Prozess in Brugg
Nach Pfefferspray-Überfall: Täter und Opfer brechen vor Gericht in Tränen aus

Das Gericht verurteilt einen 55–jährigen Schweizer wegen eines Raubüberfalls auf den Dorfladen zu drei Jahren Freiheitsstrafe.

Timea Hunkeler
Merken
Drucken
Teilen
Beim Versuch, in den Dorfladen einzudringen, wandte der Täter Pfefferspray gegen sein Opfer an (Symbolbild).

Beim Versuch, in den Dorfladen einzudringen, wandte der Täter Pfefferspray gegen sein Opfer an (Symbolbild).

KEYSTONE

Der 27. Mai 2015 ist ein dunkler Tag im Leben von Monika. Als die Verkäuferin am frühen Morgen die Hintertür des Dorfladens öffnet, um die Brotlieferung anzunehmen, steht sie ihrem maskierten Angreifer Andreas (beide Namen geändert) gegenüber. Er will, mit einem Pfefferspray bewaffnet, in den Laden gelangen. Sein Ziel: Monika zu überwältigen, um so an den Schlüssel für den Geldtresor zu gelangen.

Monika versucht, das Eindringen des Täters durch die Hintertür zu verhindern, indem sie die Tür von innen zudrückt. Der Angreifer stellt seinen Fuss in die Tür und zückt den Pfefferspray. Glücklicherweise verfehlt das Tränengas sein Opfer. Monika schreit um Hilfe, was den Täter schliesslich in die Flucht schlägt.

Andreas konnte kurze Zeit später von der Polizei bei einer nahegelegenen Bushaltestelle festgenommen werden. Nun muss sich der Täter vor dem Bezirksgericht Brugg wegen versuchten Raubes, Diebstahls, Sachbeschädigung sowie Hausfriedensbruchs verantworten.

Opfer schwer traumatisiert

Mit gesenktem Kopf hört Andreas, in Arbeitshosen, weissem T-Shirt und festem Schuhwerk, die Schilderungen seines Opfers Monika an. Sie wird im Gerichtssaal von einem Nebenraum aus durch Videoübertragung zugeschaltet. Ihr ist deutlich anzusehen, wie sie der Vorfall geprägt hat. Unter Tränen und um Worte ringend, schildert sie dem Gericht die psychischen Beeinträchtigungen, die sie durch den Überfall erlitten hat. Begleitet wird sie von einer Mitarbeiterin der Opferberatung.

Monika erzählt, dass sie immer noch grosse Angst hat und unsicher ist, morgens das Haus zu verlassen und zur Arbeitsstelle zu gehen. «Es ist nicht mehr so, wie es vorher war», sagt die Verkäuferin. Dank der Therapie, in der sie sich auch heute noch befindet, gehe es ihr besser. Sie musste weder die Arbeitsstrukturen ändern, noch die Arbeit als Verkäuferin aufgeben. Als Entschuldigung hat Monika bis zu diesem Zeitpunkt nur einen anonymen roten Brief erhalten.

Schulden in Höhe von 20'000 Fr.

Was folgt, ist die Einvernehmung des Beschuldigten. Er stimmt der Anklage zu und erkennt ausserdem die 2000 Franken Entschädigung, die das Opfer fordert, an. Andreas arbeitet im Winter jeweils auf einer Kunsteisbahn und im Sommer als Schädlingsbekämpfer. Letzteres, so schildert der 55-Jährige, übte er zuerst elf Jahre als Angestellter aus, 2012 machte er sich jedoch selbstständig.

Er schildert weiter, während dieser Zeit Sozialstunden absolviert zu haben. Grund dafür war: Bereits drei Mal wurde der Beschuldigte wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand verurteilt. Auf Nachfrage der Gerichtspräsidentin bestätigt der Angeklagte, an einer Alkoholsucht zu leiden. Er beteuert jedoch, bereits seinen dritten Entzug zu planen. Seit längerer Zeit hat er ausserdem mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Aktuell belaufen sich seine Schulden auf rund 20 000 Franken.

Täter streitet zweite Tat ab

Finanzielle Gründe sollen es auch gewesen sein, weshalb sich Andreas entschloss, den Dorfladen zu überfallen. «Es war eine Kurzschlussreaktion», erklärt Andreas. Doch den Vorgang hat der Täter genauestens geplant. Bereits eine Woche zuvor kundschaftete er die Ladensituation aus. Ausserdem kannte er sein Opfer.

Weil der Laden relativ abgelegen und ihm die Angestellte vertraut ist, hat er diese Filiale ausgesucht. Nach der Verhaftung folgte die Scheidung von seiner Frau. Auch das Dreifamilienhaus musste verkauft werden. Bei der Schilderung des Tathergangs wirkte Andreas gefasst. Als die Gerichtspräsidentin Franziska Roth jedoch die besagte Scheidung und den Hausverkauf ansprach, flossen bei dem Beschuldigten die Tränen.

Nicht nur der Raubüberfall ist Verhandlungsgegenstand, dem Beschuldigten wird zudem vorgeworfen, im Sommer 2012 bei seinem früheren Arbeitgeber eingebrochen und dort vier Edelsteine sowie ein Mobiltelefon behändigt zu haben. Seine DNA-Spuren fand man am Fenster, durch das eingebrochen wurde. Diese konnten jedoch erst nach dem versuchten Raub vom Mai 2015 zugeordnet werden. Die Tat streitet er dennoch vehement ab. Er könne sich nicht daran erinnern, so etwas getan zu haben.

Immer wieder habe er «Gedächtnislücken», die er teilweise seinem übermässigen Alkoholkonsum zuschreibt. Er hält jedoch an einer anderen Theorie fest. Wenige Wochen vor dem Einbruchdiebstahl im Sommer 2012 verunfallte er mit dem Auto seines damaligen Arbeitgebers. Während er im Spital war, wurden seine persönlichen Gegenstände, die zum Teil noch von seiner alten Arbeitsstelle stammen sollen, entwendet. Darunter auch Einweghandschuhe. Er könne sich vorstellen, dass jemand seine Handschuhe mit der Innenseite nach aussen angezogen und so beim Einbruch seine DNA am Fenster platziert hat. Diese Erklärung sei «abenteuerlich», wie die Gerichtspräsidentin sagt.

Das Gericht kommt mehrheitlich zum Schluss, dass der Täter in allen Anklagepunkten schuldig ist und verurteilt ihn zu einer dreijährigen teilbedingten Freiheitsstrafe, davon zwei Jahre bedingt, bei einer Probezeit von fünf Jahren. Zudem wird ihm ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt. Dieser soll ihn bei seinen finanziellen Angelegenheiten oder auch bei seiner Suchtproblematik unterstützen. Andreas beteuert, aus seinen Fehlern gelernt zu haben, und entschuldigt sich mit zitternder Stimme noch einmal von Angesicht zu Angesicht bei seinem Opfer.