Villigen

Mit ihren edlen Tropfen räumt diese Aargauerin gleich reihenweise Preise ab

Winzerin Judith Schödler aus Villigen setzt auf neue, robuste Rebsorten – mit Erfolg.

Mit fünf Weinen hat Winzerin Judith Schödler aus Villigen am internationalen Wettbewerb für Weine aus pilzwiderstandsfähigen Rebsorten teilgenommen. Gleich fünf Preise hat sie eingeheimst: viermal Gold und einmal Silber. Mit einem so durchschlagenden Erfolg hat sie nicht gerechnet. «Das ist eine schöne Überraschung, über die wir uns sehr freuen.»

Ein paar Sonnenstrahlen drücken durch den zähen Hochnebel an diesem milden Novembernachmittag, in den Rebbergen ist es ruhig geworden. Gut gelaunt führt die 46-Jährige durch ihr Weingut, durch den liebevoll eingerichteten Verkaufsladen sowie das angrenzende Event- und Kurslokal «Genuss-Schüür». Auf der gegenüberliegenden Seite der Kumetstrasse befinden sich die blitzblanken Stahltanks im Keller der einstigen Dresch-Scheune sowie nur ein paar wenige Meter daneben der alte Gewölbekeller mit den Holzfässern. Früher wurden hier Kartoffeln gelagert. Schödlers preisgekrönter Villiger Adagio Cuvée Cabernet, ein würziger, körperreicher Rotwein, wurde in ebendiesen Holzfässern ausgebaut.

Die Auszeichnungen am ­Piwi-Weinpreis seien einerseits eine schöne Bestätigung für die geleistete Arbeit sowie andererseits eine wichtige Standort­bestimmung. «Durch das Urteil der Fachjury wissen wir, wo wir im internationalen Vergleich stehen», sagt Judith Schödler mit einem ansteckenden Lachen. Für viele ihrer Kunden, ist sie sich bewusst, sind die Gold- und Silber-Auszeichnungen zweitrangig. «Sie kaufen weiterhin denjenigen Wein, der ihnen am besten schmeckt.»

Nach Auslandaufenthalt übernahm sie das Weingut

Dass sie dereinst das Weingut ihrer Eltern Marie-Therese und Ruedi Schödler übernehmen wird, war nicht geplant. Aufgewachsen auf dem damaligen Bauernhof, habe sie als Jugendliche in den Reben mit anpacken müssen – «im Sommer, wenn die anderen in der Badi waren», erzählt Judith Schödler. Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin für Textiles Werken reiste sie 1997 für einen Sprachaufenthalt in die Karibik – und blieb zwölf Jahre lang in der Dominikanischen Republik, wo sie im Tourismusbereich tätig war.

Während Ferien in der Heimat kam die Sprache auf die Nachfolge für ihre Eltern. «Wieso eigentlich nicht?», fragte sich Judith Schödler, denn ihre Geschwister hätten entweder das Interesse oder die Möglichkeit nicht gehabt für eine Übernahme. Zusammen mit ihrem damaligen Mann verlegte Judith Schödler ihren Wohnsitz wieder in die Schweiz, packte ihre Zweitausbildung als Winzerin an und schloss diese 2012 erfolgreich ab.

Seit 2014 trägt sie die Verantwortung für den Betrieb. «Meine Eltern traten in die zweite Reihe zurück, helfen aber nach wie vor tatkräftig mit.» Ihr Vater, fährt Judith Schödler fort, sei ein Tüftler, kenne alle Maschinen, sei interessiert an neuen Techniken und Rebsorten, besuche Kurse und Degustationen. «Diese Unterstützung ist äusserst wertvoll.»

Es braucht Erfahrung und Durchhaltewillen

Ihr Vater war es auch, der seinerzeit vom gemischten Landwirtschaftsbetrieb komplett auf Weinbau umstellte. 1989 legte er die Prüfung als Winzermeister ab. Schon damals pflanzte er auf einer kleineren Fläche als Versuch eine pilzwiderstands­fähige Rebsorte an. «Wie meinem Vater liegt mir ein ökologischer Weinbau am Herzen. Ich habe seine Philosophie übernommen, will möglichst nachhaltig und naturnah produzieren», sagt Judith Schödler. Denn es gelte, den teilweise 30 Jahre alten Reben grosse Sorge zu tragen, den Boden schonend zu bearbeiten. In den begrünten Rebbergen könnten Flora und Fauna geschützt werden, erklärt die sympathische Winzerin.

