Brugger Hallenbad bis zum Klubhaus beim Wasserschloss in Lauffohr. «Action, was heisst das?», will ich vorsichtig wissen. «Werde ich nass?» – «Ja, du wirst nass.»

13 Grad kalt ist die Aare an diesem Tag. Damit ich nicht friere, stellt mir «Stuti» eine Ausrüstung bereit. Die anzuziehen, fällt nicht leicht: Trockenjacke und Trockenhose drücken eng gegen Handgelenke, Knöchel, Hüfte und Hals, damit kein Wasser durchdringt. Dazu gibts spezielle Schuhe, eine Schwimmweste und einen Helm.

Zum Schluss ziehe ich mir noch ein Art Neoprengewand – Spritzdecke genannt – um die Hüften, das direkt am Kanu festgemacht wird.Vor dem Einsteigen gibt mir Patrick Uebersax die letzten Sicherheitsanweisungen. Dann gehts ab in den Fluss. 50 Jahre gibt es den Kanuklub Brugg schon. Auf einem Boot durch die Aare wage ich mich aber zum ersten Mal.

Leiter Patrick Uebersax nach der Altstadtbrücke – die Hälfte ist geschafft
5 Bilder
Patrick Uebersax führt am Zweierkanu die Aare hinunter
Zu dritt durch den Aarekanal im Schachen
Ein unüblicker Blickwinkel auf die Brugger Altstadt
In Ufernähe unter dem Baum lässt es sich gemütlich auf die anderen Kanufahrer warten

Leiter Patrick Uebersax nach der Altstadtbrücke – die Hälfte ist geschafft

Daniel Vizentini

Surfen vor der Bahnbrücke

Das Abenteuer stellt sich als sehr gemütlich heraus. Bis auf ein wenig paddeln und Gewichtverlagern muss ich fast nichts tun. Profi Uebersax führt das Zweierkanu gekonnt und die Aare treibt uns wie von selbst hinunter zu unserer ersten «Spielstation»: eine Welle vor dem kleinen Fels bei der Eisenbahnbrücke.

Das Wasser, das gegen die Felswand schlägt, bildet eine Art Wasserpolster, auf dem wir surfen können. Ein Genuss – und als Beifahrer mit einem Profi ist es ein Kinderspiel. Beobachtet man die anderen Kanufahrer, die ihr Training absolvieren, scheint das Auffahren auf die Welle aber eine rechte Herausforderung. «Ich bin gerade auf 180», sagt ein Kanufahrer. «Aber das Adrenalin, das brauche ich.»

Trotzdem erscheint mir das Kanufahren leichter und vor allem viel sicherer, als ich es mir vorgestellt hatte. Bei der Weiterfahrt erzählt mir Patrick Uebersax auch, wie er ab und zu seinen sechsjährigen Sohn auf demselben Zweierkanu mitnehme.

«Hat er keine Angst?», will ich wissen. «Nein, ihm wird eher langweilig dabei», antwortet er gelassen. Mit fünf Jahren sei sein Sohn zum ersten Mal alleine auf einem Kanu gefahren. «Und du hattest da keine Angst um ihn?», frage ich. «Nein. Wir hatten vorher im Hallenbad geübt.»

Bei den Uebersax’ liegt das Bootfahren in der Familie: Patricks Grossvater fuhr schon gerne in Gewässer herum und sein Vater ist fast seit der Gründung Mitglied des Kanuklubs Brugg.Kurz vor der Altstadtbrücke erreichen wir die zweite Surfgelegenheit. Wir steigen seitlich in die Welle hinein und paddeln dann gegen die Strömung.

Das Wasser spritzt uns entgegen – und mir, der im Zweierkanu vorne sitze, voll ins Gesicht. Zweifellos ein erfrischendes Erlebnis, bei dem einem wegen der Wassermenge buchstäblich die Luft kurz wegbleibt. Nass werde ich – ausser im Gesicht – aber nicht. Zwei weitere Male wagen wir uns wieder auf die Welle, neben uns reiten noch weitere Kanufahrer darauf. Die versprochene Action wird voll erfüllt.

Präsident hatte Bedenken

Als wir danach unter der Altstadtbrücke hindurchfahren, verrät mir Stuti – seinen Spitznamen habe ich mir inzwischen angewöhnt – dass Kanuklub-Präsident Ruedi Brandenberg (69) etwas Bedenken hatte, dass ich gleich auf dieser eher anspruchsvollen Strecke mitgenommen werde. «Aber wie du siehst, ist es doch kein Problem», sagt Stuti, der Optimist. Schliesslich weiss ich: Das läuft nur so gelassen, weil er das Kanu führt.

Neben hie und da mal ein wenig paddeln mache ich nämlich kaum etwas – und damit wohl immerhin auch kaum etwas falsch. Stuti: «Du liegst mit dem Gewicht jeweils natürlich richtig.» Von anderen Kanufahrern erfahre ich später, dass Biker oder Velofahrer oft ein Gefühl dafür hätten. Bei mir wäre Letzteres der Fall.

Als wir gemütlich durch den Aarekanal beim Schachen gleiten, erzählt mir Stuti, wie er dort ab und zu Biber sieht. An diesem Abend zeigen sich die Tiere nicht. Später halte ich, dort wo die Reuss in die Aare fliesst, kurz die Hand ins Wasser, um den Temperaturunterschied zu spüren. «Die Limmat ist nochmals eine Spur wärmer», sagt Stuti. Bis zum Limmatspitz fahren wir aber nicht. Nach der Autobrücke bei Vogelsang halten wir links. Bald stehen wir wieder beim Klubhaus.

Bilanz der Wasserschlacht

Zum Schluss darf ich beim Klubhaus noch ein Stand-up-Paddle ausprobieren – zum allerersten Mal, und dann gleich auf einem Fluss. Das Gleichgewicht zu halten ist zwar gar nicht leicht, ich schaffe es aber immerhin, von der Aare nicht weggeschwemmt zu werden.

Die Bilanz nach dieser Wasserschlacht bei 13 Grad fällt positiv aus: Es macht Spass, in Gefahr gefühlt habe ich mich nie und kalt hatte ich auch nicht. Von Vereinspräsident Ruedi Brandenberg erfahre ich später, dass der Kanuklub das ganze Jahr über auf der Aare fährt, also auch im Winter. Mit entsprechender Kleidung sei dies kein Problem.

50 Jahre Kanuklub Brugg

Im Jahr 1966 wurde der Kanuklub Brugg von ein paar jungen Freunden spontan gegründet, gerade mal 18 Jahre alt war der damalige Präsident Burkhard Eggenberger. Heute, 50 Jahre später, zählt der Klub rund 100 Aktiv- und 50 Passivmitglieder zwischen 10 und 70 Jahren. Kanufahren ist alters- wie sozialübergreifend: Gemäss dem aktuellen Vereinspräsidenten Ruedi Brandenberg sind im Kanuklub Brugg von Ingenieuren über Buschauffeure, Krankenpfleger, Lehrer, Baumeister oder Studenten fast alle Berufe und Milieus vertreten.

Brandenberg selber war lange Teamleiter Bau und Logistik beim Kanton Zürich, ist heute 69 Jahre alt und pensioniert. «Ich fühle mich blutjung», sagt er aber, der seit 20 Jahren im Klub mitfährt. Neben den wöchentlichen Trainings geht der Kanuklub oft auf Bootstouren im In- und Ausland. Zuletzt waren sie in Kroatien, zuvor auch schon am offenen Meer zwischen Sardinien und Korsika. Wichtiger seien gemäss Brandenberg aber die Erlebnisse im Vereinsalltag in Brugg: «Ich habe zum Beispiel gesehen, wie Stuti im Verein von einem Töfflibuben zum verantwortungsvollen Mann aufgewachsen ist. Das sind für mich Höhepunkte.»

An internationalen Wettkämpfen ist der Klub heute nicht mehr so oft dabei. Immerhin aber ist die erfolgreichste Schweizer Kanusportlerin, Sabine Eichenberger (47), im Kanuklub Brugg beheimatet. Und nach einer Zeit mit vielen Austritten gewinnt der Klub seit ein paar Jahren auch wieder neue Mitglieder. Mit 80 Franken im Jahr ist man dabei. Für die Mitglieder stehen an die 50 Bote zur Verfügung. Das 50-Jahr-Jubiläum werden die Klubmitglieder am 20. August feiern. (dvi)

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