Bei der Suche nach einem Lager für radioaktive Abfälle werden in einem nächsten Schritt Sondierbohrungen durchgeführt. Mit diesen untersucht die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) den geologischen Untergrund in den potenziellen Standortgebieten. Im Januar hat das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) die erste Bewilligung erteilt für das Standortgebiet Jura Ost, konkret: für Effingen 1 auf der Parzelle Chrumbacher, dorfauswärts gelegen bei der Kästhalstrasse. Anders ausgedrückt: Sämtliche 26 Einsprachen wurden abgewiesen, inklusive diejenige der Gemeinde.

Der Gemeinderat wird, kam er an seiner letzten Sitzung zum Schluss, den Fall gerichtlich nicht weiterziehen, denn: «Nach eingehender Diskussion der vorliegenden Verfügung sind wir der Meinung, dass die Aussichten auf Erfolg einer erneuten Einsprache sehr gering sind und die zu erwartenden Kosten für die Gemeinde unverhältnismässig hoch wären.»

In einer Spezialausgabe des Mitteilungsblatts macht der Gemeinderat aber keinen Hehl daraus, dass er es vorgezogen hätte, wenn statt im Chrumbacher hinter dem Bahnhof am Standort Effingen 2 gebohrt worden wäre. «Zumal dort weniger Leute wohnen und auch die verkehrstechnische Erschliessung einfacher gewesen wäre.» Aber es sei sehr schwierig bis unmöglich, diese von diversen Fachleuten getroffene Standortwahl erneut infrage zu stellen.

108-seitige Verfügung liegt vor

Die 108-seitige Verfügung – also die Baubewilligung – des Uvek kann übrigens in anonymisierter Form auf der Gemeindekanzlei eingesehen werden. Die Einsprecher haben die Möglichkeit, das Verfahren binnen 30 Tagen an das Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen weiterzuziehen.

Immerhin habe das Uvek in seiner Verfügung diverse Vorbehalte der Einsprecher und der involvierten Bundesämter berücksichtigt und sein Gesuch dementsprechend überarbeitet, stellt der Gemeinderat fest. An einem Treffen mit Vertretern der Nagra diesen Monat seien für die Gemeinde kritische Punkte besprochen worden: Schutz der Bevölkerung vor Immissionen durch Licht und Lärm sowie Verkehrssicherheit und Immissionen auf der Zufahrtstrasse. «Wir sind bei der Nagra mit unseren Anliegen auf viel Verständnis gestossen und zuversichtlich, dass die Bauleitung eine für alle tragbare Lösung umsetzen wird», so die Behörde.

Vorausgesetzt keiner der Einsprecher zieht den Fall weiter, könnte die Sondierbohrung – auch Tiefbohrung genannt – frühestens Anfang Dezember dieses Jahres beginnen. Die Einrichtung des Bohrplatzes mit der Installation der Baumaschinen und der Bauhütten wäre ab ungefähr Juli möglich durch die Firma Erne AG, Laufenburg. Vorerst vorgesehen ist – im Dauerbetrieb 7 mal 24 Stunden – eine senkrechte Bohrung mit einer maximalen Tiefe von 800 bis 900 Metern. Bei Bedarf könnten zwei weitere Schrägbohrungen durchgeführt werden. Der Rückbau des Bohrplatzes soll maximal 12 bis 14 Monate nach Baubeginn beendet sein.

«Hoffentlich kein Tiefenlager»

Der Gemeinderat ist sich bewusst, hält er in den abschliessenden Bemerkungen im Mitteilungsblatt fest, dass eine solche Baustelle manche Unannehmlichkeiten mit sich bringt. «Nebst Dreck, Staub, Lärm- und Lichtverschmutzung und erhöhtem Verkehrsaufkommen wird auch unsere geschützte Juraparklandschaft vorübergehend verschandelt.» Die Bevölkerung wird um Verständnis gebeten. Es handle sich um eine temporäre Beeinträchtigung der Lebensqualität.

Die Behörde hat die Hoffnung, macht sie unmissverständlich klar, «dass die Sondierbohrung negative Resultate liefert und uns letztlich den Bau des Tiefenlagers erspart». Auch wenn der Gemeinderat auf weitere rechtliche Schritte verzichtet gegen die geplante Sondierbohrung, wird er dafür besorgt sein, «dass die in der Bewilligung vereinbarten Auflagen und das nachgereichte Verkehrskonzept eingehalten werden». Ebenfalls hofft er, dass die negativen Auswirkungen für die Einwohnerschaft so in einem erträglichen Mass gehalten werden können.

Effingen 2 ist nicht vom Tisch

Der Bau des Bohrplatzes und der Bohrbetrieb verursachen natürlich gewisse Emissionen, weiss die Nagra. «Wir versuchen, diese mit individuellen Massnahmen so gering wie möglich zu halten.» Es gelte, zahlreiche gesetzliche Vorgaben und Auflagen einzuhalten.

Der Standort Effingen 2 neben der SBB-Station sei nicht vom Tisch, antwortet die Nagra auf die entsprechende Frage. «Wir haben bewusst ausreichend Gesuche eingereicht, damit wir auf die Erkenntnisse aus gemachten Bohrungen flexibel reagieren können.» Insgesamt hat die Nagra 22 Gesuche eingereicht, davon 8 für Jura Ost, weitere 8 für Zürich Nordost sowie 6 für Nördlich Lägern. Für jedes Gesuch wird ein eigenes Bewilligungsverfahren durchgeführt. Zu Effingen 2 gingen übrigens 16 Einsprachen ein – von Privaten und diejenige der Gemeinde.

Wann mit weiteren Bewilligungen für Sondierbohrungen zu rechnen ist, kann die Nagra nicht beantworten. Das sei Sache des Uvek. Gestützt auf die Ergebnisse der Sondierbohrungen will die Nagra gegen 2022 bekannt geben, für welche Standortgebiete sie Rahmenbewilligungsgesuche ausarbeiten wird für den Bau von geologischen Tiefenlagern: Lager für hochradioaktive Abfälle, Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle oder Kombilager.