Vom Balkon ihrer Wohnung im 12. Stock überblickt die 82-jährige Hildegard Mühlethaler die halbe Gemeinde Windisch. Dass nun erstmals in der Geschichte mit Heidi Ammon eine Frau zum Gemeindeammann von Windisch gewählt wurde, freut die Seniorin: «Das ist super. Ich wurde am letzten Sonntag gleich fünf Zentimeter grösser.»

Vor der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 waren die Frauen noch nicht auf dem politischen Parkett vertreten. Das heisst aber nicht, dass sie sich nicht dafür interessierten. «Mein Vater politisierte immer mit mir», erzählt Mühlethaler am Stubentisch und strahlt. Sie war das älteste von fünf Kindern.

«Mein Vater krampfte als Giesser und die Mutter nähte oder machte sonst alles Mögliche.» Unvergesslich bleibt der Tag, an dem Vater zum ersten Mal ein paar Franken Gratifikation bekam. Von der Arbeiterbibliothek beim Eisi in Brugg brachte der Vater jeweils Bücher mit, zur grossen Freude der kleinen Hildegard.

Bezirksschul-Verbot

Mühlethaler war ein gute Schülerin. Das Lernen fiel ihr leicht. Gerne wäre sie nach Brugg in die Bezirksschule gegangen, doch die Eltern erlaubten es ihr nicht. «Heute kann ich sie sogar verstehen», so Mühlethaler. «In der Bezirksschule hätte ich mehr lernen müssen als in der Sek. Das wäre auf Kosten meiner Mitarbeit im Haus gegangen. Dazu kommt, dass wir Windischerinnen in Brugg sowieso Schüler zweiter Wahl waren.»

Später lernte sie Französisch und Italienisch. «Italienisch spreche ich noch heute mit meinen Nachbarn im Haus. Das ist ein gutes Gedächtnistraining», sagt die Seniorin. Eine Berufslehre absolvierte sie, so wie es sich damals gehörte, nicht.

Mann früh verloren

Mühlethaler heiratete und wurde Mutter von zwei Kindern. Als Brigitte 6 Jahre alt war und Markus 9, starb ihr Ehemann. «Das waren schlimme Zeiten. Wie bringe ich die Kinder gross?», fragte sich die Sozialdemokratin. Die junge Witwe fand eine Anstellung im Büro und stieg langsam in die Politik ein: «Überall musste ich Protokoll führen.»

1974 war sie eine von acht Frauen im neu gegründeten Einwohnerrat Windisch. Den Sprung in die Legislative schafften damals fünf Frauen von der SP, zwei von der EVP und eine vom Team 67. Die Arbeit im Rat gefiel ihr, sie brachte sich engagiert in den Debatten ein und liess sich nicht unterkriegen. Nach den Sitzungen wurde in der Beiz jeweils weiterdiskutiert. 16 Jahre blieb sie dem Rat treu. Als Stiftungsrätin setzte sie sich für den Bau des Altersheims ein. «Das war eine spannende Zeit», bilanziert sie.

Engagierte Stimmbürgerin

«Zum Glück habe ich das alles gemacht. Ich war damals ein halbes Weltwunder. Zu Hause wäre mir sonst die Decke auf den Kopf gefallen und ich wäre verblödet», sagt sie und lacht. Als Rote sei sie oft belächelt worden. «Meine beiden Kinder haben das alles geschluckt.» Sie braucht sich keine Vorwürfe zu machen, die Kinder sind gut herausgekommen.

Vor einigen Monaten hatte Hildegard Mühlethaler ein Schlägli. Seither könne sie sich Zahlen und Namen nicht mehr so gut merken. Das politische Geschehen verfolgt sie aber weiterhin als engagierte Stimmbürgerin auf allen Ebenen: «Ich kann nicht anders. Am letzten Sonntag lief mein Fernseher heiss.»