Der Unfall kurz vor Weihnachten hat Spuren hinterlassen: «Tessa ist noch misstrauisch gegenüber Autos und sehr aufmerksam entlang von Strassen», sagt Fiona Di Benedetto. Pony Tessa guckt aber wieder zufrieden unter seinen Haarsträhnen hervor, seine Verletzung heilt gut, das Pony lernte schnell, sein verletztes Bein zu entlasten. «Sie ist eine Kämpfernatur», sagt die Sechzehnjährige. Auch sie kämpft; wenn sie vom Unfall erzählt, ist sie den Tränen nah.

Zusammen mit einem Freund und dessen Haflinger ritt Fiona auf Tessa aus. Auf dem Reitweg wollten die vier die Kantonsstrasse zwischen Windisch und Habsburg überqueren. Die Reiter stiegen ab, warteten, bis kein Auto mehr zu sehen war, und marschierten los. Sie standen mitten auf der Strasse, als ein Auto etwa 200 Meter entfernt um die Kurve raste. Das Auto kam sehr schnell näher, die kleine Gruppe musste zurückweichen. Das Auto raste vorbei und verängstigt wich das Shetlandpony einen Schritt zurück.

Jetzt wurde das Lurchgitter, gut versteckt unter dem Schnee, zur Falle. Ein weiteres Auto raste vorbei. Mit den Hinterbeinen im herausgerissenen Gitterrost «tanzte» Tessa vor Schreck. Auch Fiona stand unter Schock: «Ich habe automatisch gehandelt.» Halb auf dem Pony liegend, brachte sie es dazu, sich niederzulegen. Dann telefonierte sie der Ponybesitzerin, rief die Feuerwehr um Hilfe. Mit ihrer Jacke wärmte sie das Pony. Es lag dicht am Strassenrand, gefangen im Gitterrost.

«Schlimme Schuldgefühle»

Weitere Autos fuhren vorbei, keines hielt an, keines drosselte das Tempo, obwohl Fiona und ihr Freund mit Leuchtwesten ausgestattet waren und winkten. Im grellen Scheinwerferlicht der herannahenden Autos versuchten sie, diese zum Verlangsamen zu bringen. Erst das sechste Auto hielt an.

Die Feuerwehr Windisch-Habsburg-Hausen traf ein und versuchte, die Gitterstäbe zu durchsägen. Ohne Erfolg, zu stark waren die Schmerzen des Ponys. «Der Schnee war ganz rot vom Blut», erinnert sich Fiona, der Schock ist ihr noch anzusehen. Auch die Brugger Feuerwehr traf ein. Mit einem Spezialspreizer gelang es, die Hinterbeine des Ponys zu befreien. Der Tierarzt nähte vor Ort die bis auf den Knochen aufklaffende Wunde. Danach konnten die Tiere zurück in ihren Stall transportiert werden. Um zwei Uhr nachts lag Fiona endlich im Bett, schlafen konnte sie nicht. «Am schlimmsten waren die Schuldgefühle», sagt die Pflegefachfrau im ersten Lehrjahr. Auch ist sie enttäuscht über all die Autofahrer, die einfach vorbeigerast sind.

Unfallkosten von 5000 Franken

Der nächste Schock kam schon bald: Die ersten Rechnungen flatterten ins Haus. Schätzungsweise verursachte der Unfall Kosten von rund 5000 Franken. Fionas Versicherung will nicht zahlen, denn die sechzehnjährige Reiterin habe nicht fahrlässig gehandelt, wird argumentiert, fahrlässig sei das Gitter quer über den Reitweg.

Den Rost hatte das kantonale Tiefbauamt angebracht, im Auftrag der Abteilung Landschaft und Gewässer. «Das Gitter schützt Tausende von Amphibien, die jedes Jahr die Habsburgerstrasse überqueren», erklärt Thomas Gerber von der Abteilung Landschaft und Gewässer. Zu Beginn hätten sich Reiter beschwert, dass ihre Pferde nicht darübergehen wollten, aber einen Reitunfall habe es vorher noch nie gegeben. Er bedauert den Unfall, wer dafür hafte, sei aber eine heikle Frage.

Grundsätzlich hafte zwar, wer eine Baute aufstelle, juristisch sei das aber komplex. «Ein toter Frosch auf dem Reitweg könnte genauso gefährlich werden», gibt Gerber zu bedenken. Auf Reitwegen würden keine Sicherheits- oder Signalisationsvorschriften gelten. Die Haftungsfrage wird ein Jurist klären müssen. Bis Fiona einen endgültigen Schlussstrich ziehen kann, wird es wohl noch dauern.