Bözberg
Nach Fusion: «Wir fühlen uns über den Tisch gezogen»

Im Abstimmungskampf waren die neuen Adressen nur ein Nebenschauplatz, weil niemand die Konsequenzen erkannte. Es wird von geschichtlichem Kahlschlag gesprochen.

Toni Widmer
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Der Linner Geri Hirt wehrt sich gegen den «geschichtlichen Kahlschlag». to

Der Linner Geri Hirt wehrt sich gegen den «geschichtlichen Kahlschlag». to

Es gibt nicht wenige Ober- und Unterbözberger, Linner und Gallenkircher, die der Gemeindefusion zugestimmt haben, dies im Nachhinein jedoch bereuen. «Wir fühlen uns über Tisch gezogen», begründet mit dem Linner Geri Hirt einer von ihnen seinen Sinneswandel. Er habe den Fusionsvertrag seinerzeit exakt gelesen und sei über Ziffer 4 gestolpert. Jenen Passus, im dem von Dorf- und Strassennamen die Rede ist.

Adresse wurde geändert

«In Ziffer 4.2 steht, dass die Dörfer als Ortsteile der neuen Gemeinde ihre Namen behalten würden. Unter Ziffer 4.3 hingegen war zu lesen, die neue Anschrift laute neu 5225 Bözberg, wobei die bestehenden Namen der Dörfer, Weiler, Höfe, Strassen usw. möglichst erhalten blieben.» Er, sagt Hirt weiter, hätte da einen Widerspruch gesehen und sich deshalb bei den Verantwortlichen genauer erkundigt. «Nach dieser Abklärung war ich überzeugt, dass Linn den Namen behalten und sich an meiner Adresse nichts ändern würde.» Seit 1.Januar 2013 lautet Geri Hirts Anschrift offiziell nicht mehr Dorfstrasse 8, 5224 Linn, sondern Linn 12, 5225 Bözberg.

Hirt sieht sich der Identität beraubt. Und nicht nur er: «Was hier betrieben wird, ist geschichtlicher Kahlschlag. Man tilgt die vier Gemeinden Linn, Gallenkirch, Ober- und Unterbözberg von der Landkarte und schafft mit Bözberg eine neue. So war es nicht gedacht», sagt Werner Hunziker aus Oberbözberg. Auch für ihn sei aufgrund der vorliegenden Informationen eine Adressänderung im Abstimmungskampf nie im Raum gestanden, sonst hätte er sich schon viel früher massiv dagegen gewehrt: «Die verantwortliche Kommission hat in einem Zwischenbericht 2010 erklärt, der Erhalt der Namen von Dörfern, Weilern, Höfen, Fluren, Strassen und Ortsteilen sei gewährleistet. Deshalb war das für mich damals gar nie ein Thema.»

Jetzt, sagt Hunziker, sei alles von unten nach oben gekehrt worden: «In Linn und Gallenkirch hat es über Generationen eine Dorfstrasse gegeben. Jetzt ist diese in beiden Dörfern verschwunden. In Oberbözberg hingegen wurde neu eine Dorfstrasse geschaffen, dafür sind die historischen Bezeichnungen Mitteldorf und Oberdorf verschwunden.» Er fühle sich hintergangen, sagt Werner Hunziker und zeigt als weiteres Argument einen Flyer des Pro-Komitees aus dem Abstimmungskampf auf dem unter anderem steht: «Ein Linner bleibt ein Linner.»

«Sozialer Landschaden»

«Das gibt es nirgendwo sonst», sagt Erwin Hilfiker, der sich landesweit ein Bild über das Vorgehen bei Gemeindefusionen gemacht hat: «Mit Ausnahme von Ober- und Unterehrendingen – zwei Gemeinden, die längst zusammengewachsen waren – haben bisher alle Fusions-Gemeinden ihre Namen und die Bewohner die ursprünglichen Adressen behalten können. Nur bei uns sollen aus einer falsch verstandenen Euphorie und Sturheit heraus Linner, Gallenkircher sowie Ober- und Unterbözberger unbedingt zu Bözbergern werden. Damit richtet man enormen sozialen Landschaden an und bringt noch mehr Bürger dazu, vor Behörde und Verwaltung zu resignieren.»

Weniger emotional sieht es Hans-Martin Niederer: «Es ist richtig, wenn mit einer Fusion Synergien genutzt und Abläufe verbessert werden. Aber es ist in diesem Zusammenhang völlig unnötig, eine neue Gemeinde mit einer neuen Identität schaffen zu wollen. Mit diesem Übereifer geht nicht nur ein Stück Heimat den Bach runter. So wird auch sehr viel Geld und Zeit verpufft.»