Brugg

Nach 45 Jahren ist Schluss: Der dienstälteste Brugger Wirt tritt ab

Vom legendären Café Baur in den Neumarkt: Rolf Irion hat die Gastroszene im Stadtzentrum während fast eines halben Jahrhunderts geprägt. Ende Oktober ist Schluss.

Es gibt wohl nur wenige Leute in der Region Brugg, die in den letzten 45 Jahren nie bei Rolf Irion eingekehrt sind. Denn der gebürtige Seuzacher war mit seinem Gastroangebot an insgesamt vier Standorten in der Innenstadt aktiv. Ende Oktober läuft der letzte Mietvertrag für das Bistro im Neumarkt 2 aus und der 76-jährige Wirt muss seine beiden treuen Angestellten Arichanthira Visuvalingam und Delaxsan Thedsanamoorthy entlassen.

Der Gebäudekomplex Neumarkt 2 und 3 wird in den nächsten eineinhalb Jahren im grossen Stil umgebaut und modernisiert. Gewerbe- und Büroräumlichkeiten in den oberen Etagen verschwinden und machen Platz für über 20 Mietwohnungen. Am Standort des Gartenbistros soll das Baustellendepot eingerichtet werden. Noch geniessen bei schönem Wetter zahlreiche Gäste auf dem Neumarktplatz vor dem «Irion» die letzten warmen Sonnenstrahlen. Die beiden gebürtigen Tamilen sind aufmerksame Kellner. Es herrscht ein familiäres Ambiente.

Dass Rolf Irion überhaupt am 1. November 1975 in Brugg den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, ist der Frau seines früheren Chefs in Winterthur zu verdanken. Die gebürtige Bruggerin wies den gelernten Konditor-Pâtissier darauf hin, dass das Café Baur, das sich im heutigen Mobilezone-Gebäude befand, zur Miete ausgeschrieben war. Der zielstrebige Berufsmann sah sich das Lokal im Prophetenstädtchen an und mietete gleich die ganze Liegenschaft, in die er selber einzog und seinem Personal Zimmer anbot.

Im einstigen Café Baur und heutigen Mobilezone-Laden am Neumarktplatz hat Rolf Irion im Herbst 1975 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.

Im einstigen Café Baur und heutigen Mobilezone-Laden am Neumarktplatz hat Rolf Irion im Herbst 1975 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.

Er arbeitete in Australien und reiste mit dem Auto nach Hause

Schon damals verfügte der Jungunternehmer über viel Lebenserfahrung. Denn im Alter von 23 Jahren war er nach Australien ausgewandert, wo er während vier Jahren in Melbourne in einer Hochzeitstorten-Firma arbeitete. «Die Torten bestanden in der Regel aus lange haltbaren Früchtekuchen. Der unterste Stock wurde an der Hochzeit gegessen, der zweite am ersten Hochzeitstag und der dritte nach der Geburt des ersten Kindes», erzählt Rolf Irion schmunzelnd beim Gespräch mit der AZ und blättert in alten Fotoalben.

Mehr oder weniger auf dem Landweg fuhr er mit seiner damaligen Verlobten und einem ausgebauten Landrover von Australien aus während sechs Monaten nach Winterthur zurück. Als das Paar im heutigen Sri Lanka etwa einen Monat lang auf das eingeschiffte Auto warten musste, kam es mit der Bevölkerung in Kontakt. Dabei lernte es nicht nur die gute Küche der Tamilen, sondern auch ihre vorbildliche Arbeitsmoral kennen. Für Rolf Irion war es deshalb später ein logischer Schritt, Tamilen, die in die Schweiz kamen, einen Job anzubieten. «Das waren oft langjährige Arbeitsverhältnisse. So arbeitet etwa Arichanthira Visuvalingam bereits seit 1989 bei mir», betont Irion.

In Brugg wehte dem frischen Pächter, der seine Verlobte Maja inzwischen geheiratet und mit ihr eine Familie gegründet hatte, ein kühler Wind entgegen, auch weil das Café Baur vor seiner Ankunft zu einem Drogenplatz verkommen war. «Die Drögeler waren wir zwar sehr bald los, doch bis die alten Stammgäste wieder Fuss fassten, ging es lange», liess sich Rolf Irion in einem alten Zeitungsartikel zitieren. Nachdem die Liegenschaft verkauft wurde, entschloss er sich, sein Geschäftsdomizil im Oktober 1982 in den neu eröffneten Neumarkt 2 zu verlegen.

