Völlig losgelöst» – mit diesem Titel erschien kürzlich ein Buch, das sich der Architektur der 1970er- und 1980er-Jahre in der Nordwestschweiz widmet. Darin enthalten sind auch die Brugger Bauten des Neumarkts I und II – zwei Gebäude, die nicht zu den architektonischen Perlen der Stadt zählen, doch aufgrund ihrer Lage seit Jahrzehnten das Stadtbild dominieren.

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren geprägt gewesen von einem ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung und einem starken Glauben an den technologischen Fortschritt. In diesem Umfeld erarbeitete die Stadt Brugg 1958 einen neuen Zonenplan. Gleichzeitig formierte sich um den jungen Architekten Hans Ulrich Scherer das «team brugg 2000», das mit visionären Ideen Entwicklungen aufgreifen wollte, deren Folgen uns heute beschäftigen.

Anstatt unkontrollierte Zersiedelung postulierten sie verdichtetes Bauen im Zentrum. Kernstück war dabei ein verkehrsbefreites Geschäftsviertel entlang der Alten Zürcherstrasse, dem heutigen Neumarkt: «Hier mündet ein grosser Bahnhofplatz in eine ‹Ladenstrasse›. Warenhäuser und Büroräume geben die städtische Atmosphäre.» Ihre Ideen waren zwar nicht mehrheitsfähig, doch die Vision eines Geschäftsviertels sollte wenige Jahre später Realität werden.

1962 starb die letzte Wirtin des Restaurants Bahnhof kinderlos. Ihre Erbengemeinschaft verkaufte das grosse Grundstück an eine Gesellschaft, zu der auch die Migros gehörte. Diese beabsichtigte, darauf eine neue Filiale für ein Einzugsgebiet von 70 000 Einwohnern zu erbauen. Damit war der Grundstein gelegt für die City-Planung, die mehrere Jahre in Anspruch nahm.

Leider lässt sich die Planungsgeschichte nicht mehr rekonstruieren, da die entsprechenden Unterlagen nie den Weg in ein Archiv gefunden haben. Ähnlich wie beim Planungsprozess der «Vision Mitte» waren verschiedene Themenkreise zu behandeln und Probleme zu lösen, zu denen namentlich auch die Verkehrsführung zählte – Jahrzehnte vor der Eröffnung der Mittleren Umfahrung und der A3 Basel–Zürich.

Als Planungsziel bekundete die Stadt Brugg den Willen, «die Entwicklung zum modernen attraktiven Zentrum so zu fördern, dass dies der ganzen Region heute und in Zukunft entspricht und dient.» Dazu sollte im Quartier zwischen Bahnhofstrasse und Badenerstrasse ein «Citygebiet» entstehen, das nach neuen Gesichtspunkten aufgebaut war: Entlang einer Fussgängerzone sollten Kaufhäuser, Läden, Restaurants und weitere Betriebe angesiedelt werden.

Liquiditätsprobleme der Migros

In den ersten Obergeschossen waren Büros vorgesehen, und in den darüber liegenden Ebenen sollten oberhalb der Terrasse Wohnungen für eine gute Durchmischung des Quartiers sorgen. Der Stadtrat rechnete mit einem Realisierungshorizont von 20 bis 25 Jahren. Am 15. November 1968 stimmte der Einwohnerrat ohne Gegenstimme diesem «Idealbild» zu und genehmigte die nötigen Überbauungs- und Richtpläne sowie die Spezialbauvorschriften.

Ein halbes Jahr später hiess sie auch der Grosse Rat gut. Am 3. September 1969 bewilligte der Stadtrat das Baugesuch der Migros. Dagegen wurden Einsprachen eingereicht, die jedoch nicht etwa auf die Ästhetik des Neubaus zielten. Vielmehr zeigte sich, dass die ursprünglichen Planungsvorgaben betreffend Ausnützung und Baulinien nicht umsetzbar waren. Deshalb konnte erst nach der Genehmigung des revidierten Richtplanes 1971 mit dem Bau begonnen werden.

Während der Bauphase geriet die Migros-Genossenschaft Aare/ Solothurn aufgrund des Tivoli-Baus in Spreitenbach in Liquiditätsprobleme und musste den Bau Ende 1974 an den Unternehmer Viktor Kleinert verkaufen. Am 13. März 1975 konnte der Migros-Multi-Markt eröffnet werden, und knapp eineinhalb Jahre später war auch das Hochhaus fertiggestellt.

Auch Coop wollte mit der «Pfauenacker AG» in der Brugger City bauen und zwar vis-à-vis der Migros. Erste Pläne sahen den Bau eines Hotels und eines Warenhauses vor. Da dieses Baufeld jedoch mehrere Parzellen umfasste, nahmen die Landverhandlungen viel Zeit in Anspruch. In der Zwischenzeit erliess der Bundesrat aufgrund der überhitzten Konjunktur Massnahmen, die faktisch zu einem Baustopp führten. Die anschliessende Rezession führte zu einem Abbruch der Pläne. 1978 verkaufte Coop das Grundstück, und 1982 wurde darauf der Neumarkt II eröffnet.

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*Titus J. Meier ist Historiker und lebt in Brugg.