100. Todestag
Pionierin: Wie eine Pfarrerstochter aus Bözen zur ersten Schweizer Ärztin wurde

Am Montag vor 100 Jahren ist die in Bözen geborene, erste Schweizer Ärztin, Marie Heim-Vögtlin, gestorben.

Claudia Meier
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Marie Heim-Vögtlin ging gerne in die Berge. Manchmal wurde sie von Sohn Arnold und Tochter Helene begleitet.

Marie Heim-Vögtlin ging gerne in die Berge. Manchmal wurde sie von Sohn Arnold und Tochter Helene begleitet.

«Liebe liebe Anna! Ein letzter Gruss, ich kann nicht mehr schreiben. Das Abschiednehmen von so vielen lieben Menschen ist eine so schwere Arbeit», schrieb Marie Heim-Vögtlin am 6. November 1916 in einem Brief an ihre Schwester nach Brugg. Am Morgen des nächsten Tages verstarb Marie in Zürich. Sie litt mehrere Jahre an Tuberkulose. Ihre Asche wurde im Ehren-Urnengrab der Familie Heim im Krematorium Sihlfeld beigesetzt, wie Historikerin Verena E. Müller im Buch «Marie Heim-Vögtlin – die erste Schweizer Ärztin (1845–1916) Ein Leben zwischen Tradition und Aufbruch» festhält.

Mit vielen Details beschreibt Müller den Werdegang einer mutigen Pionierin, die zum Vorbild für viele Frauen wurde. In einem Lebenslauf an die Aargauer Erziehungsdirektion schrieb die 25-jährige Studentin Marie Vögtlin: «Ich erlebte meine ganze Kindheit auf dem Lande. Da ich in dem einsamen Dorfe Bözen keine Gespielen hatte, so suchte ich meine Vergnügungen in Feld und Wald und es ist wohl dieser Umstand, dem ich meine spätere Liebe zu Naturwissenschaften verdanke.»

undefined Von 1912 bis 1916 war Marie mehr oder weniger krank. Sie litt an Tuberkulose. Am Schluss ihres Lebens war sie ans Bett gebunden. In einem Brief an ihre Schwester Anna schrieb die Ärztin, dass sie noch gerne etwas «regiere». Für Tochter Helene, die ihre Mutter pflegen wollte respektive sollte, soll die Situation alles andere als einfach gewesen sein. Marie starb 71-jährig am Morgen des 7. November 1916 in Zürich.

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ETH-Bibliothek Zürich, Bildarch

Internat in Thalheim

Marie kam als jüngstes Kind der Familie am 7. Oktober 1845 im Pfarrhaus Bözen zur Welt. Ihre Ausbildung genoss sie zuerst im Internat im Pfarrhaus Thalheim, dann während über einem Jahr im Pensionat Montmirail bei Neuenburg und schliesslich – ebenfalls als ihr Vater noch als Pfarrer in Bözen amtete – eine Zeit lang bei Cousine Blumer in Zürich. Marie war die erste Schweizerin, die ein Universitätsstudium abschloss und in Zürich eine eigene Arztpraxis führte.

Erinnerungsfeier in Brugg

Heute Sonntagabend findet um 17 Uhr im Stadtmuseum Brugg, Stäblisaal,
eine Erinnerungsfeier zum 100. Todestag der ersten Schweizer Ärztin statt. Unter dem Titel «Marie Heim-Vögtlin (1845–1916), ihre Pioniertat und ihr Brugger Umfeld» referiert Verena E. Müller. Die Publizistin aus Zürich hat die umfangreiche Biografie «Ein Leben zwischen Tradition und Aufbruch» über Marie Heim-Vögtlin geschrieben. Dieses Jahr ist das Werk im eF-eF-Verlag neu erschienen. Für die Musik ist Sabina Curti, Violine, zuständig.

Zu verdanken hatte sie diesen Weg vor allem ihrem Vater Julius David Vögtlin. Der konservative Theologe handelte laut Müller aus reiner Liebe zu seiner Tochter und investierte sehr viel Geld in ihre Ausbildung. Möglich war das nicht zuletzt, weil Maries Bruder als Kleinkind gestorben war und dadurch finanzielle Mittel für die Ausbildung der Tochter zu Verfügung standen.

Maries Entschluss, Ärztin zu werden und aus der Rolle der wohlerzogenen Bürgerstochter auszubrechen, stiess in der Brugger Öffentlichkeit zunächst auf Unverständnis. Vater Vögtlin, inzwischen Stadtpfarrer von Brugg, hielt den Angriffen allerdings stand. Die unverheiratete ältere Schwester Anna unterstützte das gewagte Projekt ebenfalls und war bereit, dem verwitweten Vater den Haushalt zu führen. Widerstand gab es hingegen aus nicht bekannten Gründen von Maries tüchtiger und erfolgreicher Tante Rosina Rahn-Vögtlin, der Gründerin des Kinderspitals Brugg. Von Anfang an war sich Marie bewusst, dass sie im Interesse der Frauen nicht scheitern durfte.

Nur Frauen und Kinder

Auf Druck der Familie musste Marie eine halbjährige Bedenkfrist einschalten, bevor sie im Herbst 1868 das Studium an der Uni Zürich aufnehmen konnte. Dort stiess sie auf verständnisvolle Professoren. Solche Männer bildeten eher eine Ausnahme. Zum Vergleich: Die älteste Schweizer Universität, Basel, liess Frauen erst 1890 zu. Die Semesterferien verbrachte Marie zu Hause nach dem Motto «Bügeln statt Lernen». Dabei nähte sie sich einen Teil ihrer Garderobe. Nach dem Examen 1873 spezialisierte sie sich in Leipzig auf Gynäkologie und arbeitete einige Monate in einer Entbindungsklinik in Dresden.

Ein Jahr später konnte Dr. med. Marie Vögtlin in Hottingen bei Zürich ihre eigene Praxis eröffnen. Die erste Schweizer Ärztin stand unter besonderer Beobachtung und behandelte konsequent nur Frauen und Kinder. 1875 heiratete sie in der kleinen Kirche von Gebenstorf den Geologen Albert Heim, Professor am Polytechnikum. Getraut wurden sie von Maries Vater. Die Hochzeitsreise führte die beiden über Südfrankreich nach Italien und von Venedig durch das Bündnerland zurück nach Zürich. Beinahe einen Monat waren sie unterwegs. Einige Jahre später kamen Sohn Arnold und Tochter Helene zur Welt. Zu Brugg brach der Kontakt ein Leben lang nicht ab. Regelmässig besuchte Marie – oft auch mit ihren Kindern – ihre Familie.

Die Familie Heim besass am Zürichberg ein bescheidenes Chalet mit einem grossen Garten. Marie legte da immer wieder selbst Hand an. Schickte sie mal einen Korb Äpfel aus dem eigenen Garten nach Brugg, legte Marie auch gleich die Anleitung zur korrekten Lagerung der Früchte bei. Am 11. Juli 1899 wurde der Grundstein zu ihrem Frauenspital mit angegliederter Krankenschwesterschule gelegt. Die Zürcher «Pflegi» wurde 1901 eröffnet. 1900 gab es in der Schweiz erst 26 Ärztinnen.