Gebäck
Name hin oder her: Mandacher lieben ihre «Negerschnitten»

Sie besteht hauptsächlich aus Vanillecreme und Schokolade: die «Negerschnitte». Die örtliche Spezialität leitet die Dorfbevölkerung von der Wappenfigur ab. Anders als beim Namen will beim Geschmack niemand über das Gebäck streiten.

Matthias Hausherr
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Die Spezialität besteht hauptsächlich aus Schokolade und Vanillecreme.

Die Spezialität besteht hauptsächlich aus Schokolade und Vanillecreme.

HO

Ein Wirtepaar in Baden setzte jüngst ein Getränk namens «Negerweizen» auf seine Getränkekarte. Damit bezeichnet man in Bayern, woher die Wirtsleute kommen, ein Mischgetränk aus Cola und Weizenbier. Ob einem diese Mischung mundet, ist eine Geschmackssache. Wie man sie jedoch bezeichnet, ist keineswegs nur eine Frage des Geschmacks, sondern politisch höchst umstritten, wie die heftigen Diskussionen in den Online-Kommentaren der «Aargauer Zeitung» deutlich machen.

Auch das Wappen der Gemeinde Mandach kann den ortsunkundigen Betrachter auf den ersten Blick vor den Kopf stossen. Rot und weiss geteilt, zeigt es in der oberen weissen Hälfte eine stilisierte Seitenansicht des Schutzheiligen der Kirche Mandach – des heiligen Mauritius.

Da Mauritius der Legende nach aus Ägypten stammte, wird er im Mandacher Wappen mit schwarzer Hautfarbe und stark karikiert mit krausem Haar und breiten, roten Lippen als Mohr dargestellt. Aber damit nicht genug: Laut der Website der Gemeinde Mandach inspirierte diese ungewöhnliche Wappenfigur auch zu einer traditionellen Mandacher Spezialität, die sich heute noch bei Dorffesten grosser Beliebtheit erfreut: der «Negerschnitte».

Das Mandacher Wappen zeigt den heiligen Mauritius.

Das Mandacher Wappen zeigt den heiligen Mauritius.

zvg

Die «Negerschnitte» besteht aus einer unteren Schicht dunklem Biskuitteig, einer Schicht Vanillecreme – oft mit Mandacher Kirsch ergänzt – und einer abschliessenden dünnen Schokoladen-Glasur. Auf Anfrage weist der Gemeindeammann Mandachs, Lukas Erne, darauf hin, dass der Name des Gebäcks nicht von der Gemeinde Mandach, sondern von privaten Bäckern, gewählt wurde: «Ich denke, zu jener Zeit, als das Gebäck und der Name kreiert wurden, wurde die Bezeichnung noch als politisch völlig korrekt erachtet – heute würde man ihm wahrscheinlich einen anderen Namen geben.»

Der heilige Mauritius

Laut der Gemeinde-Website Mandachs geht das Wappen auf einen Helmschild der Herren von Mandach aus dem 13. Jahrhundert zurück. Gemäss Wikipedia war Mauritius der Legende nach der Kommandeur einer römischen Legion, die um 30 n. Chr. im ägyptischen Theben aus vorwiegend christlichen Männern ausgehoben wurde. Bei der Überquerung der Alpen, auf dem Weg, einen Bauernaufstand in Gallien niederzuschlagen, meuterte die Thebaische Legion in Agaunum – dem heutigen Ort St-Maurice im Wallis –, weil sie nicht gegen ihre Glaubensbrüder ziehen wollte. Kaiser Maximilian gab daraufhin den Befehl, die ganze Legion umbringen zu lassen. Schriftlich erwähnt wird die Legende erstmals in der um 440 verfassten Passio Acaunensium martyrum, die sich auf eine mündliche Zeugenkette von rund 100 Jahren beruft und von Historikern stark angezweifelt wird. Die Gebeine des heiligen Mauritius und der anderen Märtyrer wurden um 380 entdeckt und in der Abtei Saint-Maurice beigelegt. Neben Mandach ziert der heilige Mauritius auch das Wappen von St. Moritz. (Ham)

Trotzdem heisst es auf der Gemeinde-Website, dass man bisher noch keinen passenderen Namen gefunden habe. Gemeindeammann Erne zieht eine Parallele zu den Mohrenköpfen. Auch bei diesen habe es schon Diskussionen gegeben, der Name habe sich trotzdem bis heute gehalten.

Laut der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) stellt die Bezeichnung der «Negerschnitten», «auch wenn sie aus heutiger Sicht unangemessen und verletzend wirkt», aber keinen Verstoss gegen die Rassismusstrafnorm dar. Eine solche liegt nur dann vor, wenn einer Person oder einer Gruppe von Personen die Menschenwürde abgesprochen wird, was laut der EKR in diesem Fall nicht gegeben ist.

Auch bei Wappenfiguren mit Mohren oder Restaurants mit «Mohr» im Namen komme es oft auf die historische Entstehungsgeschichte an. «Schliesslich gibt es den ‹Mohren› auch mit Bezug auf die Heiligen Drei Könige oder das Mittelalter. In diesem historischen Kontext ist die Verwendung neutral oder positiv.»

Wie eine Internet-Recherche zeigt, finden sich Schokoladenspezialitäten mit dem Namen «Negerschnitten» vorwiegend in Deutschland und Österreich. Auf Schweizer Websites ist dieses Süssgebäck nicht sehr verbreitet. Offenbar hat man im Süden Deutschlands weniger Berührungsängste mit dem politisch unkorrekten Ausdruck, und daher ist auch die Bezeichnung «Negerweizen» so verbreitet, «dass niemand einen fremdenfeindlichen Akt dahinter vermuten würde», wie die Wirte auf Anfrage des «Badener Tagblatts» erschrocken sagten.

Für die Gäste, die sich dadurch provoziert fühlten, zeigten sie jedoch Verständnis und änderten den Namen des Getränks auf die politisch neutrale Bezeichnung «Cola-Weizen».