Brugg

Mobile Tierärztin setzt auf chinesische Medizin – Nadeln und Kräuter helfen auch den Tieren

Tierärztin Gaby Meier betreut Hündin Anja.

Tierärztin Gaby Meier betreut Hündin Anja.

Mit ihrer fahrenden Tierarzt­praxis bedient die Bruggerin Gaby Meier den ganzen Kanton Aargau. Die mobile Tierärztin setzt bei ihrer Arbeit mehr und mehr auf die chinesische Medizin.

Hündin Anja geht es nicht gut. Zusammengekauert liegt sie in einer Ecke des Wohnzimmers. Der ursprünglich aus Italien stammende Schäfer-Collie- Mischling hat bei Familie Falk in Tegerfelden ein liebevolles Zuhause gefunden. Die 16-jährige Hundeoma leidet nebst einem Vestibularsyndrom, einer Erkrankung des Gleichgewichtsorgans, und Arthrose an Verdauungsproblemen. «Das kann eine Nebenwirkung der Schmerzmittel sein, die sie bekommt», sagt die mobile Tierärztin Gaby Meier, die Anja vor Ort betreut.

Rund 25000 Kilometer legt Meier jährlich im Auto zurück. Mit ihrer fahrenden Tierarzt­praxis bedient die Bruggerin den ganzen Kanton Aargau. Büsi, Hund oder Meerschweinchen müssen so für den Arztbesuch ihr gewohntes Umfeld nicht verlassen.

Vor 26 Jahren, am 1. August 1994, eröffnete sie als eine der ersten in der Schweiz eine mobile Praxis. Nach dem Studium der Veterinärwissenschaft an der Universität Zürich war sie als Assistentin in mehreren Grosstierpraxen in der Ostschweiz tätig. Kühe und Rinder liegen der 56-Jährigen noch immer am Herzen. Da es für eine Frau damals jedoch schwierig war, im Grosstierbereich Fuss zu fassen, widmete sie sich den Kleintieren. Ihre Coiffeuse brachte sie auf die Idee, anstelle einer fixen Praxis eine mobile einzurichten. Als Tochter des Bildhauers Meier war sie die erste Akademikerin in der Familie. Meier selber besitzt keine Haustiere. Sie wohnt an der Annerstrasse in Brugg und lagert die Medikamente und Utensilien der mobilen Praxis in ihrem Keller.

Während Lockdown hat Nachfrage zugenommen

Rund 90 Prozent der Tiere, die Meier behandelt, sind Katzen. Aber auch Hunde und Nager besucht die Tierärztin zu Hause. Die Gründe dafür sind vielfältig: Katzen, die sich nicht einfangen lassen, Hunde, die nicht ins Auto einsteigen wollen, oder Besitzer, die nicht mobil sind. «Ein Transport ist für viele Tiere – und nicht zuletzt deren Besitzer – oftmals mit sehr viel Stress verbunden», sagt Meier. Operationen führt sie mittlerweile keine mehr durch. Sie empfiehlt sich für Impfungen, Behandlungen und Beratungen vor Ort sowie das Scheren und die Verarztung kleinerer Verletzungen.

Während des Lockdowns hat die Nachfrage nach Terminen schlagartig zugenommen. Einerseits aufgrund der Weisung des Bundes, möglichst das Haus nicht zu verlassen, andererseits wegen der Unsicherheit, ob Tierarztpraxen überhaupt offen sind, vermutet Gaby Meier. Manche Kunden trauten sich nicht, in der Coronazeit die Tierärztin ins Haus zu lassen. «Eine ältere Kundin liess die Katze von ihrem Sohn abholen und bei ihm behandeln», sagt sie. Mittlerweile habe sich die Situation wieder stabilisiert, dennoch erhält Meier vermehrt Anfragen von Neukunden.

Urplötzlich trat Allergie gegen Tiere auf

«Mit 40 wollte ich nochmals etwas Neues lernen», sagt Meier. So befasste sie sich in Kursen mit der chinesischen Medizin. Ihr selbst hat die Akupunktur ge­holfen, ihre Allergie gegen ­sämtliche Tiere loszuwerden, die urplötzlich auftrat. Die chinesische Kultur hat es Meier mittlerweile angetan. Sie lernte Tai-Chi und hat das Reich der Mitte schon mehrmals besucht. Unterdessen spricht sie gar Mandarin.

Oftmals wird sie von verzweifelten Tierhaltern gerufen, bei deren Tieren die klassische Medizin versagt hat. Mit Akupunktur und Kräutertherapie liessen sich gar Krebs und Herzschäden heilen, sagt Meier. Die komplementären Methoden setzt sie zusätzlich zur konventionellen Therapie ein, fokussiert sich aber mehr und mehr auf die chinesische Medizin. «Der Vorteil daran ist, dass Akupunktur und Kräutertherapie als ganzheitliche Therapien Körper, Seele und Geist behandeln», sagt Meier. Vor allem Katzen würden sehr gut auf die chinesische Medizin ansprechen.

Alles lässt sich aber dennoch nicht mit den alternativen Methoden behandeln. So muss für die Entwurmung auf die konventionelle Wurmpaste zurückgegriffen werden. Eindrücklich schildert sie, wie auch eine Euthanasie mittels Akupunktur funktionieren kann: «Sämtliche Meridiane werden geöffnet und so, ganz ohne Chemie, dem Tier der letzte Gang erleichtert.» Hündin Anja ist allerdings noch nicht bereit für ihre letzte Reise. Nach einer 15-minütigen Akupunkturbehandlung zeigt sie sich sichtlich munterer. Gaby Meier ist optimistisch, ihr mit zwei, drei weiteren Terminen wieder auf die Beine helfen und ihr so den Lebensabend verschönern zu können.

Meistgesehen

Artboard 1