In südkoreanischen Restaurants sitzen die Gäste auf Kissen auf dem Boden. Getränke darf man sich selber nicht einschenken. Beim Zuprosten schauen sich die Menschen nicht in die Augen. Schallendes Gelächter wird als negativ empfunden. Kurz: Die Fettnäpfchen, in die ein Ausländer in Südkorea treten kann, sind zahlreich. Das weiss auch Jürg Baur, der für vier Wochen an den Olympischen Winterspielen für das Schweizer Fernsehen tätig sein wird.

Mit einem ungeschriebenen südkoreanischen Gesetz wird er aber kein Problem haben: Mit dem Neinsagen. Denn Neinsagen gilt in Südkorea offenbar als sehr unhöflich. Jürg Baur lacht und sagt: «Meine Frau meinte, dass das zu mir passt, da ich selten Nein sagen kann.»

Vom Schweizer Fernsehen hat Jürg Baur eine stattliche Beige an Unterlagen erhalten zu seinem Freiwilligeneinsatz. Unter anderem eben, wie sich ein Ausländer in Südkorea verhalten soll – und wie besser nicht. Einen Teil der Ausrüstung hat Jürg Baur bereits: Die Arbeitskollegen haben ihm Essstäbchen geschenkt, und von einem Behindertensportler konnte er südkoreanisches Geld, sogenannte Won, erwerben. Er schwenkt eine Note mit der Zahl 50'000: «Das sind umgerechnet 45 Franken.»

Mittendrin im Geschehen

Um zu verstehen, wie der CVP-Grossrat und Brugger Stadtratskandidat nun überhaupt dazu kommt, an den Olympischen Winterspielen im Einsatz zu stehen, blenden wir ein Jahr zurück.
Der sportbegeisterte Jürg Baur meldete sich vor der Ski-WM in St. Moritz 2017 als freiwilliger Helfer an, weil er einen grossen Sportanlass einmal hautnah miterleben wollte.

«Ich wollte mittendrin sein im Geschehen», sagt er. Nach einem Infoabend wurde er dann als Helfer beim Schweizer Fernsehen eingeteilt. Rasch integrierte er sich ins Team, knüpfte Freundschaften. «Es sind super Leute, die da arbeiten», schwärmt er.

Bereits drei Tage nach Arbeitsbeginn wurde Jürg Baur zusätzlich bei der Zeitmessung eingesetzt. «Eine meiner Aufgaben war, die Lasermessung kurz vor der Durchfahrt der Athleten zu aktivieren», erzählt er. Beim Slalom und Riesenslalom sei die Zwischenzeitmessung gar manuell.

«Damit konnte ich die Stimmung der Fans im Ziel beeinflussen», scherzt Jürg Baur. Die Arbeit an der Ski-WM beeindruckte ihn. «Ich stand unter anderem mit Steigeisen im Zielhang, erlebte die Atmosphäre rund um die Rennen inmitten einer wunderbaren Gegend, das war schon einzigartig.»

Kurze Zeit nach der Ski-WM in St. Moritz erhielt Jürg Baur einen Anruf von einem Verantwortlichen beim SRF. Ob er mitwolle an die Olympischen Spiele in Pyeongchang in Südkorea, lautete die Frage. Klar wollte er, und wie. «Doch ich musste das zuerst mit meiner Familie und meinem Arbeitgeber absprechen, denn vier Wochen sind eine lange Zeit», sagt er.

Seine Frau habe aber rasch gemerkt, wie sehr ihm dieser Einsatz am Herzen liegt und habe ihm deshalb keine Steine in den Weg gelegt. «Sie geht dafür mit unserer Tochter in die Ferien an die Wärme.»

Auch mit dem Arbeitgeber – Baur ist als Schulleiter in Lupfig tätig – wurde er sich einig. «Einerseits gebe ich die zwei Wochen Sportferien an den Einsatz, andererseits werde ich die restlichen zwei Wochen vor- und nacharbeiten», erklärt Baur. «Nur so ist das überhaupt möglich.»

Den Sportlern auf den Fersen

Nun also fliegt er am 28. Januar nach Pyeongchang, wo er im Skigebiet Yongpyong in einem Appartement untergebracht sein wird, gemeinsam mit anderen Mitarbeitenden des SRF. Für den Einsatz erhält Jürg Baur eine geringe Entschädigung. Reise, Unterkunft und Ausrüstung sind aber bezahlt.

Als sogenannter Spotter wird er für das Fernsehen unterwegs sein. Heisst: Für die Kameraleute sucht er die Sportlerinnen und Sportler für die Fernsehaufnahmen – sei es im Zielraum, beim Starthäuschen, beim Training oder sonst wo. Das braucht eine akribische Vorbereitung. So lernt Jürg Baur jetzt im Vorfeld die Namen, prägt sich die Gesichter ein. Nur bringt das herzlich wenig, wenn die Sportler dann mit Helm auftauchen. «Zum Glück tragen die ja auch noch Startnummern», sagt Baur und lacht.

Im Vorfeld der Rennen wird er auch auf den Skis am Hang unterwegs sein und den Fernsehleuten beim Verkabeln der Kameras behilflich sein. «Ein gewisses skifahrerisches Können muss man dafür schon mitbringen. Die Pisten sind pickelhart.»

Neue Kultur, neue Freundschaft

Für Jürg Baur wird der Einsatz in Südkorea ein Abenteuer. Gedanken mache er sich auch zur Situation zwischen Nord- und Südkorea. «Allerdings kann ich mich diesbezüglich voll und ganz auf meinen Arbeitgeber und das EDA verlassen.»

Er freue sich riesig auf die Stimmung und darauf, Teil der Olympischen Spiele zu sein. «Es ist schön, wenn die ganze Welt zusammenkommt, um sich sportlich zu messen.» Er erhofft sich von diesem Einsatz neue Freundschaften und vor allem auch die Gelegenheit, ein neues Land, eine neue Kultur kennenzulernen.

Weil Jürg Baur erst am 28. Februar aus Südkorea zurückkehrt, also wenige Tage vor der Stadtrats-Ersatzwahl in Brugg vom 4. März, wird er einen Teil seines Wahlkampfs aus Asien bestreiten. Zeit dafür findet er vielleicht zwischen den möglichen Medaillenfeiern von Beat Feuz, Wendy Holdener und den anderen Schweizer Hoffnungsträgern an den Olympischen Spielen.