Es ist 20.15 Uhr an einem Freitagabend. Für die Geissmanns wars nicht gerade einfach, einen Termin zu finden, der Stadtrat Leo Geissmann (63) und seinen 27-jährigen Zwillingstöchtern Julia und Barbara für ein Gespräch mit der Zeitung passt. Julia kommt erst gerade von der Arbeit nach Hause, steigt die steile Treppe hoch zu ihrem Zuhause am Hang des Brugger Bergs.

Unter der Woche ist es für die Familie schwierig, sich zu treffen. Julia Geissmann hat vor gut zweieinhalb Jahren ihr Pharmazie-Studium an der ETH beendet und arbeitet heute als Apothekerin. Zusätzlich ist sie als CVP-Einwohnerrätin in Brugg tätig und engagiert sich im Vorstand des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) Brugg. Barbara hat ihr Informatik-Studium an der ETH ebenfalls abgeschlossen und doktoriert zurzeit am Institut für Theoretische Informatik. Zusätzlich ist sie Verteidigerin bei der Frauenabteilung des FC Zürich (U21) und amtet im Vorstand der CVP Stadt Brugg sowie der Jungen CVP Aargau.

Mit ihrem Hang zu Naturwissenschaften kommen die Töchter ganz nach ihrem Vater. Dieser hat nämlich an der ETH Mathematik studiert und promovierte später in Informatik. Heute ist er als Stadtrat unter anderem für die Finanzen zuständig.

Politisiert wird beim Essen

Meistens trifft sich die Familie Geissmann am Sonntagabend zum Znacht. «Ich finde es jeweils schön, alle zu sehen», sagt Barbara Geissmann. «Dann bekomme ich auch die News mit.» Gegessen wird dann an dem Tisch, an dem wir auch an diesem Abend Platz nehmen. Auf dem massiven Holzmöbel steht eine Kerze, eine Vase mit Tulpen und ein Schälchen mit selbst gebackenen Fasnachts-Schenkeli.

An diesem Tisch kommt es bisweilen auch zu politischen Diskussionen. Klar, dass beispielsweise anstehende Geschäfte im Einwohnerrat hier zur Sprache kommen. Im Hause Geissmann herrscht eine offene Diskussionskultur. So hat am Geissmann-Familientisch das Thema «Tempo 30 flächendeckend» für Zündstoff gesorgt.

Während Julia und Leo eher die Zurückhaltenden, Stillen sind, sagt Barbara von sich: «Ich bin diejenige, die sich einen Standpunkt heraussucht und den diskutiert, auch wenn ich diesen nicht unbedingt vertrete.» Sie sei tendenziell etwas emotionaler in Diskussionen verglichen mit Julia und Leo, «die doch immer sehr sachlich sind». Bis anhin war sie aufgrund ihrer Arbeit in der Jungen CVP besser über kantonale und nationale Geschäfte informiert, bei kommunalen Geschäften hat sie gerne zu Hause zuerst Fragen gestellt und diskutiert. «Danach habe ich mir die Vorlagen noch im Detail angeschaut», sagt Barbara. «Ja, und dann hast du herausgefunden, dass ich von Anfang an recht hatte», neckt Julia. Barbara lacht.

Künftig wird sich Barbara auch im Detail um kommunale Geschäfte kümmern. Denn nach Julia hat nun auch sie den Sprung in den Einwohnerrat geschafft. Sie rückt für Beat Ganz nach. Vereidigt wird sie an der Einwohnerratssitzung vom 10. März.

Dass der Vater im Stadtrat sitzt, ist für die Töchter von Vorteil. «Wir haben einen Experten bei uns zu Hause», sagt Julia. Allerdings: Einfach so rückt Leo Geissmann, der Kompromiss-Mensch, nicht mit Infos heraus. «Die müssen wir uns schon aktiv holen», sagt Barbara. Für Vater Leo ist es wichtig, dass sich seine Töchter unabhängig von ihm eine eigene Meinung bilden.

Die Töchter glauben nicht, dass sie gegenüber anderen Einwohnerräten einen Wissensvorsprung haben. «Wenn man mehr Infos braucht, kommt man immer an die heran», findet Julia. «Wir haben es vielleicht einfach leichter, diese einzuholen.» Besonders wertvoll sei das, wenn es um das Budget oder die Rechnung geht. «Mit Papa haben wir die perfekte Auskunftsperson», sagt Julia.

Speziell ist, dass Barbara zwar früher in die Politik eingestiegen ist, aber Julia dann zuerst in den Einwohnerrat gewählt wurde. Barbara engagierte sich in der Jungen CVP Aargau und zog ihre Zwillingsschwester mit. Vor acht Jahren kandidierten sie erstmals für den Einwohnerrat Brugg (gewählt wurde keine, aber «damals hatte ich noch mehr Stimmen als Julia», sagt Barbara), später auch für den Nationalrat. Vor vier Jahren schaffte Julia den Sprung in den Einwohnerrat. «Sie hat sicher von ihren Hobbys und ihren Beziehungen in der Stadt Brugg profitiert», meint Barbara.

Von der Politik geprägt

Natürlich sind die Schwestern bereits zuvor mit der Politik vertraut gewesen. «Unsere Eltern haben immer abgestimmt und gewählt», sagt Barbara. In den ersten Jahren nach ihrem 18. Geburtstag habe sie jeweils die Abstimmungscouverts persönlich beim Wahlbüro vorbeigebracht.

Das politische Umfeld und das Engagement des Vaters und der Mutter hätten dann auch dazu geführt, dass sie halt eher für ein politisches Amt angefragt wurden als andere. «Das hat nicht einmal gross etwas mit dem Namen zu tun», sagt Julia.

«Julia und Barbara sind langsam in die Politik hineingewachsen», sagt Leo Geissmann. «Sie haben natürlich auch meinen Werdegang miterlebt. Bei uns zu Hause war politisch immer etwas im Gange.» Nie aber hätte er von seinen Töchtern verlangt, dass sie sich politisch aktiv engagieren.

Die Parteizugehörigkeit stand für Julia und Barbara nie zur Diskussion. «Klar habe ich mir Gedanken gemacht, ob es die richtige Partei ist. Aber keine andere Partei hat mir mehr entsprochen, und auch bei Smartvote war die CVP immer oben», sagt Barbara. Und Julia schätzt an der CVP, dass eine breite Meinungsvielfalt herrscht. «Es gibt kein Diktat von oben.» Sowieso: «Das Extreme liegt mir nicht», ergänzt sie.

Für ihren ersten Auftritt im Einwohnerrat holt sich Barbara Tipps bei Vater und Schwester. So rät Julia: «Begrüsse alle persönlich, stelle dich vor und versuche, die Namen zu behalten.» Und Papa Leo meint: «Höre rein, finde heraus, wie der Ratsbetrieb funktioniert.»

Die Zwillingsschwestern haben bereits ein Anliegen, das sie im Rat durchbringen wollen. Die Aufwertung des Simmenparks steht schon längst auf ihrer politischen To-do-Liste. «Wenn der Park mit Infrastruktur aufgewertet wird, kann die ganze Bevölkerung profitieren», ist Julia überzeugt. Ganz spruchreif ist ihr Anliegen noch nicht. «Es kommt aber bald», sagen die Schwestern.

Und mit dem Eintritt von Barbara in den Einwohnerrat ist klar: Künftig sehen sich Geissmanns nicht mehr nur am Sonntagabend, sondern sicher auch sechsmal an den Freitagabenden im Einwohnerrat. Familientreff im Einwohnerrat also.