Mit einem lockeren Arbeitsbeginn wird nichts an diesem Dezemberabend. Schon vor 17.45 Uhr trifft der erste Funkspruch ein: häusliche Gewalt in Windisch. Andreas Lüscher und Fabian Umiker von der Regionalpolizei (Repol) Brugg holen den weiss-blauen BMW aus der Garage und fahren in ein Mehrfamilienhaus-Quartier. «Ziel ist es, die Lage so schnell wie möglich unter Kontrolle zu bringen», erklärt Lüscher. Die Polizisten wissen nicht genau, was sie erwartet, und klingeln an der Türe. Die Lage hat sich bereits beruhigt. Die Frau, die den Notruf verständigt hat, ist zwar anwesend, der Mann aber hat die Wohnung verlassen.

Das Ausserplanmässige, Überraschende ist es, das ihre Nachtschicht abwechslungsreich macht, sagen Lüscher und Umiker übereinstimmend. «Die Arbeit ist spannend und wir haben es oftmals mit einer anderen Klientel zu tun als tagsüber.» Am Dorfausgang in Mülligen wird kurz darauf eine Verkehrskontrolle durchgeführt. Die Polizisten stellen ihr Fahrzeug ab, streifen sich die gelben Leuchtwesten über und winken das erste Auto an den Strassenrand.

«Man entwickelt ein Gefühl dafür, wen man genauer anschauen muss», stellt Umiker fest. Beim Lenker des älteren roten Kombis ist alles in Ordnung. Der Polizist hat Verständnis dafür, dass nicht alle Automobilisten Freude haben, wenn sie angehalten werden. Trotzdem, weiss er, reagieren sehr viele anständig «und wissen unsere Arbeit zu schätzen». Und bei einem nicht angebrachten Spruch bleibt er gelassen. «Mit der Zeit legt man sich eine dicke Haut zu.»

Bevor die Kontrolle weitergehen kann, kommt schon der nächste Funkspruch: In der Klinik Königsfelden ist die Unterstützung der Polizei gefragt; ein Patient im Ausnahmezustand muss beruhigt werden. Jetzt pressierts. Lüscher und Umiker treffen vor dem Gebäude der Psychiatrischen Dienste Aargau AG ein, zusammen mit den Kollegen von der Kantonspolizei. In solchen Fällen, sagt Lüscher, stehen immer mehrere Polizisten im Einsatz. «Hier treffen wir in der Regel auf Personen, die enorme Kräfte entwickeln können.» Armbanduhren und Brillen lassen die Polizisten im Auto, um Verletzungen zu vermeiden. Nach rund einer halben Stunde treten sie wieder an die kalte Nachtluft. Sie sind ins Schwitzen gekommen.

Ist eingebrochen worden?

Sobald ein Polizist seine Uniform anziehe und sich ins Polizeiauto setze, sei er mental vorbereitet, führt Lüscher aus. Tatsächlich, wie sich nur wenige Minuten später zeigt: In einer grossen Lagerhalle in Mägenwil ist Einbruchalarm ausgelöst worden. Blaulicht und Sirene werden eingeschaltet. Konzentriert fährt die Patrouille im Rahmen der sogenannten Nachbarschaftshilfe – also ausserhalb des eigentlichen Einsatzgebietes – nach Mägenwil, um dort die Regionalpolizei Rohrdorferberg und die Kantonspolizei zu unterstützen.

Mehrere Patrouillen sind vor Ort, das Gebäude wird umstellt, die Umgebung abgesucht. Verdächtige Personen sind keine auszumachen. Im Innern findet eine Feier statt, offenbar wurde der Alarm versehentlich ausgelöst. Ruhe kehrt trotzdem nicht ein für die Regionalpolizisten, denn in der Klinik Königsfelden schlägt ein Patient um sich und demoliert sein Zimmer. Zurück geht es – wieder mit Blaulicht und Sirene – nach Windisch.

