Die 16-jährige Monja lebt seit vier Jahren im Kinderheim Brugg. Sie will genau wissen, wie das Leben funktioniert, und wird ab Sommer in Basel eine Lehre als Bio-Laborantin absolvieren. Während der dreijährigen Ausbildung kann sie im Lehrlingsheim leben. Die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren ist mit weissem Top, schwarzem Blazer und silberfarbenen Halskette sportlich-elegant gekleidet und wirkt beim Gespräch in der Attika – einem Sitzungszimmer im Empfangsgebäude – älter, als sie ist.

Im Sommer 2012 als Monja ins Kinderheim Brugg kam, gehörte sie zu den jüngsten der zehn Kinder in der Wohngruppe Saturn. Grund für ihren Heimeintritt war die schwierige Situation zu Hause: Die Mutter ist krank, weil sie am 19. Chromosom einen Gendefekt hat.

Der Vater lebt mit seiner neuen Familie anderswo. Monja steckte damals mitten in der Pubertät und interessierte sich nicht gross für die Schule. Beistand und Familienhilfe schlugen deshalb vor, Monja im Kinderheim in Obhut zu geben. Die Mutter willigte ein. «Ich hatte Horror vor dem Kinderheim», sagt Monja und lacht. Obwohl sie eigentlich scheu gewesen sei, hatte sie am Anfang mit ihrem persönlichen Betreuer «richtig Krieg». Sie rebellierte und liess sich nichts vorschreiben.

Der Betreuer ist noch der gleiche, doch die Situation hat sich komplett geändert. Monja merkte, dass es weniger Konflikte gibt, wenn man sich an die Regeln hält. Andernfalls drohen Straf-Ämtli wie den Abfall-Container rausschieben. Zu Beginn schlief Monja in einem Einzelzimmer. Nach drei Monaten konnte sie mit einer Freundin in ein Zweierzimmer umziehen. «Wir hatten es lustig. Manchmal herrschte ein Chaos.»

Die Wochenenden und Ferien verbringt Monja jeweils bei ihrer Mutter. Die 16-Jährige braucht diesen Ausgleich und geht gerne nach Hause. Da fühlt sie sich freier als im Heim. Denn: «In meiner Wohngruppe bin ich mittlerweile das älteste Kind und da will ich für die jüngeren ein gutes Vorbild sein», erklärt sie.

Schulisch tüchtig zugelegt

Monja besucht in Brugg die öffentliche Schule, zuerst die Sek und nun die 4. Bez: «Ich hatte Angst, dass ich mich in der Klasse erklären muss. Doch das Kinderheim wurde nicht gross thematisiert.» Aus ihrer Situation machte Monja auch nie ein Geheimnis. Damit ist sie bis heute gut gefahren. «Das Kinderheim ist ein Teil von mir.» Die angehende Bio-Laborantin hat schulisch also tüchtig zugelegt und überlegte sich eine Zeit lang, anschliessend die Kantonsschule zu besuchen. Bei den Hausaufgaben kann sie sich im Kinderheim jederzeit Hilfe holen. Eine Stütze, die ihr zu Hause oft fehlte. Monjas Lieblingsfach ist – kaum verwunderlich – Biologie. Sobald die Aufgaben erledigt sind, dürfen die Kinder das Handy holen und rausgehen. Wenn sich Monja mit ihren Schulkollegen trifft, heisst es dann meistens: «Wir sind in der Stadt.» Aktuell bereitet sich die Schülerin gewissenhaft auf die Abschlussprüfung an der Bezirksschule und einen Auftritt am Jubiläumsabend «150 Jahre Kinderheim Brugg» am 19. Mai im Campussaal vor.

Auch wenn sie die Lehrstelle seit Anfang Jahr auf sicher hat, muss sie dem Lehrbetrieb das Abschlusszeugnis nachreichen. «Es ist gut, wenn ich die Schule nicht vernachlässige, denn die Lehre wird anspruchsvoll werden», sagt die junge Frau, die nach der Lehre die Berufsmatura absolvieren will. Das Studium zur Genetikerin an der Fachhochschule ist Monjas Traum, um ihrem Berufsziel einen Schritt näher zu kommen. «Ich will verstehen, wie sich die DNA zusammensetzt und welche Rolle die Gene spielen.» Genau genommen ist es der Gendefekt ihrer Mutter, den Monja antreibt, bei der Entwicklung neuer Medikamente mitarbeiten zu wollen, um die Folgen solcher Defekte zu behandeln. Ein Untersuch brachte übrigens zutage, dass Monja den Gendefekt ihrer Mutter nicht geerbt hat.

8 Franken Sackgeld pro Woche

Rückblickend ist die Bez-Schülerin überzeugt, dass ihr der Aufenthalt im Kinderheim etwas gebracht hat: «Ich habe mich verändert. Ich bin selbstständiger geworden und habe schulisch profitiert.» Auch die Beziehung zur Mutter sei besser und lockerer geworden. Monja findet die Regel super, dass die Heimkinder das Handy nicht in die Schule mitnehmen dürfen. «Wir sollten wieder mehr persönlich miteinander sprechen und nicht die ganze Zeit am Handy hängen.» Ausser für die Schule dürfen die Kinder pro Tag eine halbe Stunde im Internet surfen. WLAN gibt es in der Wohngruppe nicht. Das Sackgeld variiert je nach Schulklasse und wird monatlich ausbezahlt. Pro Woche stehen Monja 8 Franken zu. Als Geburtstagsgeld gibt es 25 Franken.

Und wo gibt es im Heim Verbesserungspotenzial? Monja überlegt und sagt: «Die Betreuer sollten die grösseren Kinder in Sachen Hausaufgaben gleich streng kontrollieren wie die kleinen. Hier leben einige, die ziemlich clever, aber sehr faul sind.» Die 16-Jährige findet, dass man diese Kinder besser fördern sollte und misstrauisch werden müsste, wenn sie nicht lernen. «Früher machte ich auch nie etwas für die Schule. Ich habe dann selber gemerkt, dass das nicht gut ist.»

Die Wohngruppe Saturn ist vor wenigen Monaten in eine andere Liegenschaft in der Nähe umgezogen. Monja hat mit zwei jüngeren Mädchen freiwillig ein Dreierzimmer bezogen. Der Abschied im August werde ihr schwerfallen. Sie habe sich fest vorgenommen, regelmässig auf Besuch zu kommen, sagt sie und macht sich zu Fuss auf den Rückweg in die Wohngruppe. Ihre langen Haare wehen offen im Wind.