Bezirksgericht Brugg

Mord in Scheinehe: Verteidigung fordert Freispruch

Gericht Brugg Scheinehe mit Balken

Gericht Brugg Scheinehe mit Balken

Der Beschuldigte habe keine Scheinehe geführt, sondern seine Frau tatsächlich geliebt. Er sei auch keinesfalls ein Mörder, erklärte der Verteidiger am zweiten Prozesstag vor dem Bezirksgericht Brugg. Und forderte einen Freispruch für seinen Mandanten.

Rund zwei Stunden dauerte das Plädoyer von Pflichtverteidiger Patrick Bürgi. Die Vorwürfe gegen seinen Mandanten waren schwerwiegend. Die Staatsanwaltschaft hat den gebürtigen Kurden, der seit rund 20 Jahren in Schweiz lebt, wegen Mordes angeklagt und ihn unter anderem beschuldigt, eine Scheinehe mit einer Schweizerin eingegangen zu sein.

Mit dem einzigen Ziel, dadurch eine bleibende Aufenthaltsbewilligung zu erlangen. Als die Frau sich nach viereinhalb Jahren Ehe trennen wollte, brachte er sie, nach Ansicht der Staatsanwaltschaft um: Mit blossen Fäusten schlug er sie zu Tode. Entsprechend die Forderung: Lebenslängliche Freiheitsstrafe und der Täter soll verwahrt werden.

Echte Liebe, keine Scheinehe

Der Beschuldigte sei von Anfang an vorverurteilt gewesen, sagte der Verteidiger, eine alternative Betrachtungsweise habe bei der Klärung des Falles gar keine Chance gehabt. Wie eine alternative Betrachtungsweise aussehen könnte, zeigte der Verteidiger dann gleich selber auf.

So erklärte der Verteidiger, es habe sich keineswegs um eine Scheinehe gehandelt. Der Beschuldigte habe seine Frau tatsächlich geliebt. Seine andere Ehe, die gemäss Anklage noch in der Türkei bestand, sei nach islamischer Tradition längst geschieden gewesen.

Dass die Ehe mit der zehn Jahre älteren Schweizerin echt gewesen sei, zeige sich auch daran, dass sie doch mehrere Jahre funktioniert habe. Der Beschuldigte hätte unmöglich seiner Gattin so viele Jahre lang Liebe vorspielen können. Die beiden hätten zusammen gewohnt, seien zusammen in die Ferien vereist, er hätte sie sogar in die Türkei mitgenommen und ihr zwei seiner Söhne vorgestellt.

Wegen geplanter Trennung Frau ermordet: Türke vor Gericht

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2013 ermordete der Täter seine Frau, weil sie ihn verlassen wollte. Die beiden hatten eine Scheinehe geführt. Nun stand der Mann vor Gericht.

Dass es in Ehen irgendwann zu kriseln beginnt, sei normal. Dass der Beschuldigte seine Frau geschlagen habe, dass es zu Übergriffen gekommen sei, sei zwar nicht auszuschliessen, aber da stehe Aussage gegen Aussage.

Der Verteidiger stellte sich auch auf den Standpunkt, auch ohne Ehe hätte der Beschuldigte gute Chancen gehabt, in der Schweiz bleiben zu können; auch deshalb sei eine Scheinehe auszuschliessen. Eine Aussage, welcher die Staatsanwältin in ihrer Replik kategorisch widersprach.

Der Verteidiger verlangte zudem, dass die belastenden Aussagen, die ein Mithäftling gemacht hatte, nicht verwertet werden dürfen, da der Häftling unglaubwürdig sei und sich von seinen Informationen an die Staatsanwaltschaft einen Vorteil erhoffte. Ebenfalls sei das Gutachten, das bei dem Beschuldigten eine starke Persönlichkeitsstörung feststellte, stark zu relativieren, weil es ebenfalls auf Aussagen des Mithäftlings abstütze.

Dass sich der Beschuldigte nicht erinnern könne, wie es kam, dass plötzlich seine Frau tot und blutend neben ihm im Auto war, dürfe ihm nicht zur Last gelegt werden. Es gebe zwar Indizien, aber kein Geständnis und keine schlüssigen Beweise. Der Beschuldigte sei frei zusprechen und entsprechend zu entschädigen.

Kein Mord, höchstens Totschlag

Falls das Gericht aber trotzdem zu einem Schuldspruch käme, dann könne die Verurteilung nur wegen Totschlags erfolgen. Denn Mord sei das keineswegs gewesen. Es fehle das Motiv und ein geplantes Vorgehen. Eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahre sei angemessen, auf eine stationäre Massnahme soll verzichtet werden.

Die Staatsanwältin bezeichnete die Argumentation des Verteidigers als «unbeholfenen Versuch» und streckenweise «faktenfrei». Und in Richtung des Beschuldigten: Der Mann kenne nur eine Art von Liebe: die zu sich selbst.

Das Schlusswort des zweiten Verhandlungstages gehöre dem Beschuldigten, der wiederholte, was er an den beiden Tagen schon mehrmals gesagt hatte: «Ich habe nie etwas gemacht. Ich habe meine Frau geliebt.»

Dann schloss Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven die Verhandlung. Das Urteil soll in einer Woche verkündet werden.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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