Brugg

Nach 33 Jahren Brugger Stadtpolitik tritt Wehrli ab: «Wir hatten es lustig»

Vizeammann Martin Wehrli an seinem Arbeitsplatz: «Ich habe es gerne gemütlich und fröhlich.» Mathias Marx

Vizeammann Martin Wehrli an seinem Arbeitsplatz: «Ich habe es gerne gemütlich und fröhlich.» Mathias Marx

Bruggs Vizeammann Martin Wehrli hat während 33 Jahren in der Stadtpolitik mitgemischt. Im Interview mit der az sagt er, wie es um die Stadt Brugg finanziell steht und wie sich die Politik in seiner aktiven Zeit verändert hat. Ende Jahr tritt er ab.

Vizeammann Martin Wehrli empfängt uns an seinem Arbeitsplatz im Steiger-Quartier in Brugg. Während 33 Jahren – über die Hälfte seines Lebens – habe er in der Brugger Politik mitgemischt, wie er selber sagt.

In der Exekutive betreute er zuletzt die Ressorts Finanzen und Kultur. Ende Jahr gibt er sein Amt ab. Parteikollege Leo Geissmann wird seine Ressorts weiterführen.

Wehrli war neben seiner politischen Karriere beruflich immer zu 100 Prozent tätig. Er hat das Glück, mit sechs Stunden Schlaf auszukommen. Der Geschäftsleiter eines Inkasso-Büros sitzt am runden Tisch und wirkt entspannt.

Martin Wehrli, Sie haben beruflich und in der Politik mit Finanzen zu tun. Sind Sie wirklich ein Erbsenzähler, wie manchmal gemunkelt wird?

Martin Wehrli: (lacht) Ich glaube, ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich das nicht bin. Wir haben während meiner Amtszeit 120 Millionen Franken investiert. Aber ich habe immer geschaut, wo Investitionen gut und richtig sind, sodass sie der Stadt etwas bringen.

Wie steht es um die Finanzlage der Stadt Brugg?

Sie ist nicht hervorragend, aber sie ist gut. Wir haben – trotz hoher Investitionen in den letzten 10 Jahren – noch immer über 30 Millionen Franken Vermögen.

Und trotzdem haben Sie vor einem Jahr den Steuerfuss erhöht?

Wir konnten den Steuerfuss vor etwa sechs Jahren von 100 auf 95 Prozent senken. Vor einem Jahr mussten wir ihn nun wieder auf 100 Prozent erhöhen, um einen ausgeglichenen Haushalt zu erhalten. Dafür kann ich dem Brugger Stimmvolk ein Kränzchen winden. Mehrheiten für Steuersenkungen lassen sich bekanntlich einfach finden. Dass es auch mit der Erhöhung klappte, freut mich ganz besonders.

Die Kombination Ihrer Ressorts Kultur und Finanzen ist speziell.

Ja, das ist in der Tat eine Seltenheit. Ich fand diese Kombination aber sehr schön, da ich so nicht nur auf die Finanzen fokussiert war.

Sind Sie eher Finanz- oder Kulturminister?

Vom Beruf her bin ich eindeutig mehr Finanzminister. Die Kultur hat mich aber immer sehr interessiert, weil ich früher auch selber Trompete spielte. Durch mein politisches Engagement wurde ich aber vom Kultur-Aktivisten zum -Konsumenten.

Der finanzielle Spielraum wird für die Gemeinden immer enger. Setzt man da den Rotstift nicht häufig bei der Kultur an?

Nein, ich glaube da konnte ich wirklich einen Beitrag leisten, dass die Kultur nicht dem Rotstift zum Opfer fällt. Ich habe beispielsweise grosse Freude an unserer städtischen Galerie Zimmermannhaus. Hier werden nicht nur Bilder ausgestellt, sondern auch Musikkonzerte veranstaltet.

In den Legislaturzielen 2011–2014 heisst es «Die Stadt Brugg engagiert sich für ein jährlich stattfindendes städtisches Kulturevent». Was ist damit gemeint?

Meine Vorstellung wäre gewesen, dass wir zum Beispiel in Verbindung mit den alle zwei Jahre stattfindenden Literaturtagen, die sich erfreulich entwickelt haben, den Anlass zu einer Kulturnacht ausbauen könnten. Leider, leider ist das nicht gelungen. Aber mein Nachfolger muss ja auch noch etwas zu tun haben.

Sie sind kein trockener Buchhalter. Ihr Lachen wirkt oft ansteckend. Wie war das im Stadtrat?

Ja, ich habe es gerne gemütlich und fröhlich. Auch im Stadtrat hatten wir es lustig. Wichtig ist mir aber, dass man ernsthaft um die Sache streiten kann und nach der Sitzung zusammen etwas trinken und auch mal über sich selber lachen kann.

Wie hat sich das Klima im Stadtrat in den letzten 17 Jahren verändert?

