Edelkrebszucht
Mit einem Cervelat fängt Paul Hiltpold zum letzten Mal Krebse

Seit 10 Jahren geht Paul Hiltpold in Scherz auf Krebsfang. Die az hat ihn auf seiner letzten Tour begleitet und dabei erfahren, dass nicht nur Edelkrebse in den Reusen hängen bleiben.

Janine Müller
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Paul Hiltpold nestelt in seinem Portemonnaie und klaubt dann einen gelben Zettel – faltig und dreckig vom häufigen Herausnehmen und Wieder einstecken – hervor. «Ausweiskarte für Fischereiaufseher» steht darauf, daneben das Wappen das Kantons Aargau.

319 Edelkrebse...

... haben Paul Hiltpold und Hans Gloor dem Verantwortlichen des Kantons überreicht. In diesem Jahr wurde für den Kanton Aargau nur einmal nach Krebsen gefischt. Normalerweise sind es zwei- bis dreimal pro Jahr. Dann kommen insgesamt jeweils mindestens 500, in Spitzenjahren gar bis zu 1500 Krebse zusammen.

Auch das Passfoto von Paul Hiltpold prangt auf dem Zettel, darunter stehen der Name und die Adresse. Der Ausweis ist Paul Hiltpolds Stolz. Vor zehn Jahren erhielt er ihn. Er berechtigt den Birrer dazu, die Edelkrebse im Büselweiher und im oberen Weiher in Scherz zu beaufsichtigen und als Fischereiaufseher in der Region zu amten.

Wir treffen Paul Hiltpold (82) und seinen Helfer Hans Gloor (74) bei der Mühle Scherz. Der Besitzer der Mühle, Hanspeter Meyer, hatte um das Jahr 2000 herum die Idee, in den beiden zur Mühle gehörenden Weiher Edelkrebse anzusiedeln. «Ich fragte damals beim Zuständigen des Kantons an, dieser brachte 50 Edelkrebse vorbei», erinnert sich Hanspeter Meyer an die Anfänge.

Kannibalische Krebse

Die Krebse wurden im Oberen Weiher bei Scherz ausgesetzt und dann fünf Jahre in Ruhe gelassen. Erste Testfänge zeigten: Die Krebse vermehrten sich gut. Zwischen 50 und 70 Stück wurden dem Weiher entnommen und anderswo verteilt.

In den folgenden zwei Jahren überliess man die Tiere wieder sich selbst, bis man vor zwölf Jahren erneut Testfänge machte und entdeckte, dass sich die Krebse derart vermehrt haben, dass sie sich selbst schaden. «Die Experten fanden 72 Krebse in fünf Reusen. Das war dann doch des Guten zu viel», sagt Meyer.

«Die Krebse haben sich selber durch Kannibalismus geschadet.» Es musste etwas gehen. Die Krebspopulation wurde durch Fänge reduziert und ab sofort regelmässig bewirtschaftet. Abnehmer ist seither der Kanton Aargau, der die Tiere in andere Gewässer umsiedelt.

Paul Hiltpold, der ohne seinen Jägerhut nie aus dem Haus geht, begutachtet seinen Krebsfang in Scherz.
5 Bilder
Paul Hiltpold (l.) und Hans Gloor holen eine Reuse aus dem Büselweiher.
Ein Prachtsexemplar von einem Edelkrebs. Die Art steht auf der roten Liste.
Auch Jan kennt sich bereits mit dem Fangen von Krebsen aus.
Christian Tesini und Lisa Wilmsmeier vom Kanton zählen die Krebse.

Paul Hiltpold, der ohne seinen Jägerhut nie aus dem Haus geht, begutachtet seinen Krebsfang in Scherz.

Sandra Ardizzone

Der Jägerhut gehört zu ihm

Hier kommt Paul Hiltpold ins Spiel. Seit nunmehr zehn Jahren fängt er mindestens einmal im Jahr die Krebse mit Reusen und übergibt diese dann den Vertretern des Kantons. Paul Hiltpold, der nie ohne seinen grünen Jägerhut aus dem Haus geht, nimmt uns mit an den Büselweiher, wo er mit seinem guten Freund Hans Gloor neun von zehn Reusen bereits am frühen Morgen herausgefischt hat.

