Stilli
Nationalrats-Kandidatin: «Feministinnen hassen die Männer nicht»

Nationalrats-Kandidatin und Co-Präsidentin des Vereins «Frauen Aargau» Connie Fauver im Interview über Rollenstereotypen und Stephan Klapproth.

Claudia Meier
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Connie Fauver mag es grün: Politisch und im Garten hinter ihrem Haus in Stilli.

Connie Fauver mag es grün: Politisch und im Garten hinter ihrem Haus in Stilli.

Sandra Ardizzone

Connie Fauver lebt eingeklemmt zwischen zwei älteren Gebäudeteilen. Hier in Stilli ist seit 2007 eine moderne Loft entstanden. Da wohnt die Feministin mit ihrem Mann und den beiden Töchtern. Auf der Scheune wurde soeben eine In-Dach-Photovoltaik-Anlage realisiert. Von der Küche und vom Esstisch aus geniesst die Familie eine wunderbare Aussicht auf die Aare.

Direkt am Fluss leben auch drei Hühner, die der 12-jährigen Tochter gehören, und täglich frische Eier liefern. Während dem Hochwasser vor drei Wochen mussten die Tiere kurzfristig für einige Tage evakuiert werden.

Rund ums Haus ist es grün. Grün ist auch die politische Gesinnung von Connie Fauver. Die 43-jährige Erziehungsrätin kandidiert – wie bereits vor vier Jahren – für den Nationalrat.

Doch bevor der Wahlkampf so richtig losgeht, hat Fauver mit der 21. Offenen Frauentagung noch alle Hände voll zu tun. Als Co-Präsidentin des Vereins «Frauen Aargau» – früher Frauenlandsgemeinde Aargau – ist sie für die Kommunikation zuständig.

«Co-Präsidentin Sandra-Anne Göbelbecker und ich haben eine klare Aufgabenteilung. Ansonsten könnte ich dieses Amt gar nicht wahrnehmen», sagt Fauver.

Lohnverhandlungen kein Thema

Nächsten Samstag, 30. Mai, treffen sich rund 150 Frauen im Aarauer Grossratsgebäude und tagen zum Thema «Glück&Glamour – wofür bezahlen wir?». Referieren wird die Vorsteherin des Finanzdepartements Basel-Stadt, Eva Herzog.

Auf dem Podium sind dann auch Schwester Benedikta, Eremitin aus der Verenaschlucht, und Marianne Wildi, CEO der Hypothekarbank Lenzburg, dabei. Nach dem gemeinsamen Mittagessen werden verschiedene Workshops angeboten.

Andrea Vetsch von SRF Tagesschau ist für die Moderation zuständig. Als bei einem nationalen Frauen-Netzwerkanlass im Campussaal Brugg-Windisch vor gut zwei Monaten zum wiederholten Mal Fernsehmann Stephan Klapproth als Moderator auf der Bühne stand, machte Connie Fauver beim Apéro ihrem Ärger Luft: «Aus meiner Sicht geht es nicht, dass ein Mann an einem Empowerment-Anlass für Frauen so viel Platz einnimmt.»

Da fehle es manchmal schon an Sensibilität, «weil die Frauen, die nach Klapproth auftreten, sprachlich fast untergehen, obwohl sie inhaltlich viel Wichtiges zu sagen haben».

Zurück zur Frauentagung am nächsten Samstag: Dass von den angebotenen Workshops ausgerechnet jener zum Thema «Lohnverhandlungen – wie erreiche ich, was mir zusteht?» mangels Anmeldungen nicht zustande kommt, bedauert Fauver sehr. Seit Jahren setzt sich die Aargauerin für Lohngleichheit zwischen Männer und Frauen ein. Hier bestehe noch grosser Handlungsbedarf.

Die diplomierte Englisch- und Sportlehrerin mit eigener Kommunikationsagentur kämpft vehement gegen Rollenstereotypen, Benachteiligungen aufgrund von Laufbahnunterbrüchen, tiefe Löhne bei typischen Frauenberufen und Lohndiskriminierungen innerhalb des Betriebs. Dabei liege die Verantwortung nicht nur bei den betroffenen Frauen, sondern auch bei den Arbeitgebern, fährt Fauver fort.

Was treibt die Feministin an? Ihr gehe es um soziale Gerechtigkeit, sagt die zweifache Mutter. Dafür brauche es dringend Veränderungen in der Politik und einen gesellschaftlichen Wandel.

«Warum hat Feminismus eigentlich einen negativen Beigeschmack?», fragt Fauver zurück. «Grundsätzlich geht es um Menschenrechte und Gleichberechtigung, aber auch darum, den Ernährerstress auf mehrere Schultern zu verteilen. Feministinnen hassen die Männer nicht.»

Connie Fauver ist die älteste Tochter von zwei Turnlehrpersonen. Als Kind erlebte sie den Rollentausch ihrer Eltern. Der Vater wurde als Hausmann nach einigen Wochen aufgefordert, endlich kochen zu lernen.

Nach einem Jahr war das Experiment vorbei und der Vater ging wieder als Haupternährer seiner Lohnarbeit nach. Während dem Austauschjahr in Schweden realisierte Fauver später, dass es auch anders geht: «Im Norden gibt es für jedes Kind ab dem ersten Tag einen Betreuungsplatz.»

Aktiv seit Abwahl der Bundesrätin

Mittlerweile fühlt sich die engagierte Frau von der Geschichte eingeholt: «Als ich 18 Jahre alt war, forderte meine Mutter Frauenquoten und ich verstand die Welt nicht mehr. Heute erlebe ich eine ähnliche Situation mit meiner 17-jährigen Tochter.»

Politisch aktiv wurde Connie Fauver 2003, als die bisherige Bundesrätin Ruth Metzler die Wiederwahl nicht mehr schaffte und die vereinigte Bundesversammlung an ihrer Stelle Christoph Blocher wählte.

Der Frauenanteil in der Politik beharrt seit Jahren auf tiefem Niveau. Aus diesem Grund organisiert «Frauen Aargau» am 3. September eine überparteiliche Wahlveranstaltung zum Thema «Altersvorsorge 2020».

Und was für die Wirtschaft gilt, dürfte Fauvers Meinung nach auch in der Politik und im Privaten funktionieren: «Das Research Institute der Credit Suisse ist zum Schluss gekommen, dass dank Diversity in Führungspositionen die Unternehmen erfolgreicher sind. Es braucht eben doch beide Geschlechter.»

Fauvers Blick gleitet über die grüne Wiese zur Aare. Hier in Stilli und Umgebung setzt die aufgeweckte Frau in einer Art Mikrokosmos all das so um, wie es ihr wichtig ist.

Sich Erwerbs-, Erziehungs- und Hausarbeit zu teilen, sei organisatorisch zwar ein riesiger Aufwand, räumt sie ein. Dennoch ist sie überzeugt, dass sowohl die Paarbeziehung und die Familie profitieren.

Damit die Work-Life-Balance auch zu Hause stimmt, hat sich die Regel durchgesetzt: «Wer kocht, muss die Küche nicht aufräumen.»

Hier finden Sie mehr Infos zur Offenen Frauentagung.

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