Scheibensprengen in Stilli
Nur wenige beherrschen die Technik dieses urtümlichen Brauchs

Das Scheibensprengen im ehemaligen Flösserdorf ist Kult. Die ältere Generation zeigt der jüngeren, wie es geht. Ehre gebührt dem, der sein Geschoss bis ans andere Aareufer zu befördern vermag. Spass an dieser Tradition haben aber alle.

Selina Mosimann (Text und Fotos)
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Urs Berner, Organisator und Mitglied im Freizeitverein Villigen
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Scheibensprengen in Stilli
Gute Stimmung herrscht am Scheibensprengen
Er hat schon einige Übung - Gemeindeamman Schebi Baumann
Dieser junge Mann schleudert besonders weit
Auch der neue Gemeinderat René Probst versucht sich im Scheibensprengen
Das Scheibensprengen hat Tradition in Stilli
Das gemütliche Beisammensein kommt nicht zu kurz

Urs Berner, Organisator und Mitglied im Freizeitverein Villigen

Selina Mosimann

Schon der Name ist ungewöhnlich: Das traditionelle Scheibensprengen in Stilli sorgt jedes Jahr für Erstaunen unter den auswärtigen Besuchern. Für die Einwohner von Stilli, den sogenannten «Stillemer», vereint das Scheibensprengen aber eine langjährige Tradition, gemütliches Beisammensein und Spass. Im ehemaligen Flösserdorf ist der Anlass Kult und der Tag des Scheibensprengens hat sogar seinen eigenen Namen erhalten: Immer am Funkensonntag messen sich Alt und Jung im Schleudern von kleinen Holzscheiben. Funkensonntag deshalb, weil die Scheiben nach dem Eindunkeln entflammt werden und funkelnd über die Aare fliegen.

Doch was ist das Scheibensprengen den eigentlich? Handtellergrosse Scheiben aus Buchenholz, etwa dreizehn Zentimeter breit und bis zwei Zentimeter dick, werden mit elastischen und angespitzten Haselgerten auf einer Brettvorrichtung quer über die Aare geschleudert. Ehre gebührt dem, der sein Geschoss bis ans andere Aareufer zu befördern vermag.

Ursprung ist umstritten

Wie der eigentümliche Brauch überhaupt seinen Ursprung fand – darüber streiten sich bis heute die Ureinwohner von Stilli. Manche sprechen von der Vertreibung der bösen Geister während sich andere sicher sind: Mit dem Scheibensprengen zur Sonnenwende schickt man den Winter in die Wüste und heisst den Frühling willkommen. Brauchtumsforscher allerdings liebäugeln sogar damit, dass der keltische Sonnenkult ursprünglich ein Fruchtbarkeitsritual war. Ob heidnisches Ritual oder einfach nur Wettkampf – dass das Scheibensprengen noch heute jedes Jahr praktiziert wird, ist erfreulich.

Denn das ist nicht selbstverständlich: Auch Stilli, bekannt als Flösserdorf, wo man im Restaurant Frohsinn feinen Fisch serviert bekam und der Dorfladen sowie die Post gleich um die Ecke waren, musste sich der Marktwirtschaft beugen.

Das «Lädelisterben» grassierte hier schon früh und trotz der malerischen Lage direkt an der Aare hat das letzte Restaurant, die «Schifflände», ihre Türen vor vielen Jahren geschlossen. Auch kulturelle Anlässe könnten einen schweren Stand haben. Umso schöner ist es daher, dass sich der traditionelle Anlass des Scheibensprengens durchgesetzt hat.

Schwieriger als es scheint

Dank den engagierten Mitgliedern des Freizeitvereins Villigen sowie zahlreichen freiwilligen Helfern konnte auch dieses Jahr ein Scheibensprengen auf die Beine gestellt werden. Neben rekordverdächtigen Schüssen, die für einige «Oh’s» und «Ah’s» unter den Zuschauern sorgten, kam auch der soziale Austausch nicht zu kurz: Die ältere Generation zeigte den Jungen mit Stolz die richtige Technik beim Schleudern, denn Tatsache ist: Das Scheibensprengen ist schwieriger als es aussieht.

Viele Besucher fanden ihren Weg zur Turnhalle Stilli. Dies nicht nur wegen den fliegenden Holzscheiben: Das berühmte Schnitzelbrot, das seit vielen Jahren von Gino Fedrizzi zubereitet wird, ist sehr begehrt. Gino, allgemein bekannt als der «Fahrlehrer aus Villigen», nahm sogar schon eine Schnitzelbrotbestellung von einem seinem Fahrschüler, Remo Dainese, vergangene Woche entgegen. «Letztes Jahr waren die ja so schnell weg!», begründet Remo Dainese lachend seine Vorreservation. Urs Berner ist Mitglied im Freizeitverein Villigen und Organisator des Scheibensprengens. Neben dem wärmespendenden Feuer und mit einem heissen Kaffee in der Hand erzählt er von der Tradition: «Viele hier waren noch kleine Buben als sie sich das erste Mal im Scheibensprengen übten. Auch das Brett ist seit eh und je dasselbe.» Zum Glück wurden so viele Scheiben produziert. Selbst zu später Stunde hockten noch viele um das Feuer und genossen zwischen dem Schleudern eine saftige Wurst vom Grill.

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