Windisch/Villigen

Nach dem Swissair-Grounding startete er als Chauffeur der Flyers durch

Zu Swissair-Zeiten war das Busfahren als Chauffeur der Kloten Flyers sein Hobby, nach dem Grounding wurde es für Fritz Urwyler zum Beruf. Heute fährt der Rentner noch immer für die Flyers. Und weiss, wie sich Hockeylegenden aufs Spiel vorbereiten.

Die Affinität zu den Maschinen führte Fritz Urwyler in die Gefahr, mit 52 Jahren arbeitslos zu werden. Sie war es aber auch, die ihn sogleich wieder davor bewahrte. Wäre die Swissair nicht ihrer finanziellen Not erlegen, würde der 66-Jährige diesen Samstag wohl kaum den Eurobus der Kloten Flyers Richtung Davos manövrieren.

Urwyler ist pensioniert, nennt sich selbst Vollblut-Aushilfschauffeur von Eurobus und ist mittlerweile auch Fan desjenigen Eishockeyklubs, der mit dem Windischer Busunternehmen eine langjährige Partnerschaft pflegt. Zusätzlich hilft er jeweils bei der Best-Player-Ehrung oder fährt vor dem Spiel die Schiedsrichter vom Parkplatz bis in die Swiss-Arena, bringt ihnen gar den Lohn und dreht in der Drittelspause mit dem Werbefahrzeug Volvo seine Runden. Alles aus Freude am Verein.

«Die ganze Familie hat noch immer Kerosin im Blut»
Fritz Urwyler in Bezug auf das Swissair-Ende

Der in Brittnau aufgewachsene und in Villigen wohnhafte Urwyler war schon als Kind von Bussen begeistert. «Ich habe sie regelrecht bestaunt», meint er in der Cafeteria des Reisezentrums Windisch sitzend. Dennoch heuerte er bei der Swissair an und blieb dort ganze 30 Jahre lang.

Die Zeit teilte sich Urwyler in drei exakt gleich grosse Teile auf. So war er zunächst zehn Jahre als Mechaniker tätig, worauf er für ein weiteres Jahrzehnt in die Informatik wechselte. Schliesslich arbeitete er in der PR-Abteilung, «die spannendsten Jahre», wie er heute noch findet. Viele Events, aber auch tragische Fälle, wie das Attentat in Luxor oder der Absturz in Halifax.

Kerosin im Blut

Und dann das Grounding: Urwyler war einer von vielen Leidtragenden des Swissair-Untergangs und verliess die Branche mit Wehmut. Trotzdem bleiben vor allem die positiven Eindrücke. So habe die ganze Familie «noch immer Kerosin im Blut», die Schwiegertochter ist heute Flight Attendant und in die Ferien gehe es mit dem Flugzeug.

Während des Engagements beim Flughafen rutschte er regelrecht in das Umfeld der Kloten Flyers hinein, wie er selber sagt. Ganz genau erklären kann er sich dies nicht.

Es folgten die ersten, sporadischen Einsätze im Dienst von Eurobus: Wenn der hauptberufliche Flyers-Chauffeur ausfiel, kam Urwyler zum Zug. So wurde er, ohne es zu forcieren, nach und nach Fan der Kloten Flyers. «Dabei hatte ich früher mit Eishockey gar nichts am Hut», sagt er schmunzelnd, bevor er einen Schluck Kaffee trinkt.

Die Arbeitslosigkeit abgewendet

Auch deswegen durfte Urwyler direkt nach dem abrupten Aus bei der Swissair im Alter von 52 Jahren nahtlos bei seinem früheren Teilzeit-Arbeitgeber Eurobus anknüpfen: «Das muss ich Geschäftsführer Andreas Meier hoch anrechnen, dass er mir noch das Vertrauen geschenkt hat. In diesem Alter eine Stelle zu finden, ist nicht einfach.»

Urwyler nahm dankend an und chauffierte von da an regelmässig sportliche Grössen wie Felix Hollenstein, Jaroslav Hlinka oder Kimmo Rintanen. Das Hobby wurde endgültig zum Beruf.

