Seit 2010 ist Silvia Dätwiler auf hoher See zu Hause. Als «Executive Pastry Chef» – also als Verantwortliche für das Gebäck an Bord – versorgt sie die Feriengäste mit Torten und anderen Köstlichkeiten. Ein Traumjob für die 43-Jährige. Ein Job, von dem sie schon als Kind träumte.

Wir treffen Silvia Dätwiler im Moser’s Kafi in Brugg. Es ist ihr letzter Tag in der Schweiz. Bereits in 24 Stunden geht ihr Flug nach Marseille, wo sie mit der Crew einschiffen wird. Vier Monate nonstop arbeiten stehen an. Silvia Dätwiler bestellt einen Eistee und beginnt zu erzählen. Von ihrem Leben, das immer wieder unerwartete Wendungen genommen hat; davon, wie sie immer das möchte, was sie gerade nicht hat; und sie spricht darüber, was für eine Frau, die stets unterwegs ist, Heimat überhaupt bedeutet.

Um den Werdegang von Silvia Dätwiler zu verstehen, muss man mit dem Erzählen in ihrer Kindheit anfangen. Mit ihrer Mutter besuchte sie oft eine Bäckerei in Schinznach-Dorf. «Ich liebte den Geruch in der Backstube», erinnert sie sich. «Und ich habe später auch gerne selber gebacken.» Sie schaute auch gerne die Fernsehsendung «Traumschiff». Für die kleine Silvia ist bald klar: Ich will auf einem Kreuzfahrtschiff arbeiten. Sie lacht herzlich beim Erzählen. «Ich kann mir diesen Wunsch nicht erklären. Denn ich hatte eigentlich überhaupt keinen Bezug zur Schifffahrt.»

Obwohl sie vom Beruf der Konditorin und Confiseurin fasziniert war, entschied sich Silvia Dätwiler zuerst für eine Lehre als Dekorateurin. Dies, nachdem sie als 16-Jährige ein Jahr in Genf verbracht hatte, um Französisch zu lernen. Nach der Lehre verschlug es sie nach St. Moritz, wo sie ein Jahr lang in einem Modegeschäft als Dekorateurin tätig war. An den Wochenenden reiste sie immer zurück ins Unterland. Silvia Dätwiler mag den Schnee und den Winter nicht. Nach einem Jahr hatte sie genug und suchte sich wieder einen Job im Unterland als Dekorateurin. An den Wochenenden reiste sie immer zurück nach St. Moritz.

Das ist symptomatisch für die Frau mit den langen schwarzen Haaren und den eisblauen Augen. «Ich will immer das, was ich im Moment gerade nicht haben kann», sagt sie. Sie habe schon immer Schwierigkeiten gehabt, sich zu entscheiden, doch wenn sie sich dann für etwas entschieden hat, dann verfolge sie dieses Ziel umso beharrlicher. Und so reifte in ihr der Entschluss, doch noch eine Ausbildung als Konditorin-Confiseurin zu machen. Mit 25 Jahren trieb es sie wieder von ihrem Zuhause in Schinznach-Dorf weg nach St. Moritz, wo sie im Hotel Hauser eine zweijährige Zusatzlehre machte. Mit im Gepäck: Die Hoffnung, nach der Lehre auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern zu können.

Silvia Dätwiler auf dem Weg in die Antarktis zusammen mit dem Kapitän.

Silvia Dätwiler auf dem Weg in die Antarktis zusammen mit dem Kapitän.

Der geplatzte Traum

Doch der Traum platzte vorerst. Keine Reederei wollte die 27-Jährige aufnehmen. Zu wenig Berufserfahrung und ungenügende Englischkenntnisse. Silvia Dätwiler hatte aber noch einen zweiten Traum: Die USA bereisen. Warum ausgerechnet die USA, kann sie genauso wenig erklären wie den Wunsch nach der Arbeit auf dem Schiff. Jedenfalls vermittelte ihr der ehemalige Gewerbeschullehrer einen Arbeitsplatz in Anaheim, Kalifornien. Er kannte den Küchenchef im Hotel Hilton. Innert dreier Wochen stellte Silvia Dätwiler ihr Leben einmal mehr völlig um.

Sie erhielt in den USA ein Arbeitsvisum für 18 Monate. Der Plan: Eineinhalb Jahre arbeiten, Berufserfahrung sammeln, Englisch lernen, danach auf einem Schiff anheuern. Aus 18 Monaten wurden aber ungeplant 11 Jahre. In Kalifornien fühlte sie sich erstmals so richtig zu Hause. «In meinem Elternhaus war mir zwar immer wohl, aber es war nie richtig mein Zuhause», erklärt sie. «Kalifornien ist meine Heimat.» Es sei ein Gefühl des Ankommens gewesen, als sie dorthin zog. «Ich hatte das Gefühl, dass ich hierher gehöre.»

