Die reformierte Kirche Schinznach-Dorf will neue Wege beschreiten: Ab den Sommerferien soll bis Ende 2017 dreimal im Jahr der traditionelle Sonntagsgottesdienst auf den Freitagabend verschoben werden. Diese Idee wird den Mitgliedern an der Kirchgemeindeversammlung vom 19.Juni vorgeschlagen. Sie können darüber abstimmen.

Erledigt werden musste bereits ziemlich viel Papierkram. Denn einfach so kann der Gottesdienst am Sonntag nicht ersatzlos gestrichen werden. Grundsätzlich widerspricht dies der Kirchenordnung. Ein Schlupfloch gibt es aber: In der Kirchenordnung ist ein sogenannter Experimentierartikel erwähnt. Dieser ermöglicht dem Kirchenrat, Versuche zu bewilligen, die den Rahmen der geltenden Kirchenordnung überschreiten. Namentlich auf dem Gebiet des Gottesdienstes, der Kirchgemeindestruktur und der Kirchgemeindeorganisation.

Kirchenrat bewilligt Gesuch

Die Kirchenpflege Schinznach-Dorf hat beim Kirchenrat entsprechend ein Gesuch eingereicht, den Sonntagsgottesdienst dreimal im Jahr vom Sonntag auf einen Werktag zu schieben. Diesem Gesuch wurde am 12.April stattgegeben. Jetzt sind die Kirchenmitglieder an der Reihe: Damit das Experiment starten kann, braucht es noch deren Zustimmung.

Anschliessend kann das Experiment durchgeführt werden. Die Bedingungen: Das Projekt muss zeitlich begrenzt sein und vom Kirchenrat begleitet werden. Zudem muss die Kirchenpflege einen Schlussbericht verfassen und diesen dem Kirchenrat vorlegen. Der Kirchenrat wiederum muss dann der Synode einen Rechenschaftsbericht vorlegen. Ist das Projekt erfolgreich, kann der Kirchenrat der Synode eine Änderung der Kirchenordnung beantragen, damit die traditionellen Gottesdienste nicht mehr zwingend am Sonntag stattfinden müssen. «Das ist eigentlich unser Endziel», sagt Regula Wegmann, Präsidentin der Kirchenpflege und Kirchenrätin. Die reformierte Kirchgemeinde Schinznach-Dorf spurt mit dieser Idee also vor, tritt im Kanton Aargau als Pionier in diesem Bereich auf.

Die Gründe für das Experiment liegen auf der Hand: An den Sonntagen lichten sich die Reihen immer mehr. Vor allem ältere Menschen besuchen heute noch den traditionellen Sonntagsgottesdienst. «Wir möchten aber für möglichst viele Leute da sein, es ist wichtig, dass wir viele verschiedene Angebote präsentieren können», sagt Regula Wegmann. «Deshalb haben wir schon in der Vergangenheit immer wieder vielfältige Gottesdienste angeboten, beispielsweise für Familien, Jugendliche, Gottesdienste zum Schulanfang oder auch meditative Andachten immer am letzten Donnerstag im Monat.» Dies sei jeweils gut angekommen. Diese Angebote waren aber teilweise ergänzend zum Sonntagsgottesdienst.

Die Gottesdienste am Freitagabend, die um 19 Uhr stattfinden sollen, seien vor allem für Menschen gedacht, die mit dem traditionellen Sonntagsgottesdienst nicht erreicht werden – Arbeitstätige zum Beispiel. «Sie können sich so besinnlich auf das Wochenende einstimmen und trotzdem am Sonntag ausschlafen», zeigt sich Regula Wegmann von diesem Konzept überzeugt.

Niemanden brüskieren

Weil keine Erfahrungswerte aus anderen Gemeinden vorliegen, kann nicht vorausgesagt werden, wie dieses Konzept funktionieren wird. «Wir müssen spontan sein und da Anpassungen vornehmen, wo sie nötig sind», so Wegmann. Sie ist sicher, dass die Mitglieder diesen Vorschlag an der Versammlung annehmen werden. «Ich habe das Gefühl, dass die Leute dies mit grossem Verständnis aufnehmen.» Gute Kommunikation sei in diesem Fall wichtig.

Wegmann betont: «Der Sonntagsgottesdienst soll nicht auf den Kopf gestellt werden. Diesen wird es weiterhin geben. Wir wollen die Besucher nicht brüskieren oder Traditionelles umstossen.» Die paar wenigen Freitagsgottesdienste seien als Ergänzung zu betrachten, «darum haben wir die Anzahl bewusst tief gehalten», so Regula Wegmann. Sie ist überzeugt: «Die reformierte Kirche muss sich laufend reformieren. Wichtig ist, dass die Kirche am Ball und bei den Leuten bleibt.» Jetzt liegt es an den Kirchgemeindemitgliedern, ob sie diesen Weg beschreiten wollen.