Birr/Brugg

Mit ihrem Sohn bringt Sie Freude ins Leben von Asylsuchenden

Silvia Brühlmeier mit ihrem Sohn Leo auf dem Sitzplatz bei ihnen zu Hause in Birr. Sie bringen etwas Licht ins Leben der Asylsuchenden. Sandra Ardizzone

Silvia Brühlmeier mit ihrem Sohn Leo auf dem Sitzplatz bei ihnen zu Hause in Birr. Sie bringen etwas Licht ins Leben der Asylsuchenden. Sandra Ardizzone

Silvia Brühlmeier hat sich entschieden, ihre freie Zeit mit Asylsuchenden zu verbringen, zumal sie gerade über einem Asylzentrum wohnt. – Ihre einzige Bedingung war: «Es muss möglich sein, dass ich mein Kind mitnehmen kann.»

Kinder hat sie eigentlich erwartet. Kinder von Asylsuchenden, mit denen sie basteln kann. Silvia Brühlmeier (29) wäre als Kindergartenlehrperson prädestiniert für die Betreuung von Kindern.

Doch stattdessen sind es nun Männer, eritreische Männer vor allem, die ins «contact» – dem Treffpunkt für Asylsuchende in Brugg –, kommen und den Austausch mit Einheimischen suchen. Doch das ist Silvia Brühlmeier egal. Sie verbringt gerne Zeit mit ihnen.

Seit Sohn Leo (10 Monate) auf der Welt ist, arbeitet Silvia Brühlmeier in einem 30-Prozent-Pensum als Kindergartenlehrperson in Wohlen. Doch das reichte ihr nicht. Sie wollte etwas Sinnvolles mit ihrer freien Zeit anstellen.

Bereits als sie noch in einem 100-Prozent-Pensum arbeitete, gab es vieles, das sie sonst noch interessiert hätte. «Doch ich hatte damals schlicht keine Zeit, mich in der Freizeit zu engagieren.»

Jetzt hat sie die Zeit. Und so machte sie sich auf die Suche nach einem Ehrenamt – und wurde mit dem «contact», das seit August 2015 jeweils montags im «Pic» in Brugg stattfindet, fündig.

Ihre Bedingung war: «Es muss möglich sein, dass ich mein Kind mitnehmen kann.» Ein Fahrdienst oder etwas Ähnliches kam also nicht infrage. Eine Kollegin im Mütter-Fitness-Kurs erzählte Silvia Brühlmeier dann von «contact», das vom Verein Netzwerk Asyl Aargau initiiert wurde.

Das war der eine Grund, warum sie sich am Ende fürs «contact» entschied. Der zweite Grund: «Wir wohnen gleich oberhalb des Asylzentrums in Birr. Wenn ich an tristen Herbsttagen jeweils da vorbeispaziert bin, fragte ich mich, wie die Bewohner der Asylunterkunft ihren Alltag gestalten oder wie sie mit der Langeweile umgehen», erklärt Silvia Brühlmeier. Auch das habe sie dazu bewogen, sich im Asylbereich zu engagieren. «Obwohl mir klar war, dass es gerade ‹in› ist, sich für Flüchtlinge einzusetzen.»

Unsicherheit am Anfang

Eine gewisse Unsicherheit begleitete die junge Mutter am Anfang. «Ich war mir zuerst nicht sicher, ob es wirklich das Richtige ist für mich», sagt Silvia Brühlmeier am Holztisch bei ihr zu Hause in Birr.

«Ich wusste auch nicht, ob es mit Leo klappt.» Doch schon nach den ersten Einsätzen war für die zierliche Frau klar: «Das geht. Und das macht Spass.» Spass – den hat auch Söhnchen Leo. Der Kleine kennt keine Berührungsängste, keine Scheu.

Die Besucherinnen der az strahlt er unentwegt an, versucht, deren Taschen oder Rucksäcke auszuräumen, quietscht zwischendurch fröhlich. Leo ist auch für die Asylsuchenden so etwas wie ein Lichtblick.

Er ist der heimliche Star im «contact». Der Bub mit den blonden Haaren und den blauen Augen wird an den Montagnachmittagen regelrecht umschwärmt. Die Asylsuchenden knuddeln ihn, stecken ihm hin und wieder Kuchen oder Fruchtstücke zu, knipsen ein Selfie nach dem anderen.

«Dank Leo komme ich immer rasch ins Gespräch mit den Menschen», sagt Silvia Brühlmeier. «Die Asylsuchenden interessieren sich jeweils auch, wie die Kindererziehung hier abläuft. Und ich erfahre dann, wie es in anderen Kulturen vonstattengeht.» Dieser kulturelle Austausch sei es unter anderem, der sie an ihrer Arbeit fasziniert. Unwohl ist ihr nicht, wenn Leo so umschwärmt wird.

Für «contact» steht Silvia Brühlmeier vor allem in der Küche. Gemeinsam mit einer asylsuchenden Frau und weiteren Freiwilligen schenkt sie Kaffee aus, bereitet die Fruchtplatten vor oder backt hin und wieder auch einen Kuchen.

Gibt es in der Küche nicht viel zu tun, setzt sie sich zu den Asylsuchenden in den Aufenthaltsraum, bespricht mit ihnen die Hausaufgaben aus dem Deutschunterricht, macht Gesellschaftsspiele oder unterhält sich mit den Anwesenden.

«Der Austausch ist enorm wichtig», findet sie. «Die Asylsuchenden sollen die Möglichkeit haben, ihr Deutsch zu trainieren.» So versucht sie zwischendurch, Gespräche über den Smalltalk hinaus zu führen, was nicht ganz einfach sei.

Keine rosarote Brille

Obwohl Silvia Brühlmeier mit viel Herzblut dabei ist, trägt sie keine rosarote Brille. «Ich habe schnell gemerkt, dass diese Flüchtlinge genauso Menschen sind wie wir», sagt sie. «Auch unter ihnen gibt es – genau gleich wie bei uns – solche, die motiviert sind, vollen Einsatz geben.

Und es gibt andere, von denen wenig bis nichts kommt.» Da müsse man dranbleiben und versuchen, diese Leute aus ihrer Isoliertheit herauszuholen. Sie fragt sich auch, wie die Schweiz mit der Flüchtlingswelle umgehen soll.

«Es macht mich aber wütend, wenn die Leute sagen, dass wir jetzt genug Asylsuchende haben», sagt sie. «Die wenigsten von denen, die das sagen, hatten Kontakt mit diesen Menschen. Sie wissen eigentlich gar nicht, wer diese Menschen sind.»

Ihr Engagement hat sie bisher noch keine Minute bereut. Im Gegenteil: Sie möchte im neuen Jahr noch häufiger im «contact» anwesend sein. «Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich etwas Sinnvolles tue.»

Und am Ende ist das ja auch ein gutes Vorbild für Söhnchen Leo. Silvia Brühlmeier wünscht sich, dass er irgendwann begreift, dass Arbeit nicht immer nur mit Geld abgegolten werden muss.

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