Bezirkgsgericht Brugg
Mitbewohner mit Messer abgestochen – Freiheitsstrafe für Eritreer

Weil der eine schon schlief und der andere das Licht anmachte, kriegten sich zwei Asylbewerber in die Haare. Bis einer der beiden mit dem Messer zustach.

Marina Bertoldi
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Über acht Zentimeter tief rammte Birhan das Messer in den Rücken seines Mitbewohners

Über acht Zentimeter tief rammte Birhan das Messer in den Rücken seines Mitbewohners

Getty Images/iStockphoto

Negus (alle Namen geändert) verbringt den Sommerabend im Juni 2015 mit seinen Mitbewohnern und ein paar Bier am Aareufer in Brugg. Bereits um 20 Uhr macht er sich auf den Weg zurück in die Asylunterkunft Wildischachen. Dort angekommen isst er etwas und geht schlafen. Zwei Stunden später steckt ein Rüstmesser 8,5 Zentimeter tief in seinem oberen Rücken. Wie es dazu kommen konnte, versuchte das Bezirksgericht Brugg nun zu klären.

Als Beschuldigter vorgeladen war Birhan, 24-jähriger Eritreer und Zimmergenosse von Negus. Er ist am besagten Abend stark alkoholisiert in die Unterkunft gekommen und mit Negus in einen Streit geraten. Daraufhin hat er ihm das Rüstmesser hinterlistig in den Rücken gestossen – so die Theorie der Staatsanwaltschaft.

Zufall, dass er überlebte

Birhan schilderte die Situation etwas anders. «Negus hat angefangen», sagte er zu seinem Übersetzer. Er blickte zur Decke. «Nur wegen des Lichts.» Als er im gemeinsamen Schlafzimmer Licht angemacht habe, sei Negus aufgewacht und habe ihn gebeten, das Licht zu löschen. Der betrunkene Birhan kam diesem Wunsch nicht nach. «Da ist Negus aggressiv geworden. Er hat mich gepackt und gestossen und gesagt, ich solle nach draussen kommen.»

Vor der Asylunterkunft ging der Streit weiter, bis er schliesslich eskalierte. Das Resultat: Mindestens eine zerbrochene Bierflasche, Biss-, und Kratzwunden bei beiden Beteiligten und der Messerstich in Negus Rücken, der zu einer Verletzung der 6. Rippe und einem Haemato-, sowie Pneumothorax führte. Das hätte Negus das Leben kosten können. Wie durch ein Wunder schwebte er aber zu keiner Zeit in Lebensgefahr.

«Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ein Messer dabei hatte», sagte Birhan. Negus habe er nichts antun wollen. Er habe zwar vor dem Streit in der Küche ein Rüstmesser geholt, um den Bierkarton von seinem Gepäckträger loszuschneiden, den er mit Schnur befestigt hatte. «Danach weiss ich nicht, wo ich das Messer hingelegt habe.» Es könne sein, dass er es auf den Tisch im Korridor gelegt habe.

«Im Zweifel für den Angeklagten»

Auf diesen Zug sprang auch sein Verteidiger auf. Die Verletzung könne auch durch eine Glasscherbe verursacht worden sein. Im ärztlichen Gutachten stehe, dass es sich bei der Tatwaffe «am ehesten» um ein Messer gehandelt habe. Bewiesen sei das aber nicht. Und sollte das Gesamtgericht doch davon ausgehen, dass die Tatwaffe ein Messer war, könne es auch gut sein, dass die Stichverletzung im Gerangel entstanden sei. Dann zum Beispiel, als Birhan und Negus beide auf dem Boden lagen. Nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» müsse er als Anwalt in diesem Fall nichts beweisen, sondern bloss Unsicherheit streuen.

Anlass zu Zweifeln gab es genug. Sowohl die Aussagen des Beschuldigten als auch des Opfers waren durchzogen mit Widersprüchen. So sprach Negus in der ersten Einvernahme davon, dass Birhan ihm während des Streits in den Rücken gestochen habe. Drei Antworten später sagte er, er habe erst als er weggehen wollte und sich abdrehte einen Stich im Rücken verspürt. Im Zuge der Untersuchungen verweigerte er die Aussage später praktisch völlig. Er wolle Birhan gar nicht mehr bestraft sehen. Nun, da er wieder gesund ist, sei das Ganze für ihn abgeschlossen.

Drei Jahre Freiheitsstrafe

Für einen Freispruch reichten die Ungereimtheiten dennoch nicht aus. Das Gericht verurteilte Birhan wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu drei Jahren Haft. Die Hälfte davon muss er absitzen. Es gebe keinen Zweifel daran, dass Birhan mit dem Messer zugestochen und damit den Tod seines Mitbewohners in Kauf genommen hat, so die Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven. Normalerweise sieht die Rechtsprechung für eine versuchte Tötung 5 bis 20 Jahre Haft vor. Da Birhan aber noch sehr jung ist, keine Vorstrafen hat und zu der Tat keinen direkten Vorsatz hatte, soll er laut Gericht nochmals eine Chance bekommen. Wie sich das Urteil auf Birhans Asylverfahren auswirkt, ist noch unklar.