Dass Tiziano Colella nach dem Essen aus dem Tischset ein Papierflugzeug bastelte und durch den Speisesaal fliegen liess, kam bei der Frau schräg vis-à-vis gar nicht gut an. Der bald 40-Jährige erinnert sich noch genau an diese Episode. Es war der Auftakt zu einem 3-tägigen Single-Treff. Seit letztem Juni ist die erwähnte Tischnachbarin seine Ehefrau. Nie hätte die 33-jährige Thunerin Christa gedacht, dass sie einen Mann heiraten wird, der seine Kindheit in einem Heim verbrachte. Sie, die in einer intakten Familie mit drei Brüdern aufgewachsen war.

Tiziano Colella hat eine eigene Gangart entwickelt, um ans Ziel zu kommen. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen und zeigt sich bereits, als er mit leicht hin und her schaukelndem Oberkörper das Restaurant am Berner Bahnhofplatz betritt. Er bestellt einen Café Crème und beginnt zu erzählen, wie er halbjährig als Baby vom Kanton Glarus über Zürich nach Brugg ins Kinderheim kam. In der Behindertenabteilung war er gut aufgehoben. Später als die gesunden Gleichaltrigen lernte er laufen und Velo fahren. Da, abgesehen von der leichten körperlichen Behinderung, alles in Ordnung war, konnte er nach einigen Jahren in die normale Schülergruppe und die öffentliche Schule wechseln.

Colellas Vater ist ein Italiener, den er nie richtig kennenlernte. Seine Mutter, bei der er jeweils die Ferien verbrachte, starb, als Tiziano 6-jährig war. Dann sprang seine Grossmutter in die Bresche. Der 8 Jahre ältere Bruder, der später die Rolle des Vormunds übernahm, holte den kleinen Tiziano jeweils mit dem Zug in Brugg ab und brachte ihn ins Glarnerland. Unzählige Wochenenden verbrachte Tiziano mit dem Heimleiter-Ehepaar im Kinderheim. «Günthards waren eigentlich meine Ersatzeltern. Ich finde es nicht selbstverständlich, dass sie mich manchmal am Sonntag mit ihrem Sohn zum Gummibootfahren an den Hallwilersee mitnahmen», sagt Colella.

Trauzeuge aus dem Kinderheim

Im Kinderheim Brugg lernte Tiziano zudem seinen späteren Trauzeugen kennen, mit dem er noch immer mindestens einmal im Jahr verreist. Bei der ersten Begegnung stritten sich die beiden Jungs allerdings noch ganz schön um das Schaltpult der Modelleisenbahn. Schnell merkten sie aber, dass es einfacher ist, als Verbündete durchs Leben zu gehen und gemeinsam Streiche auszuhecken. «Wir waren bis zu 11 Kinder in der Schülergruppe Kaktus und hielten zusammen. Nie hat einer den anderen verpfiffen», so Colella. Unvergessen bleibt ein heimlicher Spaziergang im Süssbach nach Windisch. Alle – ausser Tiziano, der an diesem Tag bei Frau Keller-Keller zum Mittagessen eingeladen war – mussten anschliessend zur Strafe ins Zimmer. In der Pubertät wurde auch das Leben im Kinderheim schwieriger. Regelmässig tanzte Tiziano aus der Reihe und reizte so den Handlungsspielraum im Heim aus.

Nach zwei Berufswahljahren in Luzern absolvierte Colella dort eine Lehre als Detailhändler. Dank einer Stelle bei der Migros in Zürich ging es anschliessend schrittweise die Karriereleiter hoch bis zum Fachmarktleiter. «In diese Kader-Position kam ich alleine durch gute Arbeit und Leistung», erzählt Colella stolz. Zudem wurde er Vizepräsident der Personalkommission, wo er sich mit viel Herzblut für faire Einsatzpläne und Bedingungen für die Angestellten einsetzte, was nicht von allen Kader-Mitarbeitenden gleichermassen geschätzt wurde.

Werte haben ihn geprägt

Heute ist der bald 40-Jährige überzeugt, dass ihn vor allem die Werte, der Anstand und die Disziplin, die ihn im Kinderheim prägten, so weit gebracht haben. In Colellas Schilderungen schwingt grosse Dankbarkeit mit. Denn selbstverständlich sei dies nicht, betont er immer wieder. Er kennt Heimbewohner, die Suizid machten, im Gefängnis landeten und uneheliche Kinder von verschiedenen Partnern haben. Schicksalsschläge, die sich wohl niemand wünscht.

Im Kanton Bern hat Tiziano Colella dank seiner Frau eine neue Heimat gefunden. «Bern tut dem Herzen gut», sagt er beim Fototermin auf dem Bahnhofplatz und lacht. Schon Günthards im Kinderheim sprachen Berner Dialekt und nun auch seine neue Familie in Thun. Beruflich ist Colella ebenfalls in Bern angekommen. Er arbeitet als Leiter Verkauf im Media Markt nahe beim Bahnhof und hat 30 Angestellte unter sich. Fair und eng mit Leuten zusammenzuarbeiten reizt ihn. «Dazu gehören Lob und Dank.» Colella schreckt aber auch nicht vor unangenehmen Entscheiden zurück, wenn er alle Alternativen ausgeschöpft hat, um ein Problem zu lösen.

Die Grosszügigkeit, die er im Kinderheim von zum Teil fremden Menschen erfuhr, ist Colella ebenso wichtig: «Wenn ich jemandem 5 Franken gebe, schmerzt mich das nicht.» Auch grössere Projekte unterstützt er regelmässig, wenn sie ihm sinnvoll scheinen. Und das ist insbesondere der Fall, wenn Kinder davon profitieren können. Alle Kinder sollten eine Chance haben, sich weiterzuentwickeln, ist er überzeugt. «Ohne all die Förderung im Kinderheim wäre ich heute ein Krüppel», sagt er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Und wann hat er zum letzten Mal ein Papierflugzeug gefaltet? Das sei erst vor wenigen Wochen gewesen, erzählt er. «Meine Modelle fliegen super und sehr weit. Damit kann ich jedes Kind begeistern. Die Falttechnik dafür habe ich mir im Heim beigebracht.» Und dann ist es plötzlich wieder da – sein typisch spitzbübisches Lachen.