Sind Ovids Flirt- und Beziehungstipps heute noch gültig? Smartphone, U-Bahn, Segelflugzeug – wie heisst es doch gleich auf Lateinisch? Das Kursangebot am 4. Schweizerischen Lateintag Brugg-Windisch, der am Samstag, 8. November stattfinden wird, richtet sich erstmals auch ganz gezielt an Jugendliche – mit und ohne Lateinkenntnisse. «Wir wollen vom Image des verstaubten Paukenlateins wegkommen», sagt OK-Präsident Pius Meyer. Der Lateinlehrer an der Bezirksschule Entfelden ist seit 2003 auch als Dozent für Fachdidaktik Latein an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz tätig.

Wer Latein lernt, habe mehr vom Leben, sind sich die Organisatoren einig. Doch an der Schule werden auch andere – und vermutlich einfachere – Wahlfächer angeboten. Warum soll man sich also mit einer Sprache befassen, die nirgendwo auf der Welt gesprochen wird? «Wer Latein lernt, kann viele Brücken zu anderen Sprachen wie Englisch, Italienisch oder Französisch schlagen», betont Meyer. Vorbei seien die Zeiten, als man stur Grammatik büffelte.

Selbst nach nur einem Jahr Lateinunterricht zeige sich, dass sich die Schüler dank angewendeter Lernstrategien besser konzentrieren und aufmerksamer zuhören können. In der Regel seien sie lernfreudig und vielseitig interessiert. «Lateinschüler bekommen einfacher eine Lehrstelle als ihre Mitschüler», stellt er fest. Seit der Umstellung auf drei Jahre Oberstufe müsse neu bereits an der Primarschule für das Wahlfach Latein geworben werden.

Der 60-Jährige beschäftigt sich seit knapp einem halben Jahrhundert mit Latein. Schuld an der Wahl dieser Studienrichtung ist die Schweizer Armee. Als der in Wohlen geborene Meyer nach der Rekrutenschule mit drei Wochen Verspätung das Studium an der Universität Fribourg aufnahm, schien es, dass er anstelle von Deutsch, Geschichte und Englisch nur noch die ersten beiden Fächer belegen konnte. Dank einem Kollegen schloss er sich spontan der kleinen Gruppe der Altphilologen an. «Die Lateiner assen in der Pause immer Kuchen.» Bereut hat er diesen Entscheid nie – im Gegenteil.

Meyer kommt richtig ins Schwärmen: «Wenn ich selber Latein unterrichte, ist es faszinierend zu beobachten, wie die Kinderaugen strahlen. Hinter jedem Wort steckt eine Geschichte. Denken Sie nur an Audi, Volvo oder Computer! Den Schülern eröffnen sich so viele neue Welten. Wichtig für die Motivation ist aber, dass Lateinlehrer einen guten Unterricht anbieten und aktuelle Themen aus Politik, Kultur und Gesellschaft aufgreifen sowie den Bedeutungswandel gewisser Wörter thematisieren.»

Genau hier setzt der alle zwei Jahre stattfindende Lateintag an. Das Ziel ist, die Wahrnehmung, Kenntnis und Wertschätzung des Lateins in der Öffentlichkeit zu fördern. Tagsüber finden 20 einstündige Referate zum Entdecken und Mitmachen im Campus statt. Neu ist die vierteilige Reihe «Klingendes Latein» in der katholischen Kirche Windisch. Vor dem abendlichen Festakt im Salzhaus bildet ein Theaterwettbewerb über Fabeln des Phädrus den Abschluss des Tagesprogramms.