FHNW

Neue Kraft für Teslas Urahn – 100 Jahre altes Elektroauto wird umgerüstet

An der Hochschule für Technik der FHNW in Brugg-Windisch rüsten angehende Elektroingenieure unter der Leitung von Professor Felix Jenni ein gut 100 Jahre altes Elektroauto auf moderne Batterien um. Es ist bereits der zweite Auftrag dieser Art

«Steigen Sie ruhig ein», bittet Nando Spiegel. Über ein Haushalt-Treppchen – das ohnehin schon hochbeinige Gefährt ist aufgebockt – geht es in die mit gestreiftem, beigefarbenem Stoff ausgeschlagene Kabine. Wo sich sonst das Polster der Sitzbank befindet, wird der Blick auf den Stufenschalter – gewissermassen das Getriebe des Wagens – frei.

Mit dem Fahrhebel verstellt Nando Spiegel die Stellung des sechsstufigen Schalters. Die Hinterräder des Wagens beginnen sich zu drehen. Ausser dem leisen Sausen der grossen Speichenräder ist nichts zu hören. «Über Pedale, die ebenfalls mechanisch auf den Stufenschalter wirken, kann zudem die Drehrichtung des Motors umgekehrt werden», erklärt Bastien van Dijke. Theoretisch könnte das Auto gleich schnell rückwärts- wie vorwärtsfahren.

Unter der Leitung von Professor Felix Jenni rüsten die angehenden Elektroingenieure Nando Spiegel und Bastien van Dijke im Rahmen ihres Studienprojektes an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg-Windisch den gut 100 Jahre alten Elektrowagen eines privaten Besitzers auf eine neue Kraftquelle um. Unterstützt werden sie durch Yanick Frei, der Erfahrungen aus dem ersten Detroit-Umbau mitbringt.

Faszinierende Lösung

Gebaut worden ist das Fahrzeug – das von einem vierpoligen Gleichstrom-Reihenschlussmotor angetrieben wird, der unterhalb der Kabine eingebaut ist – vor gut 100 Jahren von der Anderson Electric Car Company in Detroit, die ab 1919 den Namen Detroit Electric Car Company trug. Schon 1910 sollen zwischen 1000 und 2000 Elektroautos die Anderson-Werkstätten verlassen haben. Die Beliebtheit der Elektroautos dürfte nicht zuletzt auf die saubere und einfache Bedienung zurückzuführen sein.

Im Gegensatz zu damaligen Autos mit Benzinmotor, wie etwa Henry Fords legendärem T-Modell, mussten die Motoren der Elektrowagen ja nicht mit einer Handkurbel angeworfen werden. Auf Elektroantrieb setzten sogar Rennfahrer und Rekordjäger. So Camille Jenatzy, der 1899 mit seinem zigarrenförmigen Elektro-Rennwagen mit dem Namen «La Jamais Contente» mit einer Geschwindigkeit von sagenhaften 105,88 km/h einen Weltrekord aufstellte.

Man kann sich angesichts des 100-jährigen Detroit tatsächlich die Frage stellen, weshalb es denn den langen «Umweg» über den Verbrennungsmotor brauchte, um sozusagen wieder zum Elektroauto zurückzugelangen. Felix Jenni stellt jedenfalls anerkennend fest: «Es ist faszinierend, was die vor 100 Jahren gebaut haben.»

Möglichst nah am Original

«Im Gegensatz zum ersten Wagen, der Lithium-Ionen-Akkus erhielt, kommen jetzt gewöhnliche Bleibatterien zum Einsatz», erklärt Jenni. «Der Besitzer wünschte, dass der Wagen möglichst originalgetreu bleibt. Angesichts der Ungewissheit, ob die Original-Spannung 36 oder 42 Volt betragen hat, haben wir uns für 36 Volt entschieden. Damit sind wir näher am Original.» Unter der Vorder- und der Heckhaube sind jetzt jeweils drei handelsübliche 12-Volt-Batterien installiert, die in Serie geschaltet sind. Aus Sicherheitsgründen ist zudem ein Schalter eingebaut worden, mit dem sich der Stromkreis unterbrechen lässt.

Der Motor selber wurde nicht angetastet. Der Stufenschalter musste lediglich gereinigt werden. Erneuert worden ist dagegen ein Teil der Verkabelung. «Das», so Nando Spiegel, «war schon etwas speziell, weil weder Pläne noch Elektro-Schemata existieren.» Verwendet wurden, wie Bastien van Dijke sagt, originalgetreue Kabel mit einer Textil-Ummantelung, nachdem man eine Firma gefunden hatte, welche solche Kabel rasch liefern konnte.

Inzwischen ist die Umrüstung des Wagens bis auf einige Kleinigkeiten abgeschlossen. Die ersten Probefahrten konnten erfolgreich absolviert werden. Die beiden Studierenden sind sich einig: Die Aufgabe ist schon sehr speziell.

«Die Arbeit macht extrem Spass», stellt Bastien van Dijke fest. «Das Auto ist im Grunde genommen sehr einfach gebaut. Es ist spannend, nachzuverfolgen, was sich die Ingenieure vor 100 Jahren überlegt haben. Für uns ist der Detroit definitiv ein sehr interessantes Projekt.» Nando Spiegel sagt: «Es hat uns schon gepackt. Die Arbeit am Detroit ist wirklich interessant. Man sitzt nicht den ganzen Tag am Computer, sondern kann auch mit den Händen arbeiten. Und man sieht laufend den Fortschritt.»

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