Auf einem Rollbrett fuhr ein 9-jähriger Knabe vor 8 Tagen von einer Seitenstrasse auf die Zentralstrasse in Birr hinaus. Dabei wurde er von einem herannahenden Auto überrollt und schwer verletzt. Der Unfall, dessen Ursache noch unklar ist, ereignete sich zwischen der Bachtalenstrasse und der Schulanlage Nidermatt. Die Kantonspolizei Aargau nahm der 24-jährigen Autofahrerin den Führerausweis zu Handen des Strassenverkehrsamts ab.

Nur wenige Stunden später rief die Gemeinde Birr via Facebook alle dazu auf, jeweils die Fussgängerunterführung zu benutzen. Diese befindet sich nur wenige Meter von der Unfallstelle entfernt vor dem Kreisel Richtung Bahnhof. Die Lehrpersonen beobachteten häufig, dass Oberstufenschüler und auch Erwachsene die Zentralstrasse überqueren statt die Unterführung zu benutzen, sagt Gesamtschulleiterin Corinne Prowe.

Sie war kurz nach dem Unfall vor Ort. In den letzten Jahren sei es an dieser Stelle immer wieder zu brenzligen Situationen zwischen Fussgängern und Automobilisten gekommen, fährt Prowe fort. Sie erinnert an die Vorbildfunktion, die Jugendliche und Erwachsene gegenüber Kindern haben. Zudem sei die Unterführung wirklich gut und überhaupt nicht düster.

Autofahrerin hat Ausweis wieder

Der verletzte Knabe wurde per Helikopter ins Kinderspital Zürich geflogen. «Die ganze Schule hofft, dass es ihm bald besser geht», sagt Gesamtschulleiterin Prowe. Dass der in den Unfall involvierten Autofahrerin an Ort und Stelle der Führerausweis abgenommen wurde, stiess hingegen einem Leserbriefschreiber sauer auf. «Warum wird der Automobilistin der Fahrausweis entzogen, wenn noch kein Gerichtsurteil gesprochen ist?», fragt er. Und weiter: «Ist das eine Vorverurteilung so nach dem Motto ‹der Autofahrer ist immer der Schuldige›? Greift da eine Administrativbehörde voreilig in die Gerichtsbarkeit ein?»

Sprecherin Sandra Olar vom zuständigen kantonalen Departement Volkswirtschaft und Inneres sagt dazu: «Der Ausweis wurde der Lenkerin nicht entzogen.» Die Polizei habe der Automobilistin den Ausweis lediglich vorläufig abgenommen. «Das Strassenverkehrsamt hat diesen unterdessen wieder ausgehändigt», fährt Olar fort.

Im vorliegenden Fall könne also nicht von einer Vorverurteilung gesprochen werden. Der Ausweis sei vom Strassenverkehrsamt nicht entzogen, sondern nach Sichtung der Anhaltspunkte bezüglich der Fahreignung wieder ausgehändigt worden. Dieses Administrativverfahren findet unabhängig vom Strafverfahren statt. Zur Klärung des Unfallhergangs eröffnete die Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach eine Untersuchung.

Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau, betont, dass man zwischen der polizeilichen Abnahme und dem Entzug des Führerausweises unterscheiden müsse. Wenn die Kantonspolizei der Automobilistin den Führerausweis zu Handen des Strassenverkehrsamtes abnehme, gehe es bei dieser Massnahme um die Verhinderung der Weiterfahrt.

Sämtliche Voraussetzungen, bei denen die Polizei den Führer- oder Lernfahrausweis abnehmen muss oder kann, sind in der Strassenverkehrskontrollverordnung geregelt. Zudem sind im Strassenverkehrsgesetz die besonderen Befugnisse der Polizei festgehalten. «Ein Beispiel dazu wäre ein Autofahrer, der nach Verursachung eines schweren Verkehrsunfalls unter Schock steht», fährt Graser fort.