Beruflich konnte sich Silvia Dätwiler ebenfalls verwirklichen. Sie war Patissière im Hotel Hilton Anaheim und im Hilton Long Beach. Sie arbeitete im Hyatt in Huntington Beach und war in einem privaten Catering-Unternehmen engagiert. Am Ende zog es sie noch in den Norden Kaliforniens nach Sacramento, wo sie Angestellte bei einer Catering-Firma war. Weil zwischenzeitlich die Terroranschläge vom 11. September 2001 passiert waren, hatte Silvia Dätwiler keine Chance mehr auf eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung. Ungern trennte sie sich von Kalifornien und ihrem Job in den USA und kam zurück nach Schinznach-Dorf. Sie tat sich schwer mit dem Eingewöhnen. «Alles hat mich aufgeregt», sagt sie. Heute sei es nicht mehr so schlimm. Vor allem auch, weil sie ständig unterwegs ist. Den Traum vom Arbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff hat sie sich mittlerweile nämlich erfüllt. Seit 2010 ist Silvia Dätwiler auf den Weltmeeren zu Hause. Vier bis sechs Monate am Stück arbeitet sie jeweils, darauf folgen zwei oder vier Monate Ferien.

Manchmal liegt ein Ausflug drin: Silvia Dätwiler auf der Chinesischen Mauer. ZVG

Manchmal liegt ein Ausflug drin: Silvia Dätwiler auf der Chinesischen Mauer. ZVG

Die Schufterei auf dem Schiff

Was nach Traumjob klingt, ist harte Arbeit. Auf dem Schiff wird geschuftet. Sieben Tage die Woche, bis zu 14 Stunden am Tag. Küchensitzung um 7.45 Uhr, danach Schiffsrundgang, anschliessend die Frühstücksbuffets kontrollieren. Weiter gehts in die Patisserie, um die Produktion der Nachtschicht zu kontrollieren und um der Tagesschicht den Tagesplan zuzuweisen. Produziert wird immer gleich viel, egal, wie viele Gäste dann tatsächlich von der feinen Patisserie, die Silvia Dätwiler mit ihrem Team vorbereitet, kosten. Foodwaste begegnet die Schinznacherin jeden Tag. Hunderte Kilos von Essen werden täglich zerhackt ins Meer gespült. «Es gibt mir schon zu denken», sagt sie. «Aber wenn man auf einem Schiff arbeitet, muss man damit klarkommen. Ansonsten ist man am falschen Ort.» Das Leben auf dem Schiff ist wie das Leben in einer anderen Welt, oder sogar auf einem anderen Planeten. «Manchmal komme ich mir vor, als würde ich auf dem Mars leben.»

Besonders anstrengend seien die Tage ohne Landgang. Beispielsweise die Atlantiküberfahrt. Dann werden die Gäste schon mal «rompusorig», wie Silvia Dätwiler sagt. Eine besondere Herausforderung sei jeweils auch die Überfahrt in die Antarktis. Der Wellengang, die Stürme, das unberechenbare Wetter sorgten manchmal dafür, dass die halbe Crew ausfällt. «Auch der Captain ist vor Seekrankheit nicht gefeit», sagt Silvia Dätwiler. Sie schmeisst sich dann jeweils schon bei der kleinsten Ankündigung von Übelkeit Tabletten rein. «Seekrank eine Schicht bestreiten ist überhaupt nicht lustig», meint sie trocken.

Silvia Dätwiler geniesst es, dass sie dank ihres Jobs in der ganzen Welt herumreisen kann. Sie kommt so an Orte, wo sie selber nie Ferien gemacht hätte. Ab und an liegt auch für die Crew ein Landgang drin. Ein spezieller Moment sei der Ausflug in der Antarktis gewesen. «Ausgerechnet ich, die sonst Schnee überhaupt nicht mag, war total fasziniert.» Das Highlight: Die Begegnung mit den Pinguinen. «Da muss man aufpassen, dass die einem vor lauter Neugierde nicht zu nahe kommen», sagt sie. «Denn es ist verboten, die Tiere zu berühren, damit keine Krankheiten übertragen werden können.»

Die Hoffnung auf die Green Card

Selbst in den zwei oder vier Monaten Ferien, die Silvia Dätwiler dann jeweils nach einem Arbeitseinsatz hat, ist die 43-Jährige gerne unterwegs. Wobei: «Die ersten zwei Wochen mache ich jeweils gar nichts. Dann muss ich mich erholen», sagt sie. Danach beginnt sie, Ferienpläne zu schmieden. Soeben ist sie aus Indien zurückgekehrt.

Seit sie 16 Jahre alt ist, reist Silvia Dätwiler in der Welt herum. Genug hat sie davon noch längst nicht. Aber weil sie sich nach ihrer zweiten Heimat Kalifornien sehnt, macht sie jedes Jahr bei der Greencard Lottery mit. In der Hoffnung, damit die permanente Aufenthaltsbewilligung für die USA zu gewinnen. Bald will sie die Entscheidung fällen, ob sie auf dem amtlichen Weg versuchen soll, an die Aufenthaltsbewilligung zu kommen. Denn Kalifornien fehlt ihr. «Ich vermisse es manchmal, eine eigene Wohnung zu haben», gibt sie zu. «Der Wunsch nach Sesshaftigkeit ist grösser als auch schon.»