Brugg
Munden die Scones, schmeckt der englische Film

Das Cinema Odeon lässt – einmalig in der Schweiz – mit der neuen Reihe Teatime ein Stück England aufleben.

Elisabeth Feller
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Britischer gehts nimmer: Teezeremonie in Beecham House, einem Altersheim für Musikerinnen und Musiker. Dort lebt das Sänger-Quartett mit Reginald (Tom Courtenay, von links), Jean (Maggie Smith), Cecily (Pauline Collins) und Wilfred (Billy Conolly). Mit dem Film «Quartet» gab der Schauspieler Dustin Hoffman sein Debüt als Filmregisseur. ZVG

Britischer gehts nimmer: Teezeremonie in Beecham House, einem Altersheim für Musikerinnen und Musiker. Dort lebt das Sänger-Quartett mit Reginald (Tom Courtenay, von links), Jean (Maggie Smith), Cecily (Pauline Collins) und Wilfred (Billy Conolly). Mit dem Film «Quartet» gab der Schauspieler Dustin Hoffman sein Debüt als Filmregisseur. ZVG

Führen Judi Dench und Maggie Smith die Teetasse an den Mund oder lassen Scones und Clotted Cream geniesserisch auf der Zunge zergehen, sind das schauspielerische Ereignisse. Die Damen sind Gigantinnen britischer Schauspielkunst – beide feiern im Dezember ihren 80. Geburtstag; beide prägen das britische Kino seit Jahrzehnten. Nicht verwunderlich, dass Dench und Smith in einigen der acht Filme erscheinen, die das Cinema Odeon von Oktober bis Mai 2015 im Rahmen seiner neuen Reihe Teatime präsentiert.

Stephan Filati (Leiter Film) freut sich über das Erstaunen seines Gegenübers. Teatime in Brugg? Will das Odeon britische Lebensart kopieren? Nein. Aufleben lassen hingegen schon. Filati weiss aus eigener Anschauung, wie sehr der Afternoon Tea in England, Wales, Schottland und Nordirland geschätzt wird, «gerade von der jungen Generation». Weshalb sollte das nicht auch in Brugg so sein – zumal in Verbindung mit britischen Filmen, die von gediegener Lebensart in gediegenen Landhäusern sprechen?

Betörend schöne Bilder

Tee gehört zwingend dazu; als edles Supplement gesellen sich die klassischen Scones mit Clotted Cream und Konfitüre dazu. «Das alles können wir hier anbieten, weil das Kulturforum Odeon Bar und das Forum übernommen hat», sagt Filati und erklärt damit, weshalb das Haus diesen Aufwand überhaupt leisten kann.

Bei Esther Keller (Barleitung) stiess Filatis Idee auf offene Ohren. Die von Liebhabern innig geliebten Scones werden nicht etwa von auswärts angeliefert, sondern selbst gebacken. «Derzeit probiert unser Frauenteam noch verschiedene Rezepte aus», sagt Filati. Tee und Scones sind eine feine Ouvertüre. Tüpfelchen auf dem i sind dann noch die 20-minütigen Minirezitals mit klassischer, britischer Musik um 16 Uhr – gespielt von Musikstudierenden. Dergestalt gestärkt geht das Publikum ins Kino, um sich Häusern, Parks und Meerlandschaften anheim zu geben, die in betörend schönen Bildern eingefangen sind.

Liest man Filmtitel wie «Jane Eyre», «Ladies in Lavender» oder «Sense and Sensibility» denkt man automatisch an eine Welt der Vergangenheit. Die 18-jährige Jane Eyre tritt beispielsweise eine Stelle als Gouvernante auf einem entlegenen Landsitz an; zwei Schwestern (Judi Dench und Maggie Smith) nehmen in Cornwall einen schiffbrüchigen jungen Polen (Daniel Brühl) auf; ein englischer Butler (Anthony Hopkins) ist seinem aristokratischen Arbeitgeber derart dienstbar, dass er die einzige grosse Liebe seines Lebens (Emma Thompson) verspielt.

Richtet sich die Reihe Teatime demnach an gesetztere Semester? «Wir denken schon an 30 plus», sagt Stephan Filati, fügt aber sogleich hinzu: «Mit ‹Quartet› und ‹Another Year› zeigen wir Filme, die im 21. Jahrhundert spielen und damit auch Jüngere ansprechen.» Gerade der letztgenannte Film fällt aus der Reihe. Der britische Regisseur Mike Leigh porträtiert das glückliche Paar Tom und Gerri, «dennoch ist sein Film ein zutiefst trauriges Werk», schreibt die «Zeit»-Kritikerin und bringt dieses so auf den Punkt: «Die Glücklichen mehren ihr Glück, die Unglücklichen dürfen dabei zusehen. Das ist die zutiefst pessimistische Aussage von ‹Another Year›.»