2,2 Hektaren gross sind die Rebflächen. Die eine Hälfte befindet sich gegenüber dem Paul-Scherrer-Institut, die andere auf dem Weg nach Mandach. Zwei weitere Hektaren Land besitzt Judith Schödler auf einem Feld in Villigen. Hier habe sich die Gelegenheit geboten, einen Sortengarten anzulegen sowie Unterlagenholz für eine Rebschule herzustellen.

Der Vorteil ihrer neuen Rebsorten sei, dass weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt, weniger häufig gespritzt werden müsse. Zwar ein überzeugendes Konzept, aber: Gefragt seien viel Erfahrung und viel Durchhaltewillen, gibt Judith Schödler zu bedenken. Es könne einige Jahre dauern – «pro Saison haben wir nur einen Versuch» –, bis das Resultat im Glas überzeuge. Eine weitere Herausforderung bestehe darin, die neuen Weine bekannt zu machen, zu zeigen, dass aus diesen Rebsorten gute Tropfen hergestellt werden können. «Viele kaufen nur das, was sie bereits kennen», weiss Judith Schödler.

Es kann nicht immer alles perfekt sein

Die Winzerin liebt die Viel­seitigkeit. «Das Schönste ist, wenn ich draussen in den Reben arbeiten kann – also genau das, was mir als Jugendliche überhaupt nicht zugesagt hat. Heute geniesse ich die Ruhe in der Natur, die Tätigkeit mit den Händen. Das erdet ungemein.» Die einzelnen Arbeitsschritte wiederholen sich zwar, fügt Judith Schödler an. Aber die Bedingungen seien immer wieder unterschiedlich.

Spannend sei es, ein Produkt von Anfang bis Ende komplett selber herstellen zu können – mit der Ernte als Höhepunkt im Jahr. Ein Vorteil sei in ihrem Familienbetrieb, dass die Entscheidungswege kurz seien. Eine Schattenseite, antwortet sie auf die entsprechende Frage, könnten die manchmal langen Arbeitstage sein. Sie habe lernen müssen, gelassener zu werden, nicht immer alles perfekt machen zu wollen. Das sei auch gar nicht möglich mit ihren zwei Kindern im Alter von 6½ und 10 Jahren, dem Haushalt, dem Betrieb samt Bed & Breakfast sowie den unterschiedlichen Angeboten und Anlässen.

Sie vermittelt ein Erlebnis rund um den Weinbau

An diesen will sie aber festhalten. Sie brauche verschiedene Standbeine für ihren Betrieb, führt sie aus, und wolle den Leuten ein Erlebnis bieten rund um den Weinbau: mit einem Picknick im Rebberg beispielsweise, einer Ladies Night, dem Kurs «Winzer für ein Jahr» oder der Möglichkeit, eine Rebstock-Aktie zu erwerben. Bei Letzterer gibt es übrigens eine Dividende in flüssiger Form. Sie geniesse diese direkten Kontakte, den Austausch, sagt Judith Schödler. «Ich mag es, den Leuten das Hintergrundwissen zu vermitteln und ihnen unsere Region näherzubringen, in der ich mich sehr wohl fühle.»

Die Auszeichnungen am Weinpreis zeigen der Winzerin, dass sie auf dem richtigen Weg ist. «Neue, robuste Rebsorten sind die Zukunft», ist sie überzeugt. «Das Klima wird immer schwieriger. Es gibt immer häufiger trockene oder nasse Sommer.» Trotz schwierigen Bedingungen: 2019 sei wieder ein guter Jahrgang, freut sie sich. «Es gibt charaktervolle und spannende Weine.»

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Autor

Michael Hunziker

Michael Hunziker

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