Nicht nur die Personen haben geändert, vor allem auch das Aufgabenspektrum. Die grösste Veränderung gab es mit dem Standortentscheid für die Fachhochschule Nordwestschweiz. Die Sitzungen wurden ernsthafter, intensiver und dauerten länger. Die Zusammensetzung des Stadtrats hat nur marginal geändert. Die parteipolitische Auseinandersetzung war in den letzten 8 Jahren deutlicher spürbar als am Anfang.

Sie haben zwei Stadtammänner miterlebt.

Ja, Rolf Alder und Daniel Moser sind in ihren Charakteren sicher grundverschieden. Ich konnte aber mit beiden sehr gut zusammenarbeiten.

Als Vertreter der CVP waren Sie oft das Zünglein an der Waage.

Tatsächlich konnte ich bei 3:2 Entscheiden vieles mitbeeinflussen. Am Anfang hatte ich diese Position aber nicht inne, weil die EVP noch im Stadtrat vertreten war. Meist fallen die Entscheide allerdings einstimmig – das war auch beim Campussaal so.

Wird der Saal je rentieren?

Vermutlich nicht. Ich habe nie etwas anderes behauptet. Es ist aber eine Notwendigkeit, dass die Agglomeration Brugg – ich spreche bewusst nicht nur von der Stadt – einen solchen Saal hat. Die Wertschöpfung geschieht nicht nur über den Saal. Ein neues Hotel könnte den Standort noch attraktiver machen.

Der Souverän musste zweimal über die Betriebsbeiträge für den Campussaal abstimmen. Hat man da den Stimmbürgern in der ersten Vorlage nicht Sand in die Augen gestreut?

Als Finanzexperte vertrat ich immer die Meinung, dass man der Bevölkerung sagen muss, was der Saal tatsächlich kostet. Ich war schon bei der ersten Vorlage für die Offenlegung der Zahlen.

Aber Sie konnten sich nicht durchsetzen.

Ja, ich habe keine Mehrheit gefunden. Auch das gehört zur Politik.

Bleiben Sie Verwaltungsratspräsident der Campussaal Immobilien AG (CIAG)?

Ich werde meine Erfahrungen hier weiterhin einbringen. Die Betriebsbeiträge sind erst für fünf Jahre gesprochen. Ich will deshalb mithelfen, eine definitive Lösung aufzugleisen.

Was bedeutet das für den Steuerzahler?

Hoffentlich keine höheren Kosten. Läuft alles rund, können die Beiträge vielleicht um 100 000 bis 150 000 Franken pro Jahr für die beiden Gemeinden Brugg und Windisch gesenkt werden. Genaueres kann ich in einem Jahr sagen, wenn wir sehen, wie der Saal gebucht wird.

Während der ersten 5 Jahre waren Sie als Bauminister tätig. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Ich habe sehr viel gelernt in einem mir eher unbekannten Bereich. Spannend war auch, mitzuerleben, wie etwas Neues realisiert wird. Ich bin überzeugt, dass man gewisse Objekte einfacher bauen und somit Mittel sparen könnte. Ohne Abstriche bei der Funktionalität zu machen. Ein Schulhaus muss nicht zwingend einen Baupreis gewinnen.

Sie sprechen das Sportausbildungszentrum Mülimatt an.

Ja, das ist ein Beispiel. Wenn die finanziellen Mittel auf allen Ebenen immer knapper werden, muss man sich schon überlegen, ob man eine Turnhalle mit einem solchen architektonischen Aufwand realisieren will. Anders sieht es bei umweltschonenden Heizungen aus. Hier bin ich nicht der Verfechter von günstigen Ölheizungen.

Themenwechsel: Wann findet der Fusionsapéro zwischen Brugg und Windisch statt?

Das wird noch mehrere Jahre dauern. Der Zeitpunkt für eine Fusion ist noch nicht reif.

Warum nicht?

Die Unterschiede zwischen den beiden Gemeinden sind zu gross – nicht nur im finanziellen Bereich. Die Zusammenarbeit ist nicht intensiv genug. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, Synergien zu nutzen. Noch heute bedaure ich, dass wir die Feuerwehren nicht zusammenlegen konnten.

Wurde die Zusammenarbeit durch den Campus-Neubau nicht besser?

Doch, wenn beide das Gleiche wollen, klappt es hervorragend. Nun müssen sich die neuen Behördenmitglieder aber zuerst wieder annähern. Die grösste Gefahr sehe ich, wenn man zu früh versucht, die Fusion zu erzwingen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht mehr Brugger Vizeammann sind?

Ich bin weiterhin als Unternehmer tätig. An der nächsten Gewerbeausstellung werde ich zudem im OK mitwirken und unter anderem für das Ressort Sponsoring und Unterhaltung verantwortlich sein. Ich habe mir vorgenommen, wieder mehr Sport zu treiben, Ski zu fahren und das kulturelle Angebot zu geniessen.

Vermissen Sie die Politik nicht?

Nein, aber ich lege Wert auf einen gut funktionierenden Stadtrat. In der neuen Zusammensetzung sind keine Newcomer. Wenn alle noch ihr Parteibüchlein ablegen, kommt das gut.

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