Im Jahr 1982 hat Rolf Irion – damals noch mit Bart – sein Lokal ins erste Obergeschoss des frisch erstellten Neumarkts 2 verlegt.

Im Jahr 1982 hat Rolf Irion – damals noch mit Bart – sein Lokal ins erste Obergeschoss des frisch erstellten Neumarkts 2 verlegt.

Während der Bauzeit des Einkaufszentrums wurde das Restaurant Güterhalle geschlossen, wodurch Rolf Irion das Alkoholpatent erhielt. Somit konnte er sein neues Lokal, das optisch den Charakter eines Cafés aufwies, als vollen Restaurationsbetrieb führen. Für viele Familien, die am Samstag zum Einkaufen ins Brugger Stadtzentrum fuhren, wurde das Café Irion im ersten Obergeschoss zu einem beliebten Treffpunkt. Im benachbarten Spielwarenladen Stucki gab es für die Kinder stets viel zu entdecken, währenddessen die Eltern im «Irion» ausruhen konnten. Das Lokal stand sieben Tage pro Woche offen, sonntags spielte ein Pianist.

Zu «Gambrinus»-Zeiten hatte der Zürcher 25 Angestellte in Brugg

Drei Jahre später kam das Bistro im Parterre dazu, das bis heute ein Raucherlokal geblieben ist. Rolf Irion kommt richtig ins Schwärmen, wenn er an die vielen gemeinsamen Neumarkt-Aktivitäten der Mieter denkt: Kinderfeste mit Gratismilch, Oktoberfest, Schneebar, Zusammenarbeit mit dem Schenkenbergertal, der «grösste Butterzopf der Welt» mit 10,76 Meter Länge und vieles mehr. «Alle machten jeweils mit. Der Zusammenhalt war richtig toll und die Leute kamen in Scharen», erzählt der Gastronom, dessen Vater Architekt war.

Von 1995 bis 2003 führte Rolf Irion zusätzlich das Restaurant Gambrinus im Neumarkt 1 vor der Bahnhofunterführung, dem sogenannten Mausloch. Mit anderen Worten: Zu Spitzenzeiten hatte der Zürcher, der längst in Brugg sesshaft geworden war, insgesamt 25 Angestellte.

Ein Magnet für die Jugendlichen aus der Region Brugg: Von 1995 bis 2003 betrieb Wirt Rolf Irion zusätzlich  das Restaurant Gambrinus neben der Bahnhofunterführung im Neumarkt

Ein Magnet für die Jugendlichen aus der Region Brugg: Von 1995 bis 2003 betrieb Wirt Rolf Irion zusätzlich das Restaurant Gambrinus neben der Bahnhofunterführung im Neumarkt

Als eher peinlichen Tiefpunkt seiner Berufskarriere bezeichnet der Wirt das Brugger Jugendfest 1976. Eine lokale Tradition, die er völlig unterschätzt hatte. «Die ganze Familie packte zwar mit an, aber wir waren so schlecht auf diesen Tag vorbereitet, dass wir bei weitem nicht alle Gäste zufriedenstellen konnten», erzählt Rolf Irion und lacht. Wer den umtriebigen Wirt kennt, kann sich vorstellen, dass ihm ein solcher Fehler nur einmal passiert ist. Seither hatte der 76-Jährige vor den Sommerferien stets einen Jugendfest-Coup im Angebot.

Wirt ist noch fast jeden Morgen ab 6 Uhr im Bistro anzutreffen

Überhaupt sind die hausgemachten Glacés zu Irions Markenzeichen geworden. Altersbedingt hat sich der Wirt vor zehn Jahren dazu entschlossen, kürzerzutreten. Er verzichtete auf die Mietvertragserneuerung für das Café im ersten Stock und konzentrierte sich fortan auf das Bistro im Parterre. Rolf Irion, der praktisch noch jeden Morgen ab 6 Uhr in seinem Lokal anzutreffen ist und sich als leidenschaftlicher Konditor persönlich um die Glacé-Produktion und die Gipfeli kümmert, freut sich darauf, Ende Monat die Verantwortung für den Betrieb abzugeben und sich in Zukunft die Zeit selber einteilen zu können.

Den Schritt in die Selbstständigkeit hat er nie bereut. Was er in den letzten Jahren aber zunehmend vermisst hat, ist ein wertschätzender und menschlicher Umgang untereinander. Seinen beiden Angestellten wünscht er, dass sie bald eine neue Stelle finden werden.

Aargauer Gastro-News 2020

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