Zu vorgerückter Stunde ist Zeit für eine Verpflegung. «Während einer langen Nachtschicht muss man auch etwas in den Magen bekommen, sodass man bei Kräften bleibt», sagt Lüscher mit einem Schmunzeln. Auch die Kollegen von der zweiten Patrouille treffen im Aufenthaltsraum auf dem Posten in der Brugger Hofstatt ein. Die Stimmung ist entspannt. «Wir haben ein gutes Team», sind sich die Polizisten einig.

Es sind alte Bekannte

Der Gefreite Umiker ist 32 Jahre alt und seit 2005 im Dienst. Ende 2014 ist er über die Grenzwache und die Stadtpolizei Aarau nach Brugg gekommen. Adjutant Lüscher, ursprünglich gelernter Schreiner, ist länger dabei, absolvierte die Polizeischule in den Neunzigerjahren bei der Kapo AG. «Die Tätigkeit des Polizisten hat mich schon als Bube fasziniert.» Seine Berufswahl bereut der 43-Jährige nicht. «Wir haben mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun, sind einmal im Büro, einmal draussen. Das liegt mir», sagt er. «Aber wir begegnen», fährt er fort, «oft auch den Schattenseiten des Lebens.»

Gewisse Vorfälle, räumt er ein, lassen die Polizistinnen und Polizisten nicht so schnell los. «Wir sind nicht abgestumpft.» Wichtig sei es deshalb, über solche Ereignisse zu sprechen, um sie verarbeiten zu können. Hier sei er auch als Vorgesetzter gefordert, sagt der stellvertretende Repol-Chef. Die Mehrheit der Menschen, fügt Lüscher an, schätze die Polizei und sei dankbar für Hilfe. «Wir legen Wert auf einen anständigen Umgang und versuchen, alle gleich zu behandeln.»

Die Region Brugg ist dem Familienvater ans Herzen gewachsen in den letzten 22 Jahren. Er hat die Entwicklung hautnah miterlebt, erwähnt als Beispiel den Fachhochschul-Campus, der neue Herausforderungen gebracht hat. «Darauf müssen wir uns einstellen.» Apropos Fachhochschul-Campus: Im Eingangsbereich fällt den Polizisten eine Gruppe junger Männer auf. «Es sind alte Bekannte», sagt Umiker nach einem kurzen Wortwechsel. «Uns ist es wichtig, mit den Bürgern in Kontakt zu kommen.»

Andreas Lüscher und Fabian Umiker kontrollieren darauf im Neumarkt im Brugger Zentrum, ob alles in Ordnung ist. Plötzlich geht es am Bahnhof ziemlich laut zu und her zwischen zwei Gruppierungen ausländischer Abstammung. Ein Betrunkener kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Vier oder fünf Männer kümmern sich um ihn. Alle sprechen gebrochen Deutsch, die Polizisten nehmen die Namen auf. Es bleibt friedlich, aber: «In solchen Situationen braucht es wenig und die Stimmung kann kippen», weiss Umiker.

Die Finger werden klamm

Über Quartierstrassen und Feldwege gelangen die Polizisten auf das Birrfeld, halten die Augen offen entlang der Autobahn. Hier seien schon gestohlene Fahrzeuge und ganze Tresore gefunden worden. Auf dem Flugplatz-Parkplatz steht ein Auto mit laufendem Motor und eingeschaltetem Licht. Lüscher klopft ans Fenster. Im Innern sitzen, völlig harmlos, ein Mann und eine Frau, nichts Auffälliges. Über Funk werden trotzdem Abklärungen getätigt.

Nach einer Fusspatrouille auf dem Schulareal Birr steht in Lupfig eine weitere Verkehrskontrolle auf dem Programm. Es ist mittlerweile nach Mitternacht, der Verkehr ist rege, zu Zwischenfällen kommt es nicht. Nach etwas mehr als einer Stunde kriecht die Kälte die Beine hoch, die Finger werden klamm. Die Polizisten fahren in den Raum Remigen und Villigen, um dort Einfamilienhausquartier-Kontrollen durchzuführen, bevor sie nach Brugg zurückkehren. Eine aussergewöhnlich normale Nacht neigt sich dem Ende zu.