Brugg

Projekt «Alte Post» spaltet die Gemüter – eine Lösung ist nicht in Sicht

Die Initiativgruppe will, dass die Liegenschaften (von vorne) «Alte Schmitte» und «Müller-Haus» bestehen bleiben.

Die Initiativgruppe will, dass die Liegenschaften (von vorne) «Alte Schmitte» und «Müller-Haus» bestehen bleiben.

Ernüchterung und Unverständnis herrschen bei der Initiativgruppe: Der Stadtrat wolle das Ensemble an der Schulthess-Allee nicht erhalten.

Das Projekt «Alte Post» spaltet die Gemüter in Brugg, die Zukunft des Areals zwischen Annerstrasse und Schulthess-Allee beschäftigt. Der Stadtrat möchte an diesem Standort eine zentrale Verwaltung mit Stadtbüro realisieren sowie Gewerbeflächen, Büros und Wohnungen. Aus der Bevölkerung formierte sich Widerstand gegen das Vorhaben, eine Initiativgruppe lancierte im Mai 2018 eine «Petition für eine massvolle bauliche Entwicklung der Brugger Innenstadt».

Diese stiess auf breiten Zuspruch. Insgesamt 1541 Unterschriften konnten dem Stadtrat im Sommer übergeben werden. Verlangt wird der Erhalt der beiden historischen Liegenschaften «Müller-Haus» und «Alte Schmitte» sowie deren Integration in die Bebauung «Alte Post». Zudem fordert das Begehren eine dem Ort angemessene bauliche Verdichtung mit entsprechenden Gebäudevolumen und -höhen.

Allerdings: Im Nachgang der öffentlichen Mitwirkung zum Gestaltungsplan «Alte Post» habe eine Vertretung des Stadtrats im November einer Delegation der Petitionäre seine Absicht bekräftigt, dass die beiden Gebäude abgerissen werden sollen, hält die Initiativgruppe jetzt in einer Medienmitteilung fest. In der Frage der Reduktion der Dichte und der Gebäudehöhen sei der Stadtrat unverbindlich und vage geblieben, spiele auf Zeit. Ein einvernehmlicher Vergleich für eine qualitativ gute Lösung sei so leider nicht möglich.

Stadt steuert nach Belieben

Für die Initiativgruppe verkommen öffentliche Mitwirkungsverfahren zur Alibiübung, denn die Stadtregierung definiere im Rahmen der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) die planerischen Grundlagen und entscheide auch über die Gestaltungspläne. Als Grundeigentümerin, spätere Nutzerin des Verwaltungstrakts und bewilligende Instanz der Baubewilligung steuere sie den Prozess rund um den Gestaltungsplan «Alte Post» nach Belieben.

Für die Initiativgruppe ist klar: «Im Vorfeld der Verhandlungen hat sich gezeigt, dass die Stadtbehörde die erforderliche Interessenabwägung hinsichtlich Erhalt des bauhistorischen Ensembles an der Schulthess-Allee unterlassen hat.» Die Bedeutung des Ensembles werde von der Stadt bis heute ignoriert, obwohl der Bereich gemäss Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz mit dem Erhaltungsziel A (Abbruchverbot) belegt sei.

Die geplante fünfgeschossige Bebauung vermöge den vorhandenen Qualitäten nicht zu entsprechen, ist die Initiativgruppe überzeugt. Der Baukomplex überrage die umliegenden Gebäude deutlich und sprenge punkto baulicher Dichte den Massstab des Quartiers. «Zudem werten die mächtigen Bauvolumen die charakteristische Ansicht der Altstadt von der Aare her ab. Die geschlossenen Wohnblocks wirken erdrückend und stellen die Schulthess-Allee in den Schatten, was sich negativ auf deren Aufenthaltsqualität auswirkt.» Kurz: «Von einem Beitrag an die Aufwertung der Altstadt kann nicht die Rede sein.»

Vielmehr Keil statt Scharnier

All diese Aspekte hätten die insgesamt 1541 Personen bewogen, die Petition zu unterschreiben «und den Stadtrat aufzufordern, die überrissenen Pläne nochmals zu überdenken», fährt die Initiativgruppe fort. Und: Die unterzeichnenden Personen wehren sich gegen das «unwiederbringliche Verschwinden von für Brugg historisch bedeutenden Gebäuden» sowie gegen ein «monumentales Bauprojekt», das weniger ein Scharnier sei, sondern vielmehr einen Keil darstelle zwischen Neumarkt und Altstadt.

Zwar bemüht sich der Stadtrat laut Initiativgruppe mittels Medieninformationen wiederholt darum, der Brugger Bevölkerung «das überdimensionierte Vorhaben mit der Konzentration der Verwaltung und der Ansiedlung der Bibliothek schmackhaft zu machen». Da es sich um ein Gegengeschäft handle – die Immobilienentwicklerin erhalte 53 Wohnungen und baue dafür der Stadt den neuen Verwaltungstrakt mit grosszügigen Raumreserven –, lasse sich die Budgetdebatte wohl elegant umschiffen. «Dass diese vermeintlich billige Lösung einhergeht mit dem Verlust eines städtebaulich wertvollen Ensembles und der stadträumlichen Qualität, scheinen viele Volksvertreter noch nicht zu realisieren.»

Die Petitionäre betonen abschliessend, dass sie keinesfalls gegen bauliche Verdichtung hinter der Alten Post sind. «Diese sollte jedoch angemessen und unter Rücksichtnahme bestehender Qualitäten erfolgen.» Daher erwarten die Petitionäre, dass sich die Stadtbehörde «zugunsten einer quartierverträglichen Lösung im Rahmen der demokratischen Prozesse kritisch mit der Bebauungsweise und Nutzung an diesem Standort auseinandersetzt».

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Autor

Michael Hunziker

Michael Hunziker

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