Es passierte am 7. Mai 2018 kurz vor 17 Uhr im Feierabendverkehr. Ein Lastwagenfahrer hält vor dem «Harmonie»-Kreisel in Windisch, damit eine Fussgängerin die Strasse überqueren kann. Als der Chauffeur losfährt, bemerkt er nicht, dass sich inzwischen ein anderer Fussgänger vor seinem Fahrzeug befindet. «Ein tragisches Ende», schrieb die AZ später im Nachruf. Beim 91-jährigen Opfer handelte es sich um Karl Buob, ehemaliger Wissenschaftler, Grossrat, Windischer Einwohnerrat und Ehrenpräsident der Altersheimstiftung Windisch. Der Lastwagen hat ihn überfahren. Er starb noch auf der Unfallstelle.

Am Freitag musste sich der heute 50-jährige Chauffeur vor dem Bezirksgericht Brugg verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat ihn wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Er hätte Karl Buob bei «pflichtgemässer Aufmerksamkeit» durch den Frontspiegel erkennen müssen, schreibt der Staatsanwalt in der Anklageschrift und fordert eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten und eine Busse von 2000 Franken.

Gerichtspräsident Sandro Rossi fragt den Lastwagenchauffeur als Erstes, wie es ihm gehe. «Es tut mir fürchterlich leid, was passiert ist», antwortet dieser. «Man kann das nicht vergessen. Es wird mich bis an mein Lebensende begleiten.» Er ist weiterhin als Lastwagenfahrer für die gleiche Aargauer Transportfirma unterwegs. Nach dem tödlichen Unfall musste er seinen Führerausweis für zwei Wochen abgeben, danach sei er wieder gefahren.

An den Abend erinnert er sich noch gut. Es habe wahnsinnig viel Verkehr gehabt. Er habe vor dem Fussgängerstreifen angehalten und eine Frau von rechts durchgelassen. «Für mich war danach frei und ich fuhr langsam an.» Er habe Karl Buob nicht gesehen. «Ich habe ihn gar nicht sehen können», sagt er. Ob er ihn übersehen habe, fragt Sandro Rossi. «Wenn er für mich sichtbar gewesen wäre, hätte ich ja irgendwo einen Schatten sehen müssen. Das habe ich nicht», sagt der Beschuldigte. Nach der Frage, worauf er es zurückführe, dass er das Opfer nicht bemerkt habe, schweigt der Chauffeur lange. Dann atmet er laut aus. Schweigt wieder. Schliesslich sagt er: «Der war einfach nicht sichtbar.» Auch eine Kollision habe er nicht gespürt. Er habe angehalten, weil jemand gehupt habe. Dann sei er ausgestiegen, habe «das» gesehen und gerufen, jemand solle die Polizei alarmieren. Danach habe er den Kopf gegen die Kofferbrücke seines Lastwagens geschlagen, bis ihn eine Polizistin zur Seite genommen habe.

Anklagegrundsatz verletzt?

Sein Anwalt verlangte vor Gericht einen Freispruch. Die Staatsanwaltschaft habe den Anklagegrundsatz verletzt, argumentierte er. Sie gehe fälschlicherweise davon aus, dass Karl Buob den Fussgängerstreifen von links überquert hatte, während die Fussgängerin von rechts nach links ging. Es gebe mehrere Zeugen, die ausgesagt hätten, dass auch Karl Buob von rechts nach links über die Strasse ging. Weil die Staatsanwaltschaft diesen Sachverhalt jedoch nicht anklage, sei sein Mandant freizusprechen.

Das Bezirksgericht fällte am Freitag kein Urteil. Es erliess eine Verfügung. Die Anklageschrift muss ergänzt werden und wurde deshalb an die Staatsanwaltschaft zurückgewiesen. Ausserdem brauche es ein unabhängiges Gutachten, um zu klären, ob der Lastwagenchauffeur vor oder auf dem Fussgängerstreifen angehalten hatte. Wenn die Staatsanwaltschaft die verbesserte Anklage eingereicht habe, komme es zu einer neuen Hauptverhandlung, sagte Rossi. Wie ein Gerichtsurteil, kann auch diese Verfügung beim Aargauer Obergericht angefochten werden.