Am Ufer steht ein Graureiher auf der Suche nach dem Morgenessen. Er fliegt davon, als sich die Besucher nähern. Im dichten Schilf ist die verbleibende Reuse festgemacht. Gemeinsam ziehen die Männer vorsichtig an der Schnur. Langsam kommt die Reuse an die Wasseroberfläche.

Paul Hiltpold greift danach und zieht sie an Land. Behutsam öffnet er sie und lässt die gefangenen Krebse in den bereitgestellten Eimer, gefüllt mit Wasser, plumpsen. Sein Trick: Er lockt die Krebse mit Brot und Cervelat in die Reusen. «Sie lieben den Geruch der Cervelat», ist er überzeugt. Dann präpariert er flugs die soeben geleerte Reuse erneut mit Brot und Wurst und lässt sie wieder ins Wasser gleiten.

Tote Ratten in der Reuse

In den zehn Jahren, in denen Paul Hiltpold und Hans Gloor gemeinsam Krebse fangen, haben sie schon viel erlebt. So haben sie zum Beispiel nicht nur Krebse gefangen, sondern auch die eine oder andere Ratte, die genauso scharf auf die Cervelat waren wie die Krebse.

Nur hatte dies für die Ratte einen schlimmeren Ausgang. «Als ich zum ersten Mal eine tote Ratte in der Reuse fand, bin ich schon erschrocken», sagt Hans Gloor und zeigt auf seinem Handy ein Foto einer ertrunkenen Ratte. «Sobald die Ratte in der Reuse ist, kommt sie halt nicht mehr raus», erklärt Paul Hiltpold und zuckt mit den Schultern.

Ihn ärgert es jeweils mehr, wenn er keine Krebse fängt, weil Menschen an den Reusen herumgezupft haben oder diese schlimmstenfalls sogar geöffnet haben und so zurück in den Weiher geworfen haben.

Mit dem Eimer in der Hand spazieren Paul Hiltpold und Hans Gloor zurück zur Mühle. Im Brunnen vor dem Gebäude werden die Krebse versorgt, bis sie von den Kantonsvertretern abgeholt werden.

Die Grössten werden gegessen

Mittlerweile ist es 9 Uhr morgens. Pünktlich fährt Christian Tesini, Umweltingenieur beim Kanton Aargau mit Praktikantin Lisa Wilmsmeier bei der Mühle vor. Sie stellen grosse Plastikkübel bereit und fischen dann die Krebse aus dem Brunnen. Dann werden die Männchen von den Weibchen getrennt.

Am Ende zählen die Kantonsvertreter 174 männliche und 145 weibliche Krebse. Die grössten Krebse landen in einem separaten Kübel. Die sind für Hanspeter Meyer. «Zum Essen», sagt er und schmunzelt.

Mit der Übergabe ist die Arbeit für Paul Hiltpold getan. Es ist das letzte Mal, dass er dies gemacht hat. Nach zehn Jahren ist Schluss. Wehmut und «ein mulmiges Gefühl» erfassen ihn, wie er zugibt. «Dass ich jetzt aufhöre, geht nicht spurlos an mir vorbei.» Er habe die Arbeit stets gerne gemacht.

«Mir ist es wichtig, dass die Edelkrebse nicht aussterben.» Auch darum hat Paul Hiltpold, der 43 Jahre lang als Schlosser für die ABB und später für die Alstom tätig war, immer wieder Schulklassen, manchmal auch Politiker, zum Büselweiher geführt und ihnen die Krebse gezeigt. «Ich konnte den Kindern damit eine Freude machen. Wenn einen 15 neugierige Augenpaare anschauen, ist das wunderbar», sagt Paul Hiltpold. Ganz loslassen kann er noch nicht. «Ich werde meinem Nachfolger zu Beginn gerne helfen», verspricht er und lächelt verschmitzt.