Seit man weiss, dass die Geschichte mit dem Rauswurf aus dem Garten Eden nicht so wörtlich zu nehmen ist, rätselt die Menschheit über ihren Ursprung. Man kann das sehr objektiv tun und sein Referat übertiteln mit: «Der Weg zu uns».

Das tat Daniel Richter vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie Leipzig beim Eröffnungsvortrag der neuen Vortragsreihe des Podiums «Interface» der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Technik zum Thema «Rätsel».

Richter war massgeblich beteiligt, als er und sein Team menschliche Fossilien aus einer Fundstelle in Marokko (Djebel Irhoud) auf rund 300 000 Jahre datieren konnten. Davor hielt man den Homo sapiens für knapp 200 000 Jahre alt.

Darauf deuteten Funde in Äthiopien (Omo Kibish, 195 000 Jahre, und Herto, 160 000). Die «Geburt» des modernen Menschen wurde damit rund 150 000 Jahre nach vorne gerückt.

Oder nach hinten. Man kann es auch so sehen. Neandertaler und Homo sapiens haben zusammen gelebt, das muss man akzeptieren. Der «Urmensch» figuriert eben doch noch ziemlich urtümlich in unserem kollektiven Gedächtnis.

Der Homo sapiens (also wir) ist kein «Urmensch». Akzeptieren kann man den bestenfalls als Vorfahr. Und jetzt gerät man – sofern man überhaupt über den nötigen paläoanthropologischen Hintergrund verfügt, – in die Gesellschaft von flachstirnigen, langarmigen, gebeugt gehenden, keulenschwingenden – und was derlei Attribute mehr sind – Vormenschen.

Man merkt, worauf es hinausläuft. Das Prädikat «Homo sapiens» gerät zum Werturteil. Das ist natürlich im «wir» der Titelgebung bereits enthalten. «Wir» ist Identifikation pur. «Wir» sind jetzt 150 000 Alter älter – komisch.

Das Rätsel bleibt

Jetzt bleibt noch die Frage, worin das Rätsel besteht. Daniel Richter blieb da in seinem Referat keine Antwort schuldig. Er tat dies als Naturwissenschafter, objektiv, aber skeptisch. Man muss darauf hinweisen, wie dünn die Faktenlage ist. Wie repräsentativ ist das überhaupt, was wir haben? Die Befürchtung, ein neuer Fund könne alles wieder über den Haufen werfen, ist immer da.

Immerhin konnte die Datierung von Richter und Co. ein grosses Rätsel zumindest erhellen. Warum haben wir in Afrika über die ganze Epoche der Mittelsteinzeit (ab ca. 300 000) eine relativ homogene Kultur?

Wenn doch die «Wiege» des modernen Menschen erst ab 200 000 in Äthiopien liegt? Warum sind die Steinindustrien so ähnlich? Mit der neuen Datierung konnte man die kulturelle und die biologische Entwicklung immerhin wieder etwas synchronisieren. Was haben wir und «wir» also gewonnen?

Bei aller Vorsicht: Wir haben einen Vorfahr, der viel älter ist als gedacht. Sein Gesicht sieht aus wie unseres. Sein Hinterkopf leider noch nicht. Das gibt ein neues Rätsel.

Wenn sich die kugelförmige Schädelform, wie wir sie heute haben, erst später ausgebildet hat, was bedeutet das für die Entwicklung des Gehirns? Vielleicht sahen die Menschen vom Djebel Irhoud so aus wie wir, aber sie lebten und dachten möglicherweise ganz anders.

Nächster Vortrag: Montag, 9. April, 17:15, Aula FHNW, Windisch. Prof. Dr. Philipp Theisohn, Universität Zürich: Rätsel – Zukunft! Science Fiction und Futurologie.