Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft an die Adresse von Jeton (Name geändert) waren happig: Elf Jahre lang soll er sich eine IV-Rente erschlichen haben, indem er den Ärzten und der Sozialversicherungsanstalt (SVA) Aargau vortäuschte, er leide an einer psychischen Krankheit. Er erhielt sowohl von der IV, der Krankentaggeldversicherung und der Pensionskasse Gelder in der Höhe von fast einer halben Million Franken. Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautete auf gewerbsmässigen Betrug, gefordert wurden 36 Monate unbedingte Freiheitsstrafe.

Laut Anklageschrift begann alles im Jahr 2003. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete der Beschuldigte in einem Restaurant in der Region als Hilfskoch. Im Februar 2003 wurde Jeton wegen Ausbleiben der Gäste die Kündigung in Aussicht gestellt. Als Folge davon suchte Jeton seinen Hausarzt auf. Gegenüber diesem gab er an, seit kurzem ängstlich, kraft- und antriebslos zu sein sowie unter Wahnvorstellungen zu leiden. Konkret sollen ihm kleine Teufel erscheinen. Der Arzt und später auch ein Psychiater attestierten Jeton eine psychische Krankheit und damit eine volle Arbeitsunfähigkeit.

Observation überführte ihn

Im Oktober 2003 meldete sich Jeton bei der IV-Stelle an. Dort teilte er mit, er leide an einer Schizophrenie mit Wahnvorstellungen und belegte das mit seinen Arztbesuchen. Auf den 1. Februar 2004 erhielt Jeton eine volle Invalidenrente sowie zwei Kinderrenten, total monatlich 2125 Franken. Im Laufe der Jahre überprüfte die SVA Aargau regelmässig, ob eine IV-Rente noch angebracht war. Bei den Nachfragen teilte Jeton jeweils mit, er sei nach wie vor psychisch krank und damit zu 100% arbeitsunfähig und belegte das mit seinen Arztbesuchen. Jeton gab weiter an, beim An- und Auskleiden, beim Aufstehen, Absitzen und Abliegen, beim Essen, bei der Körperpflege, beim Verrichten der Notdurft und bei der Fortbewegung auf die andauernde Hilfe von Drittpersonen sowie auf eine andauernde Beobachtung angewiesen zu sein.

2007, 2009, 2013 und 2015 wurde Jeton von Mitarbeitern der SVA Aargau zu Hause besucht. Bei diesen Besuchen sass oder lag er meistens apathisch auf dem Sofa und beantwortete die Fragen an ihn wirr, gar nicht oder stellte sich schlafend. Seine Angehörigen gaben an, sein schlechter Zustand habe sich nicht verändert, und Jeton habe seine Selbstständigkeit weitgehend verloren.

Gemäss Anklageschrift soll Jeton aufgrund des bevorstehenden Verlusts seiner Arbeitsstelle die psychische Erkrankung nur vorgetäuscht haben, um in Form von Versicherungsleistungen wieder an ein geregeltes Einkommen zu gelangen. Jeton auf die Schliche kam die SVA Aargau dank einer Observation. An sieben Tagen im Frühjahr 2015 wurde Jeton überwacht. Dabei konnte beobachtet werden, wie er alleine das Haus verliess, alleine Einkäufe erledigte, zusammen mit seiner Ehefrau in einem Migros-Restaurant ass und dabei sein Tablet selber trug und sich angeregt mit anderen Leuten unterhielt. Die Observation widerlegte somit Jetons Behauptung, schizophren und auf andauernde Hilfe angewiesen zu sein.

Vor Gericht sass ein älterer Mann mit Mütze, schwarzer Brille und schwarzer Winterjacke, der seinen Blick meist gesenkt hielt und abwesend wirkte. Obwohl der heute 65-Jährige mit 22 Jahren aus dem Kosovo in die Schweiz zum Arbeiten kam, spricht er nicht gut Deutsch und benötigte einen Dolmetscher. Auf die Fragen des Gerichts antwortete er mit klarer Stimme, schweifte aber manchmal ab. Er lief selbstständig in den Gerichtssaal. Auf die Frage von Gerichtspräsidentin Gabriele Kerkhoven nach seinem Gesundheitszustand antwortete Jeton, er sei krank, habe Bluthochdruck, sei depressiv und müsse Hunderte von Tabletten nehmen. «Momentan lebe ich von einer AHV-Rente in der Höhe von 1200 Franken», erklärte er.

«Ich habe immer arbeiten wollen, aber der Arzt sagte, ich solle nicht», sagte Jeton. Es sei der Arzt gewesen, der ihn bei der IV angemeldet habe, er habe das gar nicht gekannt. Auf die Frage, warum es ihm heute plötzlich besser gehe, hatte Jeton keine schlüssige Antwort. Eines Morgens 2015 sei es ihm unvermittelt wieder gut gegangen und er konnte selber laufen. An die Besuche der IV könne er sich nicht erinnern. Vehement stritt er ab, jemals etwas vorgespielt zu haben. Auch die 46 Kasinobesuche im Verlauf von fünf Jahren und seinen Gewinn in der Höhe von 40 000 Franken verneinte er. Sein Pflichtverteidiger forderte indessen wenn nicht einen Freispruch dann eine bedingte Freiheitsstrafe.

Leichtfertige Diagnose

An der Gerichtsverhandlung sagte ein Sachverständiger aus, der ein Gutachten über Jetons Schizophrenie erstellt hatte. Der seit knapp 40 Jahren tätige Psychiater ist der Meinung, dass die Diagnose von Jetons Hausarzt im Jahr 2003 falsch war. «Die Albträume des Beschuldigten sind wohl da gewesen, aber dieses Symptom alleine reicht nicht aus für die Diagnose einer Schizophrenie.» Seiner Ansicht nach habe der Hausarzt äusserst leichtfertig ein Zeugnis über Jetons Arbeitsunfähigkeit ausgestellt. Dieser habe wohl zu Hause bei den Besuchen der SVA Aargau ein völlig überzeichnetes Bild von sich gezeigt, doch auch die Medizin mit ihrer Fehleinschätzung sei mitschuldig am Ganzen.

Nach einer fast vierstündigen Urteilsberatung verkündete Gerichtspräsidentin Kerkhoven: Jeton wird zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten bei einer Probezeit von drei Jahren verurteilt. Zudem muss er eine Busse in der Höhe von 4000 Franken zahlen, bei deren Nichtbezahlung eine Ersatzfreiheitsstrafe von 40 Tagen erfolgt. «Der Beschuldigte hat eine hohe kriminelle Energie und keine Reue gezeigt. Alle anderen waren schuld», sagte die Gerichtspräsidentin. Mit den Worten, dass auch die Ärzte eine Mitschuld tragen würden, schloss sie die zehnstündige Verhandlung.