Güsche Briner sitzt im Café Domino, ein junger Mann im Rollstuhl und seine Betreuerin sind ins Wohnheim unterwegs. «Hallo, Oliver, wie geht’s?», fragt Güsche Briner.

Er kennt sie fast alle, mit Namen. Erst seit kurzem sei er aber mit den meisten Bewohnern und Mitarbeitenden der Stiftung Domino per Du.

«Der neue Geschäftsführer Rainer Hartmann hat angeregt, dass wir uns alle duzten. Ich war zuerst skeptisch, doch es ging gut.»

Er hätte aber auch klar gesagt, dass dies niemand tun müsse. Nähe und Distanz sind Dinge, womit man lernen müsse, umzugehen und dies fast jeden Tag aufs Neue.

«Und so bin ich mit etwa sechs der Klienten noch per Sie», sagt Gustav Briner, der seit Kindstagen Güsche genannt wird.

Pensionierung, die letzten Sitzungen abhalten, seien es Betriebskommissionssitzungen oder solche im Verband, überall ist es für den Werkstattchef das letzte Mal.

«Ich habe mich noch nicht so sehr damit befasst. Ich hatte ja immer viel zu tun.» Güsche Briner spricht ruhig, überlegt und lächelt: «Es ist das berühmte lachende und weinende Auge. Man gibt etwas auf, das so toll funktioniert und wo man sich so wohl fühlt.»

Und dann lobt er sein super Team, worauf er sich jederzeit verlassen konnte. «Es gibt einen Spruch: ‹Das Personal ist das Kapital›, das kann ich voll unterschreiben.»

Zuerst Automechaniker gelernt

Wenn Güsche Briner über seine Erfahrungen mit behinderten Menschen in der Arbeitswelt spricht, tut er dies mit grösstem Respekt.

Der gelernte Automechaniker suchte mit 30 Jahren etwas Neues und begann mit der Ausbildung zum Sozialpädagogen bei der Arwo in Wettingen.

Dort durchlief ein junger Mann, nennen wir ihn Felix, bei ihm die Ausbildung in der Elektromontage. In der ehemaligen Regionalen Werkstatt für Behinderte in Brugg-Windisch traf Güsche Briner wieder auf Felix.

Doch hier gab es keinen Platz in der Elektromontage und er fertigte Vasen aus Ton. Eines Tages erschien er nicht mehr zur Arbeit.

Güsche Briner sprach mit Felix, zunächst ohne Ergebnis. Bis Felix’ Arzt ihn einweihte: der junge Mann wolle nicht mehr töpfern.

«Alle wollen die schönen Vasen von mir, dabei habe ich doch bei dir Kabelkonfektion in der Elektromontage gelernt», erklärte Felix später. «Und wenn du nun in der Montage arbeiten könntest?», fragte Güsche Briner. «Komme sofort», war Felix’ Antwort.

«Wenn es mal nicht so viel Arbeit hatte, durften die Behinderten malen oder basteln», erzählt er. Güsche Briner ging dann an einen Tisch, an dem ein Mann malte und dieser meinte: «Briner, hör mal, ich bin da zum Arbeiten und nicht zum Malen.»

Güsche Briner leistete Pionierarbeit. Seine eigene Geschichte, wie auch die der Stiftung Domino bezeichnet er als toll. Nach der Ausbildung in Wettingen, arbeitete Güsche Briner als Betriebsleiter in der Regionalen Werkstatt für Behinderte in Brugg, mit 30 Behinderten und zehn Angestellten.

Er führte die Klienten in die Arbeit an den Fräsen und Drehbänken ein, managte den Vertrieb und war mit anderen Institutionen in Kontakt.

Die Brugger Filiale wurde weiter ausgebaut, und die Leute brauchten Wohnraum. 1999 zog die erste Wohngruppe ins Domino Hausen ein, die neue Werkstatt wurde 2008 eingeweiht: «Sie lässt fast keine Wünsche offen», sagt Güsche Briner.

Bis dahin sei es ein langer Weg gewesen. Egal ob Planung, Strukturen, Arbeits- und Wohnplätze; Güsche Briner war überall dabei. «Das war viel Arbeit, aber sehr spannend.»

Manchmal ans Limit gekommen

Das Personal müsse den Spagat zwischen sozialem Auftrag und dem wirtschaftlichen Aspekt schaffen, so Güsche Briner. Auf der einen Seite gehen die Klienten einer sinnvollen Beschäftigung nach, andererseits müssen Termine eingehalten und ein Ertrag erwirtschaftet werden.

«Früher lastete dies auf meinen Schultern, heute sind die Aufgaben auf mehrere verteilt.» Er gibt zu, manchmal ans Limit gekommen zu sein.

Da kam ihm sein Hobby, Oldtimer zu restaurieren, zu Hilfe: «Als ich viele Probleme zu lösen hatte, ging ich in meine Garage. Einige Stunden in den Dreck zu greifen, das war für mich Psychohygiene.»