Vor einer Auswärtsfahrt rechnet Urwyler weit im Voraus die erwartete Reisezeit aus, beachtet dabei Faktoren wie Schneefall oder Ferienzeiten. Er baut stets Reserven ein, will sich der Sache sicher sein. Während der Reise wird im Bus jeweils kaum geredet. «Nach den ersten fünf Minuten ist absolute Ruhe».

«In Zug stehen der Kaffee und die Torte für mich schon bereit, bevor ich mit dem Bus ankomme»
Fritz Urwyler

Dafür bereiten sich die Spieler mental vor, einige schlafen noch ein wenig. Nach längeren Auswärtsfahrten legt sich bei der Ankunft auch der Chauffeur hin. «Ich wache aber vor Spielbeginn wieder auf. Den Match will ich ja noch sehen», betont er.

Während des Spiels ist der 66-Jährige manchmal direkt hinter dem Plexiglas, etwas später diskutiert er mit dem örtlichen Eismeister. Man kennt sich in der Branche. «In Zug stehen der Kaffee und die Torte für mich schon bereit, bevor ich mit dem Bus ankomme», meint Urwyler und lacht herzlich.

Die Rückfahrt gestaltet sich ähnlich wie die Hinfahrt. Unabhängig davon, ob das Spiel gewonnen oder verloren wurde, kehrt wieder gespenstische Ruhe ein. «Da das nächste Spiel nicht mehr weit ist, fokussieren sich die Spieler schon wieder», meint er und beisst darauf in ein Gipfeli.

«Es gibt nicht viele Chauffeure, die dermassen stark eingebunden sind. Wir sind wie eine grosse Familie.» Eine Beziehung, die auf Vertrauen basiert. «Was manchmal nach der Ankunft alles über die Taktik diskutiert wird, darüber darf ich nicht einmal mit meiner Frau sprechen», meint er lachend.

«Es gab nicht eine Person in meinem Bus, die mir nicht passte, ich hatte es stets mit allen gut.» In seinen zahlreichen Geschichten, die er seiner Laufbahn zum Dank zu erzählen hat, bleibt er aber immer wieder beim ehemaligen Trainer Wladimir Jursinow hängen.

«Ein toller Mensch, sehr väterlich und genau dann hart, wenn es sein musste: auf dem Eis», Urwyler muss selbst lachen, als er einige kuriose Episoden, die er mit ihm erlebt hatte, erzählt. Im russischen Akzent zitiert er die russische Eishockeylegende jeweils und lacht abermals.

Beim Cupfinal erstmals verspätet

Urwyler ist kein Selbstdarsteller, aber durchaus mediengewohnt und scheut deshalb das Rampenlicht nicht, wenn es denn sein muss. So stand er im Frühjahr beim diesjährigen Cupfinal gegenüber SRF seelenruhig Red und Antwort, weshalb denn der Bus vor einem solch wichtigen Spiel im Stau stand. Er erklärte der Öffentlichkeit ein Problem, wofür er nicht schuld war.

In der Swissair-PR-Abteilung war dies manchmal ähnlich. Es blieb bisher der einzige Zwischenfall in der bald 15-jährigen Karriere als Flyers-Fahrer. «Es ist das grosse Ziel eines jeden Carchauffeurs, eine ganze Karriere lang unfallfrei bleiben zu können.» Urwyler bildet hierbei keine Ausnahme. Daneben wünscht er sich, dass die Flyers wieder einmal Meister werden. Er selbst hat bisher drei Vizemeistertitel miterlebt.

Bis 2018 gilt noch der Busfahrerausweis, danach wird Urwyler einen Schlussstrich ziehen. «Ich bin noch immer mit Freude dabei, aber irgendwann ist Schluss.» Kopfschüttelnd fügt er an, dass ihm der zunehmende Verkehr ohnehin immer mehr zu schaffen mache.

Sein Nachfolger wird zurzeit integriert und übernimmt bereits einige Auswärtsfahrten. Als Helfer werde er den Flyers aber erhalten bleiben. «Das werde ich machen, solange ich nur kann», verspricht er und macht sich sogleich auf zum nächsten Termin. Diesmal ist es eine Schulklasse, die er auf eine kurze Fahrt mitnehmen soll.

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