Windisch/Mülligen
Neue Kraftwerk-Träume an der Reuss

Neu sind die Reusskraftwerkpläne keineswegs. In den 1950er-Jahren sah eine Studie den Bau von zwölf Staustufen von Windisch bis Luzern vor. Energieproduktion und Landschaftsschutz erweisen sich aber weiterhin als Dilemma.

Hans-Peter Widmer
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Heinz Schatzmann aus Windisch besitzt den Maierieslischachen zwischen Windisch und Mülligen.h.p.w.

Heinz Schatzmann aus Windisch besitzt den Maierieslischachen zwischen Windisch und Mülligen.h.p.w.

Die Energiewende ruft nach mehr Wasserstrom. Auf der Suche nach Ausbaumöglichkeiten wird unter anderem auf den Reusslauf geschielt – auf eine geschützte Landschaft. Für ihn stehe die Reuss nicht zur Diskussion, betonte Regierungsrat Peter C. Beyeler, Vorsteher des Departements Bau, Verkehr und Umwelt (BVU), an der letztjährigen Generalversammlung der Stiftung Reusstal. Trotzdem flatterte ihm danach ein Vorstoss des Freiämter CVP-Grossrats Andreas Villiger auf den Tisch, man möge bei Abklärungen für den zusätzlichen Bau von Flusskraftwerken auch den Reusslauf von Bremgarten bis Windisch in Betracht ziehen.

80 Millionen kWh mehr

Aus geografischer und hydrologisch-hydraulischer Sicht war das Postulat nachvollziehbar. Denn die Reuss fliesst auf ihren letzten 35 Kilometern in respektablem Volumen durch Gegenden mit Steilufern, die einen Aufstau erleichtern könnten – zum Beispiel zwischen Birrhard und Mülligen oder Mülligen und Windisch. Fachleute halten ein theoretisches Nutzungspotenzial von etwa 80 Millionen kWh pro Jahr für möglich. Zum Vergleich: Ende 2011 produzierten die 26 Flusskraftwerke im Kanton Aargau insgesamt 2889 Millionen kWh Strom; bis 2016 sollen es immerhin 3150 Millionen kWh sein.

Allerdings würde ein neues Reusskraftwerk den noch weitgehend natürlichen Flusslauf zwischen Bremgarten und Windisch – eine Einmaligkeit im Mittelland – tangieren. Als die Vertreter von sieben Parteien an einer Grossrats-Wahlveranstaltung Mitte September im Bezirk Brugg gefragt wurden, was sie zu einem Kraftwerkneubau zwischen Mülligen und Windisch meinten, waren alle dagegen. Der SP-Kandidat meinte indes, die Frage sei falsch gestellt: Wenn die Energiesparmöglichkeiten ausgeschöpft würden, bräuchte es keine zusätzlichen Kraftwerke. Die Strategien des Bundes deuten in eine andere Richtung: Sie rechnen auch mit mehr Wasserkraftenergie.

Bereits in den 50ern ein Thema

Neu wären Reusskraftwerkpläne keineswegs. In den 1950er-Jahren sah eine Studie der Motor Columbus den Bau von zwölf Staustufen von Windisch bis Luzern für den Ausbau der Binnenschifffahrt und die Stromgewinnung vor. Das alarmierte die Naturschutzkreise. Sie lancierten die Initiative «Freie Reuss»; das Volk nahm sie an. Darauf wurde 1962 die Stiftung Reusstal gegründet und 1965 das Gesetz für die Freihaltung der Reuss samt Uferschutzverordnung erlassen. So blieb der Flusslauf von Bremgarten bis Windisch bis heute frei von Bauten und Motorbooten – mit einer Ausnahme: Der Windischer Heinz Schatzmann darf ein Motorboot benützen. Er verfügt über ein altes, auf die Gründung des Klosters Königsfelden zurückgehendes Fischereirecht an der Reuss. Und er ist übrigens auch Besitzer der grössten Reussinsel: des Maierieslischachens zwischen Windisch und Mülligen.

Der Schutz des Reusslandschaft ist heute doppelt verankert: 1972 wurden die Reussebene von Mühlau bis Rottenschwil und der Flusslauf von Bremgarten bis Windisch als erste Objekte in das neue Bundesinventar der Landschaften von nationaler Bedeutung aufgenommen. Diese Hürde lässt neuen Kraftwerkideen am Unterlauf der Reuss kaum Raum. Besonders eindrücklich ist die Uferzone vom Fahrgut Windisch bis zur Zunge des Maierieslischachens, wo bei Niederwasser eine alte Furt, die Tüfelsbrugg, sichtbar wird. Weiter oben, in der Schämbelen, ist der verengte Flusslauf ein landschaftliches und geomorphologisches Anschauungsobjekt. Es wäre wohl auch eine interessante Stelle für eine Staumauer.

Naturschutz vs. Energiegewinnung

Der Schutz der besterhaltenen Flusslandschaft im dicht besiedelten Mittelland hat Vorrang, wie auch der Regierungsrat zu verstehen gibt. Landschaftsschutz und Energiegewinnung können sich in die Quere kommen. Zum Beispiel beim geplanten Rheinkraftwerk vor 50 Jahren am Koblenzer Laufen. Die Naturschützer wehrten sich dagegen, dafür akzeptierten sie damals den Bau des Kernkraftwerks Beznau als Alternative.