Alte Bäume faszinieren. Ihre Erhabenheit, die stumme Gelassenheit und ihre Ausstrahlung locken die Menschen von weit her an. Die Linner Linde ist so ein Baum. Das hat auch Zora del Buono gemerkt. Jetzt hat die Zürcher Schriftstellerin und Architektin, die in Deutschland lebt, ihr Herzensprojekt realisiert und im Buch «Leben der Mächtigen – Reisen zu alten Bäumen» 14 alte Bäume porträtiert, darunter auch die Linde von Linn.

Eine Hauptrolle in der Erzählung hat Heinrich Kohler, also der Kohler Heiri, wie er im Dorf gerne genannt wird. So wirklich an den Besuch der Schriftstellerin erinnern kann er sich nicht.

«Wissen Sie, es kommen immer wieder so viele Leute vorbei, die Fragen zur Linde stellen», sagt er. Aber die Linde habe es auf jeden Fall verdient, in einem Buch gewürdigt zu werden.

Nicht, dass sie nicht schon genügend bekannt sei. «Durch die Medien wurde sie ja berühmt», sagt Heinrich Kohler. Das habe vor allem an schönen Sonntagen Folgen, erklärt er. «Dann stehen manchmal 30 bis 40 Autos da.» Er kommt ins Plaudern, wenns um die Linner Linde geht. Aber als Hüter des Baums will er nicht bezeichnet werden.

Als Hüter der Linner Linde , vielleicht sogar als Behüter, könnte aber Martin Erb bezeichnet werden. So beschreibt Zora del Buono im Buch, wie es dazu kam, dass Erb heute einen Baumpflege-Betrieb führt und sich um die Linde kümmert: «Am 2. Juli 1979 arbeiteten sie [die Baumpfleger] am Baum. Als der Anruf kam, von dieser Frau, die sagte, sie stehe auf dem Balkon eines Hochhauses und erkenne durch den Feldstecher, dass die Linde brenne, habe in Linn noch kein Mensch bemerkt, was los sei, die drei Baumpfleger machten gerade Pause im Gasthof im Dorf und als man sie holte, konnten sie kaum fassen, was passiert war.»

Die Feuerwehr kam, der Brand wurde gelöscht. Weiter heisst es im Buch: «Die Baumpfleger hätten stumm danebengestanden und einer habe sogar geweint, ein ganz junges Bürschchen sei das gewesen, der habe ihm (Heiri Kohler, Anm. d. Red.) dann doch leidgetan. Ein paar Jahre nach dem Brand dorrte die Linde an verschiedenen Stellen aus [. . .], aber sie habe sich erholt, und dass der junge Baumarbeiter sich selbstständig gemacht habe und die Linde jetzt günschtig betreue, sei scho rächt.»Nebst solchen Anekdoten finden sich verschiedene Geschichten zur Pflege der Linner Linde (die in den meisten Fällen eher das Gegenteil bewirkten) oder auch Ausflüge in die Geschichte des Dorfs und deren Menschen.

Doch die Linner Linde ist nicht der einzige Baum, der in diesem Buch porträtiert wird. So besuchte Zora del Buono auch die Eibe Ankerwycke Yew in England, unter der Anne Boleyn erstmals ihrem späteren Ehegatten und Henker Henry VIII. begegnete. Auch die Dicke Marie, eine Stiel-Eiche in Berlin, findet Erwähnung im Buch. Diese diente beispielsweise Goethe als Schattenspender, bevor sie Hermann Göring zum Naturschutzdenkmal erkor. Zora del Buono schafft es in einer spannenden Erzählweise, die Geschichte der Bäume an sich mit Ereignissen rund um die Bäume zu verknüpfen.

«Leben der Mächtigen – Reisen zu alten Bäumen» von Zora del Buono, herausgegeben von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz Berlin. ISBN: 978-3-95757-165-6, 39 Franken.

Denkmal: Die Linde von Linn in einem Beitrag des Schweizer Fernsehens vom 24. Juni 1966.