Ohne sie gäbe es das Kulturhaus Odeon nicht: das Brugger Apotheker-Paar Bernadette und Max Kuhn. Sie haben die Liegenschaft beim Bahnhof erworben, als bekannt wurde, dass sie abgerissen werden soll. Vorgesehen war an diesem Standort – mit der damals gültigen «City-Planung 68» – eine Überbauung mit einem Einkaufszentrum, also eine Neumarkt-Erweiterung. «Wir konnten eine städtebauliche Katastrophe verhindern», sagen sie rückblickend. Sie erinnern sich, als wäre es gestern gewesen, erzählen mit launigen Worten.

Ende 1996 wurden Kuhns als Anrainer von der Stadt zur Information eingeladen. «Dort haben wir das erste Mal erfahren, dass die Liegenschaft zum Verkauf steht.» Nach einem «verrückten Jahresende» suchten sie Anfang 1997 das Gespräch mit der Verkäuferschaft. Mitzubieten für das Haus sei möglich, allerdings unter der Bedingung, dass innerhalb von drei Wochen ein Projekt vorliegen musste.

Kuhns stellten mit Unterstützung der Metron Architekten ihre Pläne in der gesetzten Frist vor und unterzeichneten im Mai des gleichen Jahres den Kaufvertrag. Parallel dazu suchten sie den Kontakt zum damaligen Kulturverein Arcus, denn sie wussten, dass dessen Untergruppe «Film-Top» ein- bis zweimal wöchentlich ein sehr gut besuchtes alternatives Filmprogramm zeigte im alten «Odeon». Dem Antrag des Vorstands stimmte die Generalversammlung im September 1997 zu, die Betriebsführung im Kinotheater Odeon zu übernehmen.
Er kennt jede Schraube

Es folgten die Planung, Renovation und der Umbau der Liegenschaft mit Baujahr 1920. Grosse Verdienste an den geglückten Arbeiten hätten die beteiligten Architekten gehabt, sagt Max Kuhn. Zuerst habe sein Bruder Werner mit seinen Abklärungen wichtige Entscheidungsgrundlagen geliefert. Später habe der Brugger Architekt René Stoos das Projekt übernommen und zu einem gelungenen Ende geführt.

Kuhns investierten nicht nur viel Geld, sondern auch Zeit, packten tatkräftig mit an. Ihr Mann kenne jede Schraube im «Odeon», sagt Bernadette Kuhn mit einem Lachen. «Er war häufig mit dem Übergwändli im Haus anzutreffen.» Die Zusammenarbeit zwischen Architekten, Vertretern des Kulturvereins, Handwerkern und Bauherrschaft sei anspruchsvoll, aber ebenso hervorragend gewesen.

Im Nachhinein sei erstaunlich, wie schnell die Renovation über die Bühne gegangen sei, halten Bernadette und Max Kuhn übereinstimmend fest. «Wir konnten uns das finanzielle Risiko aber nur leisten, weil wir unseren Apotheken-Betrieb im Rücken hatten», geben sie zu bedenken. Auch sei die Realisierung nur möglich gewesen, weil viele Personen im richtigen Moment einen wichtigen Beitrag zum Ganzen beigetragen hätten.

Ein Glücksfall für die Beteiligten

Am 15. August 1998 wurde die grosse Eröffnung gefeiert. An Herausforderungen mangelte es danach allerdings nicht. Denn der Betrieb musste entwickelt und aufrechterhalten werden. «Die Organisation führte zu einigem Kopfzerbrechen, die Leute des Kulturvereins Arcus mussten sich gewaltig zusammenraufen», sagen Kuhns. Schliesslich konnte eine solide Basis geschaffen werden, auf der sukzessive aufgebaut wurde.

2006 war es möglich, die benachbarte dreieckige Restparzelle nach einem mehrjährigen Planungsverfahren zu bebauen. «Die City-Planung 68 wurde zu Fall gebracht, vorher war kein Bauvorhaben möglich», sagen Kuhns. Wieder nahm sich der renommierte Architekt René Stoos dem Vorhaben an. «Das hat sich zu einem Glücksfall für alle Beteiligten entwickelt. Er hat eine städtebauliche Reparatur hingebracht, indem er die beiden Räume des Bahnhofplatzes und der Alten Zürcherstrasse wieder lesbar gestaltete.»

Stoos führte die Geschossigkeit des «Odeon» ins neue Trigon Gebäude weiter und realisierte das Forum Odeon im ersten Obergeschoss, was zu einem erweiterten Kulturangebot führte. Gleichzeitig konnte die Bühne um den Anbau der Künstlergarderobe erweitert werden. «Das war aber nur möglich dank dem guten Einvernehmen mit unserem Nachbarn.»

Einst lag die Verantwortung für den Gastrobereich bei Kuhns, um das finanzielle Risiko abfedern zu können. Mittlerweile wurde der Gastrobereich vom Kulturverein selber übernommen, sodass die Angebote nahtlos ineinanderfliessen. «Es ist toll, wie es funktioniert», sagen sie, wissen aber auch, dass die Infrastruktur – ob Küche oder Lüftung – zwangsläufig an ihre Grenzen stösst.

Die Zukunft ist gesichert

In weiser Voraussicht erstellt worden war seinerzeit ein Dienstbarkeitsvertrag für den gesamten Hinterhof. Auf diesem Areal wurde diesen Sommer das erste «Odeonair» durchgeführt. Die Idee für ein Open-Air-Kino sei schon vor rund 10 Jahren aufgekommen, erinnert sich Max Kuhn.

Bei der Sanierung des Eckhauses am Bahnhofplatz konnte auf der Rückseite des Gebäudes die Voraussetzung geschaffen werden, um während ein paar Wochen eine Kinoleinwand faltenfrei aufspannen zu können. Kommt die Rede auf den extra neu angeschafften Projektor, gerät Kuhn ins Staunen. «Es ist eindrücklich, welche Entwicklung in der Projektionstechnik in letzter Zeit stattgefunden hat.» Eine solche Bildqualität im Freien sei vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen.

Die einzelnen Sparten – Film, Kleinkunst, Musik, Lesung und Gastronomie – hätten sich wunderbar entwickelt, fassen Bernadette und Max Kuhn zusammen. Das betriebliche Rückgrat bilde das Cinema in der Verantwortung von Stephan Filati, der als Betriebsleiter des Kulturvereins Odeon den Betrieb mit viel Herzblut führt. «Die Zusammenarbeit mit dem Vorstand des Kulturvereins Odeon ist offen und konstruktiv. Wichtig ist uns, dass die Zukunft des ‹Odeon› aus heutiger Sicht gesichert ist.»

Der Dank ist Motivation genug

Denn um diese hätten sie sich einige Gedanken gemacht, räumen sie ein. Dass die Stadt einsteige, sei nicht vorstellbar gewesen. Sowieso hätten sie sich von dieser dann und wann mehr Unterstützung gewünscht. «Wir arbeiten und zahlen Steuern, aber von der öffentlichen Seite ist am Bahnhofplatz wenig Engagement zu spüren», sagt Max Kuhn. «Das ist enttäuschend und wenig motivierend, weitere Projekte zu initiieren oder mitzuhelfen, diese umzusetzen.» Es brauche Respekt, Fairness und Verlässlichkeit auf der Suche nach Lösungen von allen Seiten, fügt er an. «Wir haben ein grosses Potenzial in der Region Brugg-Windisch. Aber die Vision, die Initiative und der Führungsanspruch müssen aus den Zentrumsgemeinden entwickelt und gelebt werden.»

Das Programmangebot, das der Kulturverein Odeon alljährlich gestaltet, bewirke eine riesige Ausstrahlung, ziehe Besucher aus der weiten Region an. Auch viele namhafte Künstler kommen immer wieder gerne. Diese müssen nicht mehr, führen Kuhns mit einem Schmunzeln aus, mit der kleinen Künstlergarderobe im Keller vorliebnehmen, sondern hätten einen modernen Raum zur Verfügung mit Dusche, Schminkspiegel und natürlichem Licht.

Das engagierte Apotheker-Paar hofft, dass der Kulturverein weiterhin auf ein Kernteam aus Freiwilligen zählen kann, die tatkräftig mitarbeiten, dass auch Junge vom «Odeon»-Virus angesteckt werden. «Es braucht heute genauso wie in Zukunft mehrere Partner, die ihren Teil zum Gelingen beitragen und auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten.»

Mit dem «Odeon» haben Kuhns turbulente Zeiten erlebt, viel Freude, aber auch einigen Ärger. Warum liegt ihnen der wenig rentable Betrieb nach wie vor so am Herzen? Wenn man nach einer Vorstellung in die glücklichen Augenpaare blicke, wenn sich die Besucher spontan bedanken, sei dies Motivation genug, antworten sie ohne zu zögern. Oder wenn ein Ehepaar am Nebentisch im Restaurant erzähle, dass sie nur wegen des «Odeon» nach Brugg gezogen seien, weil hier alle Filme in Originalsprache gezeigt werden. «Das sind unvergessliche Momente. Kultur bereichert unser Leben ungemein und kommt der Sinnfrage des Lebens